Parteien Ist die SPD noch zu retten?

Wir haben es versucht. Als fiktiver "Verein zur Rettung der SPD" postierten wir uns einen Tag lang mit Flugblättern und Unterschriftenliste in Reichstagsnähe.

Der Erste, der an diesem Tag die SPD im Stich lässt, ist ein Mann, dem sonst nichts egal ist. Es ist kurz vor zehn an diesem Julimorgen, Nieselregen fällt aufs Berliner Regierungsviertel, als Hans-Christian Ströbele mit dem Rad zur Parlamentsarbeit anrollt – langsam und gemächlich. So radelt ein Mensch, der in sich ruht, weil er weiß, dass er stets Gutes tut. Für wen und was Ströbele sich alles engagiert hat! Für die Menschenrechte. Für das Weltklima. Für die Mitglieder der RAF. Für die Revolution in El Salvador. Für die Freigabe von Cannabis. Für ein muslimisches Wort zum Sonntag. Für unterjochte Graffiti-Sprayer. Für die Freizeitfußballer auf der Reichstagswiese.

Aber für die Rettung der SPD? Ströbele zieht seine breschnewhaften Brauen hoch, schaut visionär in Richtung Reichstag und sagt mit schnarrender Stimme: „Die sollen sich mal schön selber retten.“ Er hat noch nicht mal angehalten für die SPD.

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Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wäre er nun erbracht. Der SPD geht es schlecht. Keiner mag sie. Die Hälfte ihrer Mitglieder ist abgehauen. In den Umfragen bleibt die rote Säule schon bei 24 Prozent stehen. Damit ist die Partei noch etwas beliebter als Kurt Beck, aber das hilft ihr natürlich auch nicht. Mehr als 140 Jahre lang hat sie in Deutschland für die Demokratie gekämpft – und jetzt wird sie nicht mehr gewählt. Ist das der Dank?

Man muss noch nicht mal Demokrat sein, um das ungerecht zu finden. Deshalb: Vorwärts! Einer Partei im Zustand der SPD kann alles helfen, jedenfalls nichts mehr schaden. Auch nicht ein „Verein zur Rettung der SPD“. Wir sind: drei Männer, zwei Klappstühle, ein Campingtisch und eine Mission. Wir wollen wissen: wie viel den Menschen noch an ihrer SPD liegt. Wie man Volk und Partei wieder zur Volkspartei verkuppeln könnte. Wie viele Unterschriften zusammenkommen unter dem Motto Deutschland braucht Demokratie – Demokratie braucht die SPD! Ob ein Internet- und Handyverbot für Oskar Lafontaine die Lage entspannen würde. Und ob das Volk unseren Verein als das erkennt, was er im Grunde ist: Unfug (den wir fortan zum Experiment verklären).

Hetze und Indoktrination sind für uns als Mittel der Agitation tabu. Also formulieren wir unser Flugblatt so, dass sich jeder Bürger selbst vom Ernst unseres Anliegens überzeugen kann:

Liebe Mitbürgerin, lieber Mitbürger,

wir haben eine Partei in unserer demokratischen Mitte, die in Not ist: die SPD. Menschen brauchen Parteien, Parteien brauchen Menschen. Die SPD aber steht alleine da. Immer mehr Mitglieder verlassen die Sozialdemokratische Partei. Sodass es immer schwieriger wird, geeignete Kandidaten für Führungsposten zu finden, wie etwa den Parteivorsitz.

Dazu kommt, dass es „out“ ist, SPD zu wählen, und „in“ ist, CDU zu wählen oder gar eine Partei am linken Rand. In jeder lebendigen Gesellschaft gibt es Moden, und freie Wahlen haben einen festen Platz in unserem Selbstverständnis. Aber: Es ist nicht zulässig, dass eine wichtige Partei praktisch nicht mehr gewählt wird. Eine Partei braucht Stimmen wie die Luft zum Atmen.

Wenn niemand mehr sein „Kreuzchen“ bei der SPD macht, ist die Zukunft der Partei hin. Noch weniger Menschen würden die SPD wahrnehmen oder überhaupt wissen, dass es sie gibt. Noch weniger Menschen würden ihr beitreten, es würde noch schwerer, den Bedarf an geeigneten Parteivorsitzenden zu decken. Immer öfter würden Leute die Partei führen müssen, die unmotiviert/unfähig sind und nicht geeignet, eine Volkspartei zu leiten. Als Folge wählten noch weniger Menschen SPD – ein Teufelskreis.

Wir, der Verein zur Rettung der SPD, möchten diesen Teufelskreis durchbrechen. Wir sind der Meinung, dass man Altes oft zu schnell wegwirft – und erst dann merkt, dass man etwas Wertvolles verloren hat. Wie sähe eine Welt ohne SPD aus? Wollen wir das wirklich in Kauf nehmen?


Der Verein zur Rettung der SPD möchte nicht Stimmen für die SPD sammeln und auch kein Geld. Wir möchten für das Thema „SPD“ die Öffentlichkeit sensibilisieren, Ideen sammