Gardelegen

»Wir müssen positiv denken«, das ist ein Lieblingssatz des Bürgermeisters von Gardelegen, Konrad Fuchs. Damit ist er auch schon im Fernsehen aufgetreten, bei Sabine Christiansen. Gardelegen, die schmucke Vorzeigestadt aus dem Osten, mit den mittelalterlichen Fassaden, mit intelligent umgenutzten Wohnungsbauten aus SED-Zeiten, mit Gewerbe- und Industrieansiedlungen, die den Neid der Nachbarn erwecken. Ein Beispiel wider ostdeutschen Pessimismus.

Leider hat Gardelegen mehr Anlass als andere Städte, nicht nur optimistisch nach vorne, sondern auch kritisch zurückzuschauen. Das aber fällt der Stadt schwer.

Im Zweiten Weltkrieg war Gardelegen Schauplatz eines der grauenhaftesten Naziverbrechen. Es geschah in den letzten Kriegstagen, in der Nacht vom 13. auf den 14. April 1945, ganze 24 Stunden bevor die Amerikaner kamen. KZ-Häftlinge aus dem Harz, aus Hamburg und aus Hannover hatten auf einem der sogenannten Todesmärsche Gardelegen erreicht. Hier machten sich ihre Bewacher mit Unterstützung der örtlichen Bevölkerung daran, Himmlers Befehl umzusetzen, dass keiner dieser Häftlinge lebend in die Hände alliierter Truppen fallen dürfe.

Später berichtete das US-Magazin Time vom »Holocaust von Gardelegen«. Die Häftlinge wurden in eine Scheune im Ortsteil Isenschnibbe getrieben, die Tore verschlossen und verkeilt. Dann legte ein SS-Mann Feuer. Mit Maschinengewehren, Panzerfäusten und Granaten schossen SS und ihre Helfer in die Scheune; später übergossen sie die Leiber, ob tot oder lebendig, mit Benzin und zündeten sie an. So haben es 25 Überlebende des Massakers der US-Army zu Protokoll gegeben; so berichteten sie es später den Historikern.

Selbstverständlich hat Gardelegen eine Gedenkstätte. Sie ist 42.000 Quadratmeter groß, 1023 Kreuze stehen dort, und regelmäßig wird sie von Überlebenden des Verbrechens aufgesucht. Sie kommen aus Frankreich, Belgien, Polen, Russland und acht weiteren Ländern. Nur – welcher Ereignisse genau an dieser Gedenkstätte eigentlich gedacht werden soll, darüber sind sich die Gardelegener bis heute nicht einig geworden.