Die Schaffnerin versteht den ganzen Trubel nicht. Ein kleiner, leicht ergrauter Mann mit intensivem Blick unter den dichten Augenbrauen und jungenhaftem Lachen zwängt sich zwischen zwei Leibwächtern hindurch in den Expresszug nach St. Petersburg. Ein französisches Fernsehteam drängt hinterher. »Das ist Garri Kasparow«, ruft ihr der Korrespondent zu. »Garri wer?«, fragt die junge Schaffnerin. Sie bittet, nicht gefilmt zu werden. Immer schön vorsichtig. Als Handlungsreisender in Sachen Opposition gegen Präsident Wladimir Putin fährt Kasparow durchs Land. Als Rastloser, der Russland vor der Diktatur retten möchte. Kurz zuvor, auf einem Bahnhof in Moskau, wurde der langjährige Schachweltmeister von Reisenden erkannt. Stolz verteilte er Autogrammkarten, auf deren Rückseite ein politischer Text von Demokratie und Ehrlichkeit kündet. Im kommenden März sind Präsidentschaftswahlen, und Putin kann nicht noch einmal kandidieren.

Viele sehen in Kasparow einen Hoffnungsbringer – für andere ist er ein Seiteneinsteiger und notorischer Einzelkämpfer, von dem bereits die Getreuen abfallen. Der Politologe Boris Makarenko nennt ihn einen »zänkischen Charakter«, der ohne politisches Gespür die demokratischen Kräfte im Land entzweie, so wie er einst bereits die organisierte Schachwelt in zwei Lager aufspaltete. Sein Kollege Andrej Rjabow bezweifelt Kasparows Chancen in der konservativen russischen Politik: »Weder die Politiker noch die Wähler hier lieben Neubekehrte, die aus dem Nichts auftauchen.« Gegen solche Einwände hat Kasparow jene Wesenszüge aufzubieten, für die er seine politischen Idole Winston Churchill und Martin Luther King verehrt: Er handelt mit Leidenschaft, unbeirrbar und mutig. »Vor sieben Jahren habe ich verstanden, dass ich entweder abreisen oder kämpfen muss«, sagt er. »Ich habe den Kampf gewählt.«

Seither kam es knüppeldick, nicht nur durch die Spezialpolizisten, die während der »Märsche der Dissidenten« hemmungslos auf Demonstranten einschlugen. Die mit Ketchup beschmierten Eier, die aus den Reihen der Putin-Jugendorganisation »Unsere« auf Kasparow geworfen wurden, sind noch das kleinste Übel. Vor zwei Jahren schlug ihm ein Gegner ein Schachbrett auf den Kopf. Kasparow reagierte mit Humor. »Ich bin froh«, sagte er, »dass in der Sowjetunion Schach der Volkssport war und nicht Baseball.« Im März wurde Kasparow wegen Unruhestiftung verurteilt und nahm dies wie einen Ritterschlag entgegen. Wenn seine Mitstreiter von ihren Aufenthalten in Polizeizellen berichten, feixt er. Aber er ist sich auch der Gefahren bewusst. Die Morde an der Journalistin Anna Politkowskaja und dem früheren Geheimdienstagenten Alexander Litwinenko haben gezeigt, dass sich seines Lebens nicht mehr sicher sein darf, wer gegen den Kreml vorgeht. Kasparow hat seine Frau zur Geburt ihrer Tochter im vergangenen Jahr aus Sicherheitsgründen nach New York geschickt. Auf Flügen mit russischen Fluglinien trinkt und isst er nichts.

Bei den Teegläsern im Zugabteil auf dem Weg zur Aktivistenversammlung in St. Petersburg greift er aber zu. »Hier gibt es keine festen Plätze wie im Flugzeug«, sagt er, »hier ist das Risiko minimal.« Er wirkt wie ein Idealist, der mit sich und seiner Mission im Reinen ist. »Russland verdient es, ein Teil der freien Welt zu sein«, verkündet er. Hartnäckig erklärt er die Auflehnung für wichtiger als den politischen Erfolg: »Wir kämpfen nicht um den Sieg bei den Wahlen, sondern dafür, dass sie frei und demokratisch stattfinden.« Garri Kasparow ist unangepasst und folgt Überzeugungen, was für die russische Politik heute außergewöhnlich ist. Gerade das erscheint den zynischen Polittechnologen im Kreml unberechenbar und gefährlich.

Russland sei am Wendepunkt angelangt, sagt Kasparow und lässt sich auch durch die hohe Zustimmungsrate zu Putins Politik und die Apathie der Unzufriedenen in der Bevölkerung nicht beirren. »Zum Ende des Jahres wird das Regime durch den internen Druck zusammenbrechen«, prophezeit er. Vorerst aber droht eher die Opposition zu zerfallen. So haben sich zuletzt der frühere Ministerpräsident Michail Kassjanow, der einzige vorzeigbare Politprofi in Kasparows Oppositionsbündnis, und einige Menschenrechtler wegen Meinungsverschiedenheiten über das Auswahlverfahren eines gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten von ihm abgewandt. Andere distanzieren sich, um noch schnell mit Duldung des Kremls einen aussichtsreichen Listenplatz für die Parlamentswahl im Dezember zu ergattern. Kasparow aber versichert unverdrossen, auf dem richtigen Weg zu sein.