Als er noch Klinikchef war, hat Volker Diehl sich diplomatischer geäußert. Doch ein Freund klarer Worte war er immer. Nun ist er Gründungsdirektor des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen in Heidelberg, aber emeritiert. Wenig muss er noch Rücksicht nehmen, wenn er über den Zustand seines Fachs urteilt. »Zustände wie im Mittelalter« hätten da über die vergangenen Jahrzehnte geherrscht. »In der deutschen Onkologie war jede Klinik ein Kleinfürstentum«, lautet Diehls harsche Diagnose. »Und in welche Klinik ein Krebspatient kam, hat der Taxifahrer entschieden«.

Diehl spricht aus eigener Erfahrung. Er war zwanzig Jahre lang eine der wichtigsten Figuren des von ihm kritisierten Systems. Als Direktor der Kölner Uniklinik für innere Medizin regierte er selbst eines der Fürstentümer in der deutschen Krebsmedizin. Sein Befund, zugespitzt und pauschal, gilt beileibe nicht für jede Klinik, in der Krebskranke behandelt werden. Doch was er formuliert, ist der Grund für einen durchaus bekannten Skandal im Gesundheitswesen: Viel zu viele deutsche Krebspatienten werden schlecht therapiert.

Zwar bekämen Patienten mit Lymphdrüsenkrebs oder Leukämien in Deutschland die »weltbeste Behandlung«, sagt der Münchner Onkologe Wolfgang Hiddemann vom Uniklinikum Großhadern, doch bei anderen Tumorarten sei das leider nicht die Regel. »Im Vergleich zu anderen Ländern sind die Behandlungsergebnisse bei zahlreichen Krebsformen nicht optimal«, klagt auch Otmar Wiestler, der Chef des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg. Nun aber soll alles besser werden.

Neue Tumorzentren verbessern die Versorgung in Deutschland

Das neue Centrum für Integrierte Onkologie (CIO) an der Kölner Universitätsklinik steht für den Neubeginn. In einem frisch renovierten Besprechungszimmer sitzen Bernd B. und seine Frau zwei Ärzten gegenüber, einem Onkologen und einem Strahlentherapeuten. Die Mediziner prüfen die Röntgenbilder, studieren die Krankenakte. In der Bauchhöhle des 52-jährigen Elektroakustikers wuchert ein Weichteilsarkom. Er wurde deswegen schon andernorts operiert, doch der Tumor ließ sich nicht vollständig entfernen.

Die beiden Tumorspezialisten am CIO raten zu einer besonders aggressiven Form der Bestrahlung. Die Chance, damit ein Wachstum des Tumors zu verhindern, läge bei »fifty-fifty«. Bernd B. will sich das erst noch durch den Kopf gehen lassen. Aber er findet es »toll«, dass die beiden Mediziner sich so viel Zeit für ihn genommen haben. »Wegweisend, was die hier machen!«, sagt er.

Auf das CIO war Bernd B. bei seiner Suche nach Hilfe im Internet gestoßen. Es verspricht eine Behandlung »nach dem aktuellsten Stand der Forschung«. Es wirbt mit »interdisziplinären«, also von Ärzten aus unterschiedlichen Fachgebieten gemeinsam bestrittenen Tumorsprechstunden. Und auch das ist neu: Nicht mehr der Patient selbst ist zuständig für das Management seiner Behandlung. »Sonst läuft man ja als Krebspatient von einem Arzt zum anderen«, sagt Bernd B. »Hier brauchten wir uns um nichts zu kümmern.« Die Termine wurden von einem Lotsendienst koordiniert.