China Olympia ist eine Droge

Peking wird für den Sommer 2008 auf Hochglanz poliert. Doch hinter dem schönen Schein hausen oft Elend und Schrecken.

Ai Dongmei war einmal eine sehr bekannte Langläuferin in China. Sie gewann einen Weltmeistertitel und mindestens drei große internationale Marathon-Läufe. Inzwischen aber lebt Ai in Armut und Not. Deshalb kam sie auf die Idee, ihre Medaillen zu verkaufen. Doch eine alte Teamkollegin riet ihr ab und überredete sie, stattdessen ihren damaligen Trainer Wang Dexian zu verklagen. Ai beschuldigte ihn, er habe ihr zustehende Prämien von annäherend 20011000 Yuan (201000 Euro) veruntreut. Angeblich verfügte sie über stichhaltige Beweise und hatte große Chancen, den Prozess zu gewinnen. Doch überraschenderweise schloss Ai mit dem Sportverband, bei dem der Angeklagte Wang arbeitet, einen außergerichtlichen Vergleich. Ihre Entscheidung begründete sie auf ihrem Blog so: »Meine Freunde wiesen mich darauf hin, dass bald die Olympischen Spiele in China stattfinden. Je länger mein Fall offen bleibe, desto größer sei der Imageschaden für unser Land. Sie rieten mir, mich zufriedenzugeben und eine Entschädigung zu akzeptieren. Ich sehe das auch so. In letzter Zeit bekam ich viele Interviewanfragen von ausländischen Medien. Doch ich will nicht vor Ausländern über unsere dunklen Punkte reden.«

Eine Million Wanderarbeiter sollen aus Peking verscheucht werden

Ich kann es nicht übers Herz bringen, Ai Dongmeis Haltung zu kritisieren. Sie hat nie eine richtige Schulbildung genossen, sie wuchs unter einem Trainer auf, der sie beschimpfte und verprügelte. Die Zeitungen druckten sogar Bilder von ihren Zehen, die durch jahrelange Überanstrengung im Training unnatürlich gekrümmt waren. Vielleicht sind einigen Deutschen aus DDR-Zeiten ähnliche Fälle bekannt. Die sozialistischen Sportler gewannen damals viele Goldmedaillen. So wie es damals in der DDR war, so ist es heute auch beim chinesischen Sport: Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Das gilt gerade auch für Olympia in Peking. Alle Blicke der Welt werden sich im August 2008 auf unsere Hauptstadt konzentrieren. Ein riesiger Heiligenschein wird dann den Smog ersetzen, der Peking sonst immer verhüllt. Dürfte ich selbst etwas von Olympia 2008 erwarten, dann wünschte ich mir, dass die Spiele in China ähnliche Veränderungen bewirken wie jene 1988 in Südkorea, wo der Präsident endlich wieder vom Volk gewählt werden durfte. Aber ich weiß, dass meine Hoffnung höchstwahrscheinlich unerfüllt bleibt.

Olympia ist ein Symbol für den Aufstieg unseres Landes. Nach außen ist alles Glanz und Gloria, doch der schöne Schein trügt. Man denke nur an die Bauarbeiter des neuen Olympia-Stadions: Zwar müssen sie nicht wie andere Wanderarbeiter in China um ihre Löhne kämpfen und Angst haben, dafür zu Tode geprügelt zu werden. Doch keiner von ihnen wird die Möglichkeit haben, sich die Spiele im selbst errichteten Stadion anzusehen. Kaum ist das Stadion fertig, müssen die Bauarbeiter Peking verlassen. Schon haben Politiker vorgeschlagen, während der Olympischen Spiele eine Million Wanderarbeiter aus Peking zu verscheuchen, weil diese Leute in Lumpen einen schlechten Eindruck auf die ausländischen Gäste machen würden.

Tatsächlich gibt sich die Regierung alle Mühe, Olympia zu den besten Spielen der Geschichte zu machen. Wer dann im August 2008 nach Peking reist, wird einen wunderbaren Eindruck bekommen. Aber ich sage heute schon: Alles, was man dann sieht, wird eine Täuschung sein. Der Verkehr wird fließen, weil die Hälfte der Autos Fahrverbot hat. Die Luft wird frisch und sauber sein, weil alle Fabriken vorübergehend geschlossen werden. Auf der Straße wird es keine Bettler geben, weil sie hinter Gittern sitzen. Der Himmel wird blau sein, weil Regenwolken mit künstlichen Methoden vor Erreichen der Stadt abgeschossen werden. Nur das Lächeln der Massen wird keine Täuschung sein, weil die Pekinger immer so gastfreundlich sind. Sie würden sogar dem Entführer nach einer Entführung danken, falls er ihnen nichts Böses antut. Zudem bringt Olympia den meisten Pekingern handfeste Vorteile. Der ganze Staatshaushalt fließt schließlich in die Hauptstadt. Also werden die Straßen breiter, die Gebäude schöner und die Arbeitsplätze zahlreicher. Auch die Einkommen werden steigen.

Es gibt eine alte Rechnung, aufgestellt für die Olympischen Spiele 2000 in Sydney: Damals kostete jede chinesische Goldmedaille die Steuerzahler 700 Millionen Yuan, 70 Millionen Euro. Gerechnet wurden nur die Verwaltungskosten des staatlichen Sportamtes. Nun gab es auch damals schon das sogenannte Hoffnungsprojekt der Chinesischen Jugendstiftung. Dabei wurden von 1989 bis 1999 Spenden in Höhe von 1,84 Milliarden Yuan gesammelt, womit man über 8000 Schulen bauen und 2,3 Millionen Kinder unterrichten konnte. Aber die Projektgelder hätten nicht einmal für drei Olympia-Goldmedaillen in Sydney gereicht.

Trotzdem kann man den Sportbehörden ihre hohen Ausgaben nicht zum Vorwurf machen. Denn sie sind gering im Vergleich zu den 600 Milliarden Yuan, die sich Chinas Beamte 2005 als Bewirtungskosten auszahlen ließen. Wenn unsere Kader diese Gelder statt für die Füllung ihrer Bäuche für Olympia ausgeben wollten, hätte ich nichts dagegen. Aber mein Gerede ist natürlich sinnlos, weil sich kein Offizieller darum schert.

Olympia ist ein Rauschgift, mit dem die Regierung die Bevölkerung von sich abhängig machen will. Letztlich werden unsere Goldmedaillen die gleiche Funktion haben wie die grüne Farbe, mit der mancher Provinzbeamte in China seine kahlen Berge streichen lässt, um die Inspektoren im Flugzeug über den Stand der Aufforstung zu täuschen.

Eine Platte mit dem Lied »Fuck You, Olympia« wurde verboten

Aller Jubel um die Spiele gilt als guter Patriotismus, alle Kritik daran als schädlich. Deshalb findet man Kritik nur auf Schwarzen Brettern und Blogs im Internet. Doch selbst dort werden »unanständige« Beiträge korrigiert oder gelöscht. Ständig erhalten die Leiter der Internetfirmen Anweisungen, was auf ihren Webseiten erscheinen darf und was nicht. Für die Manager dieser Firmen ist die Gefahr groß, denn übersehen sie etwas, müssen sie mit ihrer Entlassung oder der Schließung ihrer Webseite rechnen.

Tatsächlich sind wir auf dem besten Weg, alle negativen Nachrichten über Olympia zu unterschlagen. Eine Platte, auf der ein Lied mit dem Titel Fuck You, Olympia zu hören war, wurde verboten. Dagegen zeigt das Fernsehen jeden Tag Menschen, die von Olympia begeistert sind. Wer vor der Kamera sagt, er sei gegen Olympia, darf nicht auf den Bildschirm. Die Olympischen Spiele sind nichts anderes als eine Doping-Spritze für die Regierung.

