Den Grünen geht es schlecht, obwohl es ihnen gut gehen könnte: Die Regierung liefert der Opposition eine Steilvorlage nach der anderen, die Parteien am rechten Rand stolpern unentwegt über sich selbst, und alle Welt spricht vom Klimawandel. Doch was macht die grüne Opposition daraus? Hand aufs Herz – wem fällt dazu mehr ein als das unrühmliche Ende des Eurofighter-Untersuchungsausschusses?

Den Grünen geht es gut, obwohl es ihnen schlecht gehen sollte: Die Partei stellt die Parlamentsfraktion mit dem höchsten Durchschnittsalter, aber sie besitzt die jüngste Wählerschaft. Weit und breit gibt es kein neues Gesicht, das den grünen Altvorderen die Show stehlen könnte – die Mandatare kennt man seit vielen Jahren. Wie reagieren die jugendlichen Wähler? Glaubt man der Demoskopie, so halten sie den Grünen noch immer die Treue.

Im dritten Jahrzehnt ihres parlamentarischen Wirkens sind die Grünen fast völlig vom Radarschirm der öffentlichen Aufmerksamkeit verschwunden. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die beiden Koalitionsparteien einander wechselseitig als Quasiopposition den Rücken kratzen und dabei den Grünen wenig Platz lassen; und auch damit, dass der Unterhaltungswert eines Peter Westenthaler jenen von Alexander Van der Bellen bei Weitem übersteigt. Aber dennoch hält sich zäh der Eindruck, hier sonne sich eine behäbige Truppe satter Exrevoluzzer in den Erfolgen von anno dazumal – und bemerke dabei gar nicht, dass sich diese Sonne bereits langsam im Untergehen befinden könnte.

Die einstigen Radikalinskis wirken inzwischen wie betuliche Tanten

Der grüne Wiener Gemeinderat Christoph Chorherr hat vor einigen Wochen ein wichtiges Stichwort geliefert: Die Grünen sollten eine Nachwuchsquote einführen – nicht statt, sondern neben der Frauenquote. Denn nichts drückt den grünen Wandel von einer radikalen Reform- zu einer gemächlichen Systempartei so provokant aus wie der Verzicht auf das sogenannte Rotationsprinzip.

Vor 20 Jahren schworen sich die Grünen auf ein Gesetz ein: Ihre Funktionäre mussten ständig und rasch ihre Positionen wechseln – im Parlamentsklub sollte stetige Rotation des Personals herrschen. Bald entdeckten damals aber die Nachwuchspolitiker, dass diese mutwillige Rotation die eigene Professionalität behindere – ein Zeichen für die Lernfähigkeit der Partei. Dass sie aber prompt von einem Extrem in das andere zurückfielen und zur strukturkonservativsten Partei Österreichs erstarrten, das ist mehr als eine bloße Normalisierung der Grünen. Es ist eine Übernormalisierung.

Vor etwa 100 Jahren hat Robert Michels, einer Begründer der modernen Politikwissenschaft, sein »ehernes Gesetz der Oligarchie« aufgestellt, dem zu dieser Zeit in Deutschland keine Partei stärker verfallen war als die auf Gesellschaftsveränderung zielende Sozialdemokratie. Einen ähnlichen Widerspruch verkörpern heute die österreichischen Grünen. Die brav gewordenen Radikalinskis von gestern wirken nun wie betuliche Tanten, die längst vergessen haben, dass sie einmal den anderen Parteien vormachen wollten, wie innerparteiliche Demokratie aussieht.

Als Bundessprecher hat Van der Bellen inzwischen mehrere SPÖ-, ÖVP-, FPÖ- und BZÖ-Vorsitzende überlebt. Realpolitisch betrachtet, könnte darin ein Zeichen grüner Stabilität gesehen werden. Aber von genau dieser Art von Politik wollten sich die Grünen doch einmal entschieden abgrenzen.

Es gibt gute Argumente, diese Bedächtigkeit für insgesamt positiv zu halten. Das Ende des auch als Kinderkrankheit interpretierbaren Wunschtraums einer innerparteilichen Basisdemokratie, in der niemand prominent sein darf, wurde bei vielen Wahlen durch stetiges Wachstum belohnt. Die Grünen sitzen heute in allen Landtagen. Und eine grüne Regierungsbeteiligung auf Bundesebene scheiterte 2006 nur am schwachen Abschneiden der beiden Großparteien, ihrer potenziellen Partner.

Mit dem Aufstieg von der Klein- zu einer Mittelpartei treffen die Grünen aber auch die Konsequenzen dieses Wählerzuwachses: Sie müssen immer mehr Widersprüche integrieren, weil sie immer gegenläufigere Interessen zu berücksichtigen haben. Der grüne Uraffekt gegen eine Philosophie des Wachstums reibt sich mit der europafreundlichen Einstellung der Partei. Der Grundsatz Small is beautiful ist nur mühsam mit dem Ruf nach Aufhebung von Grenzen vereinbar. Und die spontane Neigung, immer auf der Seite der Schwächeren zu stehen, ist nur schwierig einer Wählerschaft zu vermitteln, die insgesamt bürgerlicher und wohlhabender ist als die aller anderen Parteien.

Einen einfachen Ausweg aus diesem Dilemma gibt es nicht. Es wäre zu simpel, den Status der Kleinpartei wieder herbeisehnen zu wollen. Als Mittelpartei, die eine Koalition mit einer – oder vielmehr mit jeder – der beiden Großparteien anstrebt, müssten die Grünen sich und vor allem ihre Wählerschaft aber daran gewöhnen, dass diese Widersprüche nur aufgelöst werden können, wenn sie offen thematisiert werden.