Der aufgekratzte Ton, mit dem Doris Dörrie ihre Kurzgeschichte » Ein Mann!« bestreitet, signalisiert, wie sehr man beziehungsweise frau in der Entfremdung zu Hause ist. Man spricht cool und lässt durchs Gerede durchblicken, dass einem das Fehlen eines sogenannten Partners durchaus auch amüsiert. Man ist sich selbst ja in jedem Zustand eine Quelle der Heiterkeit. Ich behaupte, solche Texte werden mit einem »Cheese« auf den Lippen geschrieben, weil allein »Cheese« das Lächeln herbeizaubert, mit dem man so natürlich wirkt. Selbstverständlich bekommt in der Geschichte die Frau den Mann, alles ergänzt sich, Ausrufezeichen!, nach ein paar Seiten aufs Herzlichste.

Ich habe also wieder ein Buch über Liebe in der Mangel, nämlich die Liebesgeschichtensammlung Ist es Liebe?, herausgegeben von Carolin Bunk und Hans Sarcowicz (Insel Verlag, it 3265; Frankfurt am Main und Leipzig 2007; 186 S., 7,50 €). Das Buch ist sehr lesenswert, aber der Untertitel ist eine reine Erfindung: Die schönsten Geschichten über die Liebe. Damit muss man leben und auch damit, dass hier wieder einmal ganz unterschiedliche Dichter und Dichterinnen auf der Grundlage des Liebesthemas zusammengezwungen werden. Da ich Rationalist bin, finde ich das erfreulich, denn es stellt sich heraus, dass die Sache, um die es geht, die Versammlung einander völlig fremder Personen ermöglicht. In Liebesdingen bilden, wenn es sein muss, sogar Kurt Tucholsky, Haruki Murakami und Isabel Allende ein Ensemble.

Dass man Tucholskys Ein Ehepaar erzählt einen Witz abdruckt, obwohl es unmöglich ist, damit nicht vertraut zu sein, finde ich richtig. Das Wiederholen ist für mich eher eine kulturelle Leistung als das hektische Anbieten von Neuigkeiten. Außerdem habe ich an der Schulaufgabe, die sich formulieren lässt, eine Freude: Stellt Tucholskys Ein Ehepaar erzählt einen Witz in erster Linie ein Eheproblem oder das Problem des Witzeerzählens dar? Inwiefern könnte man aber behaupten, dass Tucholsky in Ein Ehepaar erzählt einen Witz sowohl das Witzproblem als auch das Eheproblem in ihrem untrennbaren Zusammenhang behandelt?

Haruki Murakamis für den Band ausgesuchte Geschichten (Das Fenster und Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah) haben etwas gemeinsam, auf das es in der Liebe ankommt. Sehr primitiv gesagt, ist es der Mythos von der versäumten Gelegenheit: Wer in der Liebe nichts versäumen will, wird nichts auslassen, wird jede Gelegenheit am Schopf packen, und wenn nichts draus wird, kann er immerhin sagen: Ich hab’s versucht. Aber es gibt zartere Ungewissheiten, denen man nicht grob kommen kann – Situationen, die die Menschen in der Schwebe halten, wo man schon bei kleinsten Bewegungen alles falsch machen kann, weshalb gar nix zu machen auch so attraktiv ist. Dann aber steht man vielleicht für den Rest seines Lebens da und blickt in Liebe zurück: Hätte ich nur…

Isabel Allendes Geschichte Ester Lucero ist die schönste Liebesgeschichte, die ich kenne. Ich werde den Teufel tun und sie nacherzählen. In dieser Geschichte ist die versäumte Gelegenheit das von einem Mann mit Absicht auf sich genommene Prinzip seiner Liebe; es ist ein Hohelied auf den redlichen Verzicht. Ich glaube, mit Liebesgeschichten kann man antiliterarischen Dumpfbacken die Literatur näherbringen: Wer gerade nicht liebt, dem ist die Daseinsintensität durch Liebe fremd. Die Literatur, die davon etwas bewahrt, erinnert ihn daran – und dafür ist ihr der Lieblose vielleicht sogar dankbar. Franz Schuh