Parteien Ist die SPD noch zu retten?

Wir haben es versucht. Als fiktiver "Verein zur Rettung der SPD" postierten wir uns einen Tag lang mit Flugblättern und Unterschriftenliste in Reichstagsnähe.

Der Erste, der an diesem Tag die SPD im Stich lässt, ist ein Mann, dem sonst nichts egal ist. Es ist kurz vor zehn an diesem Julimorgen, Nieselregen fällt aufs Berliner Regierungsviertel, als Hans-Christian Ströbele mit dem Rad zur Parlamentsarbeit anrollt – langsam und gemächlich. So radelt ein Mensch, der in sich ruht, weil er weiß, dass er stets Gutes tut. Für wen und was Ströbele sich alles engagiert hat! Für die Menschenrechte. Für das Weltklima. Für die Mitglieder der RAF. Für die Revolution in El Salvador. Für die Freigabe von Cannabis. Für ein muslimisches Wort zum Sonntag. Für unterjochte Graffiti-Sprayer. Für die Freizeitfußballer auf der Reichstagswiese.

Aber für die Rettung der SPD? Ströbele zieht seine breschnewhaften Brauen hoch, schaut visionär in Richtung Reichstag und sagt mit schnarrender Stimme: „Die sollen sich mal schön selber retten.“ Er hat noch nicht mal angehalten für die SPD.

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Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wäre er nun erbracht. Der SPD geht es schlecht. Keiner mag sie. Die Hälfte ihrer Mitglieder ist abgehauen. In den Umfragen bleibt die rote Säule schon bei 24 Prozent stehen. Damit ist die Partei noch etwas beliebter als Kurt Beck, aber das hilft ihr natürlich auch nicht. Mehr als 140 Jahre lang hat sie in Deutschland für die Demokratie gekämpft – und jetzt wird sie nicht mehr gewählt. Ist das der Dank?

Man muss noch nicht mal Demokrat sein, um das ungerecht zu finden. Deshalb: Vorwärts! Einer Partei im Zustand der SPD kann alles helfen, jedenfalls nichts mehr schaden. Auch nicht ein „Verein zur Rettung der SPD“. Wir sind: drei Männer, zwei Klappstühle, ein Campingtisch und eine Mission. Wir wollen wissen: wie viel den Menschen noch an ihrer SPD liegt. Wie man Volk und Partei wieder zur Volkspartei verkuppeln könnte. Wie viele Unterschriften zusammenkommen unter dem Motto Deutschland braucht Demokratie – Demokratie braucht die SPD! Ob ein Internet- und Handyverbot für Oskar Lafontaine die Lage entspannen würde. Und ob das Volk unseren Verein als das erkennt, was er im Grunde ist: Unfug (den wir fortan zum Experiment verklären).

Hetze und Indoktrination sind für uns als Mittel der Agitation tabu. Also formulieren wir unser Flugblatt so, dass sich jeder Bürger selbst vom Ernst unseres Anliegens überzeugen kann:

Liebe Mitbürgerin, lieber Mitbürger,

wir haben eine Partei in unserer demokratischen Mitte, die in Not ist: die SPD. Menschen brauchen Parteien, Parteien brauchen Menschen. Die SPD aber steht alleine da. Immer mehr Mitglieder verlassen die Sozialdemokratische Partei. Sodass es immer schwieriger wird, geeignete Kandidaten für Führungsposten zu finden, wie etwa den Parteivorsitz.

Dazu kommt, dass es „out“ ist, SPD zu wählen, und „in“ ist, CDU zu wählen oder gar eine Partei am linken Rand. In jeder lebendigen Gesellschaft gibt es Moden, und freie Wahlen haben einen festen Platz in unserem Selbstverständnis. Aber: Es ist nicht zulässig, dass eine wichtige Partei praktisch nicht mehr gewählt wird. Eine Partei braucht Stimmen wie die Luft zum Atmen.

Wenn niemand mehr sein „Kreuzchen“ bei der SPD macht, ist die Zukunft der Partei hin. Noch weniger Menschen würden die SPD wahrnehmen oder überhaupt wissen, dass es sie gibt. Noch weniger Menschen würden ihr beitreten, es würde noch schwerer, den Bedarf an geeigneten Parteivorsitzenden zu decken. Immer öfter würden Leute die Partei führen müssen, die unmotiviert/unfähig sind und nicht geeignet, eine Volkspartei zu leiten. Als Folge wählten noch weniger Menschen SPD – ein Teufelskreis.

Wir, der Verein zur Rettung der SPD, möchten diesen Teufelskreis durchbrechen. Wir sind der Meinung, dass man Altes oft zu schnell wegwirft – und erst dann merkt, dass man etwas Wertvolles verloren hat. Wie sähe eine Welt ohne SPD aus? Wollen wir das wirklich in Kauf nehmen?


Der Verein zur Rettung der SPD möchte nicht Stimmen für die SPD sammeln und auch kein Geld. Wir möchten für das Thema „SPD“ die Öffentlichkeit sensibilisieren, Ideen sammeln und den Kontakt zum Bürger suchen, bevor es zu spät ist. Wir fordern auch die Politik zum Handeln auf!

Eine SPD ist schnell kaputt gemacht – aber eine neue aufzubauen ist sehr schwierig!

Es ist die letzte Sitzungswoche vor der Sommerpause. Parlamentarier hasten in ihre Büros. Sie werfen scheele Blicke. Das Bezirksamt Berlin-Mitte hat uns einen „Informationsstand 3 m x 1 m gem. BerlStrG“ genehmigt, und zwar auf dem „Gehwegoberstreifen“ des Grundstücks Dorotheenstraße 99 – das gehört zu dem, was in der Tagesschau immer „das politische Berlin“ heißt: Wir sitzen direkt vor den Abgeordnetenbüros des Jakob-Kaiser-Hauses, der Reichstag ist zweihundert Meter entfernt, das Kanzleramt fünfhundert. Am Tag zuvor hat die Polizei angerufen und gefragt, was da geplant sei. Die SPD retten? Klingt plausibel.

Meint auch Erhard L., arbeits- und zahnlos. „Find ick jut, wat ihr da macht.“ Für die SPD sei er immer gewesen. Jetzt sei er allerdings mehr für die Linke. Wie man ihn wieder für die SPD gewinnen könnte? Er überlegt. Na ja, wenn sein Hartz IV auf 400 Euro pro Monat erhöht würde, wolle er gern wieder SPD wählen. Na bitte: Der Wähler kehrt an den Verhandlungstisch zurück. Erhard L. ist der Erste, der seine Unterschrift für die Sozialdemokratie zurücklässt. Beschwingt vom aufmunternden „Weiter so!“ des Genossen, wenden wir uns dem Tagwerk zu. Es sollen für längere Zeit die letzten netten Worte gewesen sein.

Leser-Kommentare
  1. Es gibt doch schon eine Auffanggesellschaft, nennt man das so? Die spd als linker Fluegel der CDU, vielleicht schaffen sie es sogar nochmal, das Volk fuer dumm zu verkaufen und Merkel zwo Wirklichkeit werden zu lassen.

    Und schliesslich eine Fusion! Endlich ein bisschen Ehrlichkeit in der verlogenen Parteienlandschaft! Mandats- und sonstigen Wuerdentraegern wird natuerlich Weiterbeschaeftigung garantiert, ganz wie im richtigen Leben. Schliesslich ist auch die Wirtschaft mit von der Partie.
    Und wenn doch jemand was linkeres als die CDU waehlen will, gibts ja auch noch andere Parteien.
    Ciao SPD.

    • Berkel
    • 19.07.2007 um 22:59 Uhr

    Die Herren Tillmann Prüfer, Matthias Stolz und Henning Sussebach sind schuld, wenn ich künftig regelmäßig DIE ZEIT durchstöbern werde, um weitere Artikel von ihnen zu finden.
    Eine derart witzige, pointenreiche und treffende Glosse und kein einziger Kommentar, das haben Sie wahrlich nicht verdient. Daher habe ich mich angemeldet, um Ihnen ein begeistertes Echo zurückzuwerfen:
    Sie sind vermutlich die Frischzellenkur, die DIE ZEIT braucht.

    Ich bin schon ein bißchen alt und erinnere mich noch lebhaft daran, daß mich schon Konservativling Helmut Schmidt selig davon abbrachte, die SPD gut zu finden, das ist nicht nur Schröders Verdienst. Das einzig nette an ihm sind die Tabakschwaden und die Tatsache, daß er ein lebender Beweis ist, daß man rauchen und alt werden kann.

    Einer, der nicht mehr raucht.

    • gauss
    • 19.07.2007 um 22:57 Uhr

    Auch wenn dieser Bericht nicht einer gewissen Ironie entbehrt, warum werden in der Zeit neuerdings ausschließlich linke, politische Strömungsrichtungen als erhaltenswert dargestellt? Bis zuletzt war doch eine gewisse Ausgwogenheit in der "ZEIT" zu vernehmen. Was ist bitte schön erhaltenswert an einer SPD? Eine SPD mit Heil und Beck. Eine Partei, die nur noch Politik für die "Unterschicht" macht, aber nichts für Leistungswillige dieser Gesellschaft übrig hat? Wenn die SPD endlich im hier und jetzt ankommt, wird sie merken, dass es mehr als Klassenkampf gibt.

  2. Die Linken sollten mal lieber aufpassen das sie nicht selber in der Versenkung verschwinden und sich niemand an sie erinnern kann. Grade über Lafontaine kann man sich eigentlich nur noch wundern. Will er nun das was er mit der SPD nie wirklich geschafft hat noch einmal mit den Linken probieren? Glauben die Linken wirklich das sie mir ihrer Politik auf dem Niveau der Bild Zeitung den Wähler erreichen zu können? Ich hoffe nicht.

    Und wer es immer noch nicht geblickt hat: Hatz 4 und Co hat nicht die rot/grüne Regierung alleine beschlossen, sondern konnte nur mit Änderungswünschen und den Stimmen der CDU/CSU beschlossen werden. Eben jene die das grade beschlossene kurze Zeit später nur der SPD zuschoben und selber dagegen protestierten. Was ich von solchen Politikern und den Menschen die sie wählen halte muss ich wohl nicht wirklich schreiben.

    Das einzige was mich an der SPD in letzter Zeit geärgert hat war die Tatsache das man mit seiner Stimmer bei der letzen Wahl eine Kanzlerin Merkel verhindern wollte. Die Geschichte hat uns eines besseren gelehrt.

    Trotz alledem ist die SPD mir immer noch bedeutend lieber als gewisse andere Parteien.

  3. So oder ähnlich stellt man sich das als passionierter Zeitungsleser vor.

    MfG

  4. Ein nett gemeinter Versuch, aber durchaus unnötig. Die SPD hat alle möglichen Höhen und Tiefen überwunden: im Vorfeld des Ersten Weltkriegs diffamiert als »vaterlandslose Gesellen«. In der Weimarer Republik bedroht von Spaltung und einer nicht zu beherrschenden Reichswehr. Im Dritten Reich Verfolgung von Mitgliedern und Deportation. In den Anfangsjahren der Bundesrepublik mit Kommunisten in eine Ecke gestellt und somit erneut gesellschaftlich unmöglich gemacht.

    Und dennoch. Die wichtigsten und größten Umwälzungen wurden immer von der SPD angestoßen. Wer genauer hinschaut wird feststellen, dass es nicht die SPD ist, die kein Profil hat, sondern die Union: denn wer hätte noch vor 5 oder 10 Jahren gewagt zu behaupten, eine CDU-Ministerin würde für Krippenplätze eintreten? Ein CDU-Landesfürst würde sich gegen das dreigliedrige Schulsystem aussprechen? Lächerlich. So könnte man stundenlang weitermachen. Aber ich möchte nun eigentlich nicht die Aufgabe der »Zeit« übernehmen.

    Die SPD ist auf dem richtigen Weg. Ehrlich, integer und nicht beliebig -- sondern beständig. Weiter so.

    • ErichH
    • 20.07.2007 um 8:11 Uhr

    Natürlich ist die SPD keine Verbrecherorganisation. Aber hinsichtlich der Wahrnehmung der Realität, ist eine gewisse Ähnlichkeit einfach nicht zu übersehen.

    ErichH

  5. Ich war zwar nie SPD-Wähler. Trotzdem finde ich die Häme, die mittlerweile über diese Partei ausgeschüttet wird, zum Kotzen.
    Respekt für eine große Partei, die viel für die kleinen Leute getan hat.
    Als noch ein Gauner wie Schröder Parteiführer war, hätte man sich einen Vorsitzenden wie Kurt Beck gewünscht.
    Jetzt gefällt sich die Journaille darin, ihn zu demontieren. Das wirft ein bezeichnendes Bild auf den Zustand der Republik, in der man anscheinend Intriganten, Selbstdarsteller, Profilneurotiker, Demagogen usw. mehr bewundert als ehrliche Arbeiter.
    Ein Demagoge wie Lafontaine gibt eben medial mehr her.

    Und eins muss man der SPD zugute halte: egal, wie schlecht es ihr geht, jemand wie Laurenz Meyer würde es in ihr nie bis in Spitzenpositionen schaffen.

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