Aus dem Chinesischen von Qiang Zhaohui

Wang Xiaoshan, 40, ist Redakteur beim Pekinger Sportmagazin »Tiyu Huabao«, der chinesischen Ausgabe von »Sports Illustrated«. Bis Januar 2006 leitete er die Kulturredaktion der Pekinger Tageszeitung »Xinjingbao«

 
Leser-Kommentare
    • Kerzel
    • 24.07.2007 um 13:12 Uhr

    Liebe Redaktuere von der Zeit!
    Passt bitte auf diesen chinesischen Journalisten auf! Die Gefahr, der sich chinesische Journalisten aussetzen, wenn sie derartige Artikel verfassen, ist fuer einen westlichen Journalisten unvorstellbar! Das unerklaerliche Verschwinden von kritischen Journalisten ist in China die Regel und nicht die Ausnahme! Vor allen Dingen: Passt auf diesen Journalisten NACH den Spielen auf. Im Moment haben alle das duenne Schutzmaentelchen namens "Olympia", nach den Spielen, wenn keiner mehr hinschaut, wird aufgeraeumt. Adoptiert diesen Journalisten, dann hat er vielleicht eine Chance. Danke.

    • Kerzel
    • 25.07.2007 um 11:11 Uhr

    Die Redation der Zeit sollte auf den Autor dieses Artikels wirklich aufpassen......besonders NACH den Spielen. Kritischer Journalismus wird in China systematisch unterdrueckt, die Gefahr , in dies sich dieser Journalist wissend begeben hat, ist fuer westliche Journalisten nicht fassbar...ALSO:Bitte lasst diesen Journalisten nicht im Stich, fragt nach, berichtet, adoptiert ihn.....NACH den Spielen wird dann naemlich erst RICHTIG aufgeraeumt.....Pressefreiheit in China, siehe Artikelserie in www.dieneueepoche.com

  1. wirklich tragisch, welche moralischen und ethischen verwerflichkeiten in china an der tagesordnung sind.
    umso weniger nachvollziehbar, wie sehr unsere politiker mit so einem regime liebaeugeln.
    dieses verdammte geld, dieses verdammte gewinndenken...

  2. Alle schwerwiegenden Entscheidungen wirtschaftlicher, politischer und finanzieller Art werden heute in China auf "nach der Olympiade" verschoben. Wie 1936 bei Hitler soll der Welt eine problemlose Vorzeigeolympiade präsentiert werden. Die Zeit danach hingegen sieht auf allen Gebieten immer ominöser aus, und der Westen sollte schon jetzt darauf vorbereitet sein.

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    • Kerzel
    • 25.07.2007 um 11:21 Uhr

    Sehr wahr und fuer mich unfassbar, dass unsere "Freie Presse" so brav ist....wenigstens fuer ihre "verschwindenden Kollegen" sollten sie Patenschaften uebernehmen, jede Woche ein Artikel ueber ein verschwundenen Journalisten......wer kann sich schon all die gleich klingenden Namen von chinesischen Journalisten merken? Bringt Bilder und eine Artikelserie, sonst werdet ihr von "Nach Olympia Peking" uebel ueberrollt.

    • Kerzel
    • 25.07.2007 um 11:21 Uhr

    Sehr wahr und fuer mich unfassbar, dass unsere "Freie Presse" so brav ist....wenigstens fuer ihre "verschwindenden Kollegen" sollten sie Patenschaften uebernehmen, jede Woche ein Artikel ueber ein verschwundenen Journalisten......wer kann sich schon all die gleich klingenden Namen von chinesischen Journalisten merken? Bringt Bilder und eine Artikelserie, sonst werdet ihr von "Nach Olympia Peking" uebel ueberrollt.

  3. Olypiaden werden dringend gebraucht! Ebenso alle internationalen und nationalen "Sport"wettbewerbe der verschiedentsten Branchen. Sie sind ein wichtiges Experimentierfeld der internationalen Phármaindustrie und der medizinischen Forschung. Gleichzeitig werden auf diese Weise zahllose Tierexperimente überflüssig.

    • Kerzel
    • 25.07.2007 um 11:21 Uhr

    Sehr wahr und fuer mich unfassbar, dass unsere "Freie Presse" so brav ist....wenigstens fuer ihre "verschwindenden Kollegen" sollten sie Patenschaften uebernehmen, jede Woche ein Artikel ueber ein verschwundenen Journalisten......wer kann sich schon all die gleich klingenden Namen von chinesischen Journalisten merken? Bringt Bilder und eine Artikelserie, sonst werdet ihr von "Nach Olympia Peking" uebel ueberrollt.

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  • Quelle DIE ZEIT, 19.07.2007 Nr. 30
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  • Schlagworte China | Peking | Wanderarbeiter | Olympia
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