April 1968: Während in der Bundesrepublik die Studentenrevolte ihrem Höhepunkt zusteuert, sperren im DDR-Marinestützpunkt Peenemünde auf der Ostseeinsel Usedom Volkspolizisten eine Wiese ab, gleich neben der Friedhofsmauer um die kleine Kapelle des Ortes. Hinter der Absperrung wird eine Grube ausgehoben, in der Kriminaltechniker ein Massengrab aus der Zeit des Nationalsozialismus vermuten; Einwohner haben sie darauf aufmerksam gemacht.

Die Kriminalisten werden schnell fündig. Bis Mitte Mai exhumieren sie die sterblichen Überreste von 56 Menschen. Zeitgleich laufen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Rostock und der dortigen Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) auf Hochtouren. Man kann zwar weder einen konkret Tatverdächtigen benennen noch die genaue Identität der Toten klären, weshalb die Ermittlungen 1969 eingestellt werden. Es gelingt aber, zurückzuverfolgen, woher die Menschen stammen: Es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Insassen eines KZ-Außenlagers, das sich bis 1945 nur wenige Hundert Meter von dem Massengrab entfernt befand.

KZ-Häftlinge in Peenemünde – das ist ein Thema, das von den deutschen Raketenpionieren um Wernher von Braun stets totgeschwiegen oder geleugnet wurde. Dabei ist die Beweislage erdrückend: Es sind nicht nur zahlreiche Überstellungslisten aus dem Konzentrationslager Buchenwald erhalten geblieben, sondern es gelang ost- und westdeutschen Behörden in den sechziger Jahren auch, mehrere Dutzend KZ-Überlebende aus dem In- und Ausland ausfindig zu machen, die detailliert über die Haft in Peenemünde berichten konnten.

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Demnach gab es hier zwei Außenlager des KZ Ravensbrück mit männlichen Häftlingen. Eines wurde im Juni 1943 im Kellergeschoss der Montagehalle für die V2-Raketen in der Heeresversuchsanstalt eingerichtet. Nach einem schweren britischen Luftangriff zwei Monate später und der Verlagerung der Montage in das unterirdische KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen am Harz wurde das Lager jedoch im Oktober 1943 wieder aufgelöst; die Insassen verschleppte die SS nach Dora.

Das zweite Lager, aus dem die Leichen des Massengrabs am Friedhof höchstwahrscheinlich stammen, existierte zwischen Mai 1943 und dem Frühjahr 1945. Die durchschnittlich tausend Häftlinge waren in Baracken untergebracht, die sich rund fünfhundert Meter östlich der Gemeinde Peenemünde auf dem Gelände der Luftwaffenerprobungsstelle befanden. Die meisten Männer leisteten auf Baustellen Zwangsarbeit, denn trotz des Luftangriffs von 1943 wurde Peenemünde bis Ende 1944 noch weiter ausgebaut.

Den Berichten überlebender Lagerinsassen zufolge litten die Häftlinge unter den extrem harten Arbeitsbedingungen und unter den Schikanen und Misshandlungen durch das Wachpersonal und die zivilen Vorarbeiter. Wie viele Menschen in Peenemünde umkamen, lässt sich heute nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. 171 Namen von Häftlingen, die zwischen November 1943 und September 1944 starben, sind auf einer Verbrennungsliste des Krematoriums in Greifswald erhalten geblieben. Hinzu kommen mindestens die 56 Toten, deren Überreste in den letzten Monaten vor Kriegsende im Massengrab neben dem Peenemünder Friedhof verscharrt wurden.