Hirnforschung Wie werde ich ein Genie?

Der Wissenschaftsjournalist Bas Kast hat sich in einem Labor in Sydney kurzzeitig Teile seines Gehirn "abschalten" lassen. Ziel des Experiments: Das innere Genie anzuschalten.

Ich sitze in einem kargen Kellerraum der University of Sydney, dem „Centre for the Mind“. Ein paar Minuten noch, dann wird der Direktor des Forschungszentrums, Professor Allan Snyder, meinen Verstand abschalten. Den Verstand abschalten, das war jetzt nicht als Metapher gemeint. Nein, es ist eher so gemeint, dass Snyder mir gerade seinen Medtronic MagPro X100 Magnetstimulator an den Schädel drückt, um mit dem Gerät einen Teil meiner linken Gehirnhälfte lahmzulegen.

Ziel der Operation ist es, mich in ein autistisches Genie zu verwandeln. Einen „Rain Man“. Natürlich nur annäherungsweise und, wie ich hoffe, vorübergehend. Soeben hat der Forscher seinen Assistenten losgeschickt: Er soll sich vergewissern, dass ein Arzt im Gebäude ist. Etwas besorgt blicke ich zu Snyder hoch.

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„Keine Angst“, sagt der Forscher. „Es ist noch nie etwas passiert.“ Aber gut, letztlich handle es sich um eine sehr starke Magnetstimulation, da könne man natürlich nie wissen. Das sei halt der Preis, den man zahlen müsse, wenn man neue, noch unbekannte Wege auskundschaften wolle. Wer als Wissenschaftler nicht bereit sei, diesen Preis zu zahlen, der könne sich „genauso gut an den Strand legen“.

Ich schließe die Augen und sehe den Strand. Ich sehe die Surfer von Manly, dem idyllischen Stadtteil Sydneys, wo ich in einem kleinen Hotel untergebracht bin; aus meinem Zimmerchen kann man die Brandung hören. Irgendwie gefällt mir die Vorstellung besser als die, dass Snyder, der mit seiner umgekehrten Baseballkappe auf dem Kopf einen leicht exzentrischen Eindruck macht, gleich eine Viertelstunde lang mein Gehirn magnetisieren wird – und das nur aufgrund einer Hypothese.

Diese Hypothese, die allerdings in letzter Zeit von immer mehr Hirnforschern vertreten wird, lautet: In jedem von uns könnte sich ein Genie verbergen, ein kleiner Leonardo da Vinci. Der Leonardo in uns wird nur, wie Snyder & Co. vermuten, von einem Teil unseres Verstands aktiv unterdrückt. Im Grunde müsste man also lediglich diesen Teil des Verstands ab schalten, um das innere Genie an zuschalten. Das soll der Magnetstimulator, eine Art Störsender für die Nervenzellen, bewerkstelligen: Die Impulse des Geräts sind so stark, dass sie durch den Schädel dringen und eine ausgewählte Fläche meiner linken Hirnhälfte, Verstand inklusive, schachmatt setzen.

Der Assistent ist zurückgekehrt: „Alles klar!“, sagt er. „Kann losgehen.“ Sollten Sie an dieser Stelle den Eindruck bekommen, dass sich das Ganze mehr nach Science-Fiction als nach Science anhört, und sich fragen, ob Dr. Snyder vielleicht einer jener verrückten Forscher ist, die die Bodenhaftung verloren haben, dann kann ich Ihnen nur sagen, dass mir diese Frage, kurz bevor Snyder den Schalter umlegte, auch durch den Kopf geschossen ist – doch da gab es für mich kein Zurück mehr.

Leser-Kommentare
    • WillyF
    • 22.07.2007 um 22:20 Uhr

    Jetzt weiß ich endlich, warum bei der ZEIT soviele Genies arbeiten. ;-)

  1. DD hatte ja auch eine "Denk-kappe".
    Viele meiner kreativen Kuenstlerfreunde sind in der Lage gewisse Teile der Realitaet erfolgreich auszuschalten und sind sind daher voll im geisteigen Fokus ihrer Sparte.
    Viele "normale" Menschen, die Rechnungen bezahlen gehen, Kinder grossziehen, Beziehungen managen, einkaufen gehen muessen etc. haben vielleicht nicht dieses Privileg.Der Wunsch ist der nach einem "genius on demand", Genie auf Tastendruck, Problem ist aber dass die neuronalen Verknuepfungen eines Genies eben nur im "Genie-modus" gemacht werden. Von daher denke ich ist die Denk-kappe zwar nicht grundsaetzlich falsch, aber unpraktikabel.

  2. wird erreicht, wenn man das Gehirn komplett abschaltet. Vielleicht sollten die Leute, die danach streben ein Genie zu sein, das versuchen. Es lässt sich auch sehr schnell machen, ohne Drogen und High-Tech.

    • KMurx
    • 23.07.2007 um 10:23 Uhr

    So weit ich mich erinnere war doch der Doppel-Blind-Versuch Vorraussetzung fuer 'vernuenftige' Versuche dieser Art.
    Und etwas raffiniertere Testmethoden als Hundemalen. Es gibt ja schliessliche jede Menge standardisierte 'Leistungstests'.
    Warum nutzt dieser 'Wissenschaftler' nicht diese Methoden? Entweder Scharlatanerie oder Faulheit. Beides unentschuldbar.
    Wenn die ZEIT ueber Wissenschaft berichtet, dann doch bitte ueber serioese!

    • fbm
    • 23.07.2007 um 13:37 Uhr

    meine güte, was haben nur immer alle...

    der artikel will vermutlich eindrücke vermitteln und nicht die thematik auseinander nehmen - was soll daran schlimm sein?

    klar, es ist wichtig wissenschaft "seriös" zu machen und auch so darüber zu berichten, aber wir sind hier eben noch bei der zeit und nicht beim "journal of cognitive neuroscience" oder sonstewo. glaubt hier jemand irgendein ethikrat, der zu sowas garantiert angefragt werden muss, würde für eine schwachsinnshypothese seine zustimmung erteilen, wenn die versuchspersonen sich derartigen methoden ausgesetzt sieht?
    die hypothese ist ansich recht intuitiv verständlich. wir nutzen kapazitäten eher anteilig, savants übertreffen uns in einigen teilbereichen kognitiver fertigkeiten und den grund findet man darin, dass ihr filtermechanismus oder ihre aufmerksamkeitslenkung (man suche sich an dieser stelle die bevorzugte theorie zur erklärung dieses phönomens aus...) in irgendeiner weise eingeschränkt ist. nun versucht man dies zu prüfen indem man gesunde menschen mal zeitweilig etwas etwas durchrüttelt ("magnetisiert..").
    um beurteilen zu können was dabei genau geschehn soll und wie sinnvoll das ganze dann ist, muss man bedauerlicher weise wohl mehr als ein laie sein. natürlich kann man auch mal einen versuch wagen und die publikationen dieses wissenschaftlers begutachten...vielleicht dient der artikel ja in diesem sinne als anstoß.

  3. ich denke Sie haben Ihre Künslerfreunde nicht verstanden. Oder die Künstlerfreunde haben nichts verstanden.

    Es geht nicht darum, Teile der Realität auszuschalten, sondern nur noch Realität zuzulassen. Ein grosser Teil unseres Gehirns ist mit vielen Dingen beschäftigt, die mit der Realität nichts am Hut haben. Es geht dabei meist um Ego und Selbsterhaltung.

    So kommt man tatsächlich zu dem Schluss, dass in jedem von uns ein Genie steckt. Das Genie in einem selbst zu finden, also die Suche nach wahrer Erkenntnis, sehe ich als die Lebensaufgabe eines jeden Menschen. Eine Wissenschaft daraus zu machen, finde ich pervers.

    • KMurx
    • 23.07.2007 um 15:26 Uhr
    7. @fbm

    Natuerlich muss sich die ZEIT nicht an die Richtlinien eines wiss. Journals messen lassen.
    Aber wenn im Artikel schon steht, dass die Sache 'unter Kollegen' umstritten ist, erwarte ich dass der Journalist sich die Muehe macht und ueberprueft ob eine empirische Basis besteht und auch drauf hinweist. Das ist ein Satz...

    Natuerlich kann ich auch alles selbst recherchieren. Aber warum genau sollte ich dann ueberhaupt die ZEIT lesen?

  4. Welch wunderliche Blüten treibt er noch, der faustische Wahnsinn ? Und wie geschmacklos das Alles ist - Und wie es der menschlich - allzumenschlichen Eitelkeit entgegenkommt: In jedem von uns schlummert das Genie, in jedem von uns ein kleiner Churchill. Ja, wenn da nur nicht das lästige Gehirn wäre ! Sehr wahrschenlich war das der Grund, warum bei Bas Kast die Versuche versagten: Sein gehirn war bereits abgeschaltet, BEVOR er das Experiment gewagt hat, daher konnten keine wesentlichen Fortschritte verzeichnet werden.
    Und ein etwas seltsamer Geniebegriff schlummert in den Köpfen der Forscher: denn autistische Spezialbegabungen haben nicht viel zu tun mit dem Genie traditionellen Stiles, das sich dadurch auszeichnet, den Gesamtzusammenhang der Wirklichkeit besser und differenzierter als der Durchschnittskopf wahrzunehmen. Ja, man kann nur hoffen, dass Bas Kast es beim Schreiben belassen wird, und nicht uns auch noch mit Magnetstimulatoren auf den Leib rückt, um uns auf die Sprünge zu helfen. Es würde mich auch mehr erfreuen, wenn sich die Forscher darum bemühten, aus Autisten wieder Durchschnittsköpfe zu machen, die vielleicht nicht Zahlen in der 10 Potenz ausrechnen können, dafür aber in den nächsten Supermarkt gehen können und einen Schwatz mit der Kassiererin halten. Das wäre ethisch, geschmackvoll, und keine Zeitverschwendung....

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