Die Grundsatzfrage »Wohin gehen wir heute essen?« hat sich bald erschöpft. Das ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass das euphorische Glücksgefühl der ersten Urlaubstage abgeflaut ist. Jetzt lässt man je nach Typ entweder die Seele treiben und verfällt in an Verblödung grenzende Agonie, oder man versucht, durch abseitige Aktivitäten den Energiepegel im grünen Bereich zu halten. Der romantische Plan, einmal mit den Fischern ganz zeitig auf das Meer hinauszufahren, erweist sich jedoch als frostige Angelegenheit. Auch sind um diese frühe Stunde die Augen noch verklebt, weshalb man den Sonnenaufgang nur eingeschränkt genießen kann. Wer also lange schlafen und dennoch auf Unterhaltung nicht verzichten will, könnte die ausländische Presse auf der Suche nach Berichten über Österreich durchforsten. Das ist wirklich nur für Sammler, und die seltenen Fundstücke, in denen unser Land eher von der skurrilen Seite beschrieben wird, dämpfen ein wenig den Nationalstolz. Doch anderseits stellt sich das erhebende Gefühl ein, ein besonderes Kleinod entdeckt zu haben. Fortgeschrittene Zeitvertreiber begeben sich in der südlichen Hälfte Italiens mitunter auf eine Rätselrallye, die mit der mutigen Frage beginnt: »Avete giornali austriaci?« Das Gaudium bei dieser Freizeitgestaltung besteht in den Reaktionen der Zeitungsverkäufer. Sie pendeln zwischen einem milden Lächeln und der simplen, aber demütigenden Antwort: »Perché?« Sollte man aber überraschenderweise irgendwo eine drei Tage alte Kronen Zeitung ergattern, so kann man anschließend das heimatliche Wetter von vorvorgestern studieren – und schon ist wieder ein Urlaubstag sinnvoll gestaltet. BILD

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben