In dem kleinen Städtchen Szczekociny im polnischen Oberschlesien lebten zum Zeitpunkt der letzten Volkszählung vor dem Krieg 2.532 Juden. Das war knapp die Hälfte der Bewohner. Eine kleine, wenig bedeutende Gemeinde arbeitsamer und gottesfürchtiger Menschen, wie es Tausende davon gab in Polen, der Ukraine oder Weißrussland. Sie führten ein hermetisches Leben, abgewandt der modernen Zeit. »Der Ostjude weiß in seiner Heimat nichts von der Herrschaft des Vorurteils, das die durchschnittlichen Westeuropäer beherrscht«, schrieb in diesen Jahren Joseph Roth in seinem Essay Juden auf Wanderschaft. Er wisse »nichts von dem Haß, der bereits so stark ist, daß man ihn als daseinserhaltendes (aber lebenstötendes) Mittel sorgfältig hütet wie ein ewiges Feuer«.

Ein Jahr, nachdem der traurig-kluge Joseph Roth dem ostjüdischen Schtetl bereits einen Epitaph gesetzt hatte, wurde Leon Zelman in Szczekociny geboren, in eine Welt, die nichts von ihrem nahen Untergang ahnte.

Ein Menschenleben später findet sich in der polnischen Kleinstadt mit Adelsschloss und Heldendenkmal kaum eine Spur mehr von den Generationen von Juden, die dort gelebt hatten. In das Gebäude der Synagoge in der Konopnickiej-Straße ist ein Kaufmarkt eingezogen, auf dem Gelände eines der beiden alten jüdischen Friedhöfe steht eine Fleischfabrik, auf jenem des anderen befindet sich der Busbahnhof. Zumindest die öffentliche Bedürfnisanstalt wurde vor zwei Jahren nach langem Hin und Her wieder verlegt. In den Hintergärten vieler Häuser liegen zersplitterte Grabsteine herum. Sie dienten als Baumaterial und Wegplatten zwischen Gemüsebeeten.

Vor mehr als zwanzig Jahren, als man es noch vorzog, über den Massenmord lieber zu schweigen, organisierte Leon Zelman in Wien eine umfassende Ausstellung über die damals hier fast unbekannte Versunkene Welt des osteuropäischen Judentums. Die Initiative war in der jüdischen Gemeinde von Wien keineswegs populär. Vor allem alte Herrschaften, die meisten Entwurzelte wie Leon Zelman selbst, bedrängten ihn: »Doktor, warum machen Sie das? Es ist nicht gut, wenn man über uns redet.« Doch Zelman, klein, quirlig und ein Mann, der häufig auch ein wenig außer sich war, fasste sie fest an den Schultern, und ein eindringlicher Blick seiner großen Augen, aus denen die Traurigkeit nie ganz verschwand, wollte keinen Widerspruch mehr erlauben. »Wenn wir zu vergessen beginnen, dann hat Hitler gesiegt«, sagte er: »Das, mein Freund, ist meine Art Kaddisch zu sagen.« Das Kaddisch ist ein Gebet, das den Namen des Ewigen preist und das die Lebenden stellvertretend für und in Erinnerung an die Verstorbenen beten, an jedem Jahrestag deren Ablebens. »Der Frieden stiftet in seinen Himmelshöhen, stifte Frieden unter uns und ganz Israel«, schließt es.

Aber Kaddisch und Totenklage für Millionen – wie soll das gehen?

