Die alte hölzerne Pendeltür schwingt auf. Bing Bing tritt in den Innenhof ihres aufwendig restaurierten Pekinger Hofhaus-Restaurants. Ein alter Granatapfelbaum spendet Schatten. Sie trägt ein schwarzweißes Blütenkleid, schulterfrei, und hohe Absätze. Ihr langes Haar hat sie einfach zusammengebunden. Fast hätte ich sie nicht erkannt.

Bing Bing ist die wohl bekannteste Sichuanerin Pekings. Sie besitzt ein exklusives Restaurant und eine der führenden Galerien der Hauptstadt. Ich kenne sie noch von früher. Da war Bing Bing die Rahel Varnhagen der Pekinger Musik-und-Kunstszene. Sie trug kurze Haare und Latzhosen, das stand ihr gut. Wie ein Magnet zog sie in den neunziger Jahren die Künstler und Musiker der Hauptstadt an, die sich nur in ihrem Club ausleben konnten. 1997, als es praktisch noch keine Livemusik in der Stadt gab, eröffnete Bing Bing das Jam House, in dem sich die Übriggebliebenen der 89er-Revolte trafen, um nicht im Frust zu versinken. Bing Bing hielt sie mit ihrer unverdrossenen Lebensfreude zusammen.

Wenn sie selbst – spät nachts im engsten Freundeskreis – als Sängerin die Bühne betrat und neben ihr Cui Jian rockte, die Ikone der Protestbewegung der achtziger Jahre, hatte die Revolte plötzlich doch noch gesiegt. Obwohl damals Li Peng, der 1989 den Schussbefehl auf die Demonstranten gab, immer noch regierte.

Bing Bing setzt sich auf einen Gartenstuhl unter ihren Granatapfelbaum. Sie hat die Zeit gut überstanden. »Ich danke China für die Lebensfreude in den sechs Jahren, in denen ich keine Nacht vor drei Uhr zu Hause war«, sagt sie. 2003 kamen die Bagger und rissen das Jam House sowie das gesamte Stadtviertel drumherum ab. Protest war überflüssig. Die Szene um Bing Bing hatte sich längst verflüchtigt und mit ihr die alte 89er-Dissidenten-Intimität.

Nun eroberte der Kapitalismus auch das Nachtleben. Rotlichtbars und Karaokeschuppen schossen wie bunte Raketen in den Nachthimmel. Später kamen riesige, mondäne Discos hinzu. Derweil zog sich Bing Bing ins Innerste der Pekinger Altstadt zurück. Dort, wo noch keine Baggerschaufel gesehen wurde, zwischen grauen Steinmauern, flachen Ziegeldächern und alten Holzmöbeln, eröffnete sie ihr Restaurant Source. Von hier aus wollen wir los. Sie soll mir das neue Nachtleben Pekings zeigen.

Widerstrebend nur hat Bing Bing zugesagt. Sie sei Nachttouren nicht mehr gewöhnt, meint sie. Seit einem Jahr ist sie verheiratet. Sie fragt nach meinen Kindern. Endlich rafft sie sich auf. Sie hat jetzt ein Auto mit Chauffeur. Eigentlich müsste er uns ältere Leute nun nach Hause fahren. Aber zum East Shore Jazz Café, Pekings wichtigster Jazzbar, ist es nicht weit, und in den Ledersesseln dort sitzen lauter ältere Leute. »Im Jam House hatten wir nur einfache Holzstühle«, erinnert sich Bing Bing und bestellt ein Bier mit Brause. Auf der kleinen Bühne singt Lucio aus Brasilien, ein musikalischer Weltenbummler. Er hat schon für Johannes Rau in der Villa Hammerschmidt gespielt. Jetzt jazzen neben ihm drei Chinesen und ein Japaner.

»Liu Yuan hat sich nicht verändert«, sagt Bing Bing unvermittelt. Er ist der Besitzer des East Shore Jazz Café und Saxofonist in der Band von Cui Jian. Morgen geben sie in der Nachbarstadt Tianjin noch einmal ein großes Konzert. Das ist so ähnlich wie ein Auftritt der Rolling Stones in Deutschland: eine echte Rock-and-Roll-Revoluzzershow, aber es kommen nur ältere Leute. Wenngleich die Neunund achtziger in China natürlich noch nicht so alt sind wie die Achtundsechziger in Deutschland.