Die Müritz ist ein See. Deutschlands größter (der größere Bodensee ist nicht rein deutsch). Aber man blamiert sich bei den Anliegern bis auf die Knochen, wenn man vom Müritzsee spricht. Einfach nur: die Müritz. Das reicht. Der blaue Großfleck auf den Wanderkarten hat etwa die Umrisse eines gefüllten Magens; Pförtner ist der nördliche Hauptort Waren; im Süden, unterhalb der großen Aussackung, beginnt der schlingenreiche Darmtrakt.

Die Müritz, insbesondere ihre südlichen Verzweigungen, sollte man er-fahren, hatte uns ein Kenner der Mecklenburgischen Seenplatte gesagt. Am besten mit dem Kajak oder dem Kanadier. Aber als Endfünfziger hat man einen Notvorrat an Ausreden, um es auf die bequeme Tour anzugehen: per Wohnboot.

Nördlich von Rechlin hat das Ufer – die Magenwand, um im Bild zu bleiben – eine kleine Ausstülpung, den Claassee. Er ist umrundet von Bootsstegen, flankiert von Werftschuppen und belegt mit Charterbooten. Die sehen, obwohl relativ neu, alle ein wenig aus wie gut gepflegte, gemütliche Oldtimer: gusseiserne Statur, kastenförmiger Kabinenaufbau in der Mitte. Wären sie schnittiger, beschnitte das unweigerlich die üppig bemessenen Kabinenvolumina. So aber ist der Panorama-Steuerraum, zugleich »Wohnzimmer«, groß genug, um Karten, Ferngläser und alles Mögliche locker drapieren zu können. Mein Mitfahrer, erster und einziger Decksoffizier, Mario Kessler, Illustrator aus Schondorf am Ammersee, inspiziert die Pantry (Schiffsküche), testet den Gasherd, prüft die Warmwasserzufuhr. Alles top.

Der erste Eindruck von erprobter Zuverlässigkeit verstärkt sich aufs Angenehmste, als wir im Hafenbecken die ersten Proberunden drehen und anfangs noch zittrige Anlegegemanöver fahren. Unter geduldiger, fachkundiger Aufsicht, versteht sich. Das Zittrige verflüchtigt sich, sobald man die Funktion der zwei Knöpfe für die beiden Bugstrahler begriffen hat. Mit ihrer Hilfe kann man den Pott auf der Stelle drehen. Kein Kleinwagen hat so einen Wendekreis. Die Einweisungen, erst theoretisch an Land, dann praktisch im Hafen, sind knapp bemessen, aber routiniert und präzise. Auf der Müritz darf man auch ohne Sportbootführerschein fahren.

Die angedrohte Regenwetterfront aus Nordwesten kommt in kurzatmigen Böen herangefegt, und die erste Nacht im Bauch der Trebel überzeugt uns von dem Nutzen der Fender. Fender sind dicke Plastikwürste am Band, mit denen man sich vor Stegen oder rempelnden Bootsnachbarn schützt. Im strömenden Regen, zum Glück handwarm, zwänge ich um zwei Uhr nachts zwei der Fender von Back- und Steuerbordseite nach hinten, wo sich die Heckstahlkante unseres Bootes schon in den Steg gefräst hat. Gegenüber müht sich ein Rentnerpaar, sie im Nachthemd, er im durchweichten Trainingsanzug. Der Wind fetzt eine Kapitänsmütze – Hamburger Hafengeburtstag 2000 – von seinem schlohweißen Haarkranz; eine Böe presst sie gegen den Aufbau unserer Trebel . Ich berge sie.

Um sechs Uhr hat sich der Wind ausgetobt. Das ist gut. Aber der Himmel hat sich noch nicht abgeregnet. Das ist weniger gut. Blesshühnchen, vermutlich die Frühschicht, patrouillieren auf der Suche nach Brotkrumen zwischen den vertäuten Schlafschiffen. Wir ignorieren die Betteltour, lösen die Leinen und gönnen uns ein Stehfrühstück am Steuerrad. Am Vortag hatte uns der Bootseinweiser einen Tipp gegeben: »Wenn ihr ihn sicher sehen wollt, fahrt möglichst früh vor bis Tonne 34. Halbe Höhe Ostufer. Aber achtet auf die Begrenzungstonnen; der Nationalpark reicht da ein Stück weit ins Wasser! Absolute Sperrzone!«

Natürlich wollen wir ihn sehen! Und nach einem halben Stündchen Fahrt – rote Begrenzungstonnen immer hart steuerbord liegen lassen, neun Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit – zeigt sich der Himmel einsichtig und teilweise durchsichtig: Er reißt auf. Ein Keil von Tiefblau spaltet das Grau, das über dem Westufer schon ausfranst. Etwas Tag schimmert durch. Das sollte auch ihm gefallen, denke ich. Kaum gedacht, wird es wahr. »Da, da! Das isser!« Eine Hand liftet das Fernglas, die andere zieht den Vortriebshebel der Trebel in die Nullstellung zurück. Keine Vibration des Schiffsdiesels soll das Erlebnis verwackeln.