Sein ganzes Leben war überschattet von seinem Überleben

Wie bei so vielen, die der Schoah entkommen waren, war auch das Leben von Leon Zelman überschattet von seinem Überleben. Davon, dass er nicht der Mordindustrie zum Opfer viel. Niemand aus seiner Familie hatte überlebt, er aber die Deportation aus Szczekociny, das Ghetto von Lodz, Auschwitz, den Todesmarsch nach Österreich, das KZ Ebensee. Aber eine Erklärung dafür, dass rund um ihn alles ausgelöscht worden war, nur er nicht, dass in ihm, der nur noch ein jämmerliches Bündel Haut und Knochen war, nach der Befreiung noch ein Funken Leben steckte, gab es nicht. Hätte er, den die Geschichte ganz allein zurückgelassen hatte, zumindest einer Hilfskonstruktion trauen können, hätte er vielleicht Ruhe finden, ein neues Leben beginnen können. Aber da lag ein schwarzes Loch hinter ihm und das hatte seine Seele verschluckt.

Es gehört viel Kraft und Willensstärke dazu, dort weiterzumachen, wo Leon Zelman weitergemacht hat. Viele haben in dieser Situation eine radikale Flucht vor ihrer Vergangenheit angetreten, gejagt und gequält von Albträumen. Manche begingen noch Jahrzehnte später Selbstmord. Nur wenige stellten sich so entschlossen wie Leon Zelman dem Grauen, das hinter ihnen lag. Er wollte sein Weiterleben dadurch rechtfertigen, dass er sich der nahezu unlösbaren Aufgabe widmete, aus Erinnerungen Zukunft zu gestalten. Er wollte weder Ankläger noch Richter sein, und auch die Rolle eines Versöhners beschreibt ihn nur höchst unvollständig – denn was hätte miteinander versöhnt werden sollen? Die Lebenden mit den Toten, die Überlebenden mit jenen, denen sie entkommen waren?

Vielmehr hoffte er, das monströse Kapitel der Geschichte entdämonisieren zu können, indem er persönliche Begegnungen herstellte zwischen zwei Sphären, die ein Abgrund trennte. Dadurch sollte neues, gegenseitiges Vertrauen entstehen können, dadurch sollte die Sprachlosigkeit weichen, die von so vielen Besitz ergriffen hatte, und dadurch sollte die Wiederholungsgefahr gebannt werden. Sein Konzept der Vergangenheitsbewältigung (ein Begriff, den Zelman ebenso verabscheute wie jenen der Wiedergutmachung) war weder wissenschaftlich noch ökonomisch oder im herkömmlichen Sinn politisch. Es war bloß menschlich. Aber nach ostjüdischer Tradition war Mensch ohnehin das größte Kompliment, das Zelman machen konnte.

Sein 1980 gegründetes Jewish Welcome Service, über das er im Lauf der Jahre über 4.000 Besuchsreisen von Vertriebenen in deren alter Heimatstadt Wien organisierte, war eine Agentur zur Menschenvermittlung. Er schickte Menschen durch Raum und Zeit, um Misstrauen, Angst, Vorurteile zu überwinden. »Doktor, wie können Sie in der Stadt der Mörder leben?«, fragten ihn oft die skeptischen Besucher. »Komm, ich zeige es Ihnen.« Sein enthusiastischer Optimismus war unbelehrbar.

Leon Zelman adoptierte das fremde, vergessliche Wien so bedingungslos zu seiner Stadt, dass Enttäuschungen unvermeidlich waren. Dann war er am Boden zerstört, beklagte, in »einer Illusion« gelebt zu haben und vor den Trümmern seines Lebenswerkes zu stehen. In solchen Momenten traten ihm Tränen in die Augen. Die wurden schnell vertrieben von neuen Ideen: eine Begegnungsstätte in Israel, ein Haus der Geschichte nebst des Parlaments. Er ließ nicht locker. Wider besseres Wissen existierte für ihn nicht – wieso hätte er sonst überleben können?

»Die Ostjuden haben keine Heimat, aber Gräber auf jedem Friedhof«, heißt es in dem bekanntesten Satz aus dem Essay von Joseph Roth.Vielleicht war es das letzte Statement von Leon Zelman, dass sein Leichnam nicht nach Israel überführt wurde, sondern vergangene Woche am Wiener Zentralfriedhof seine Totenruhe fand.

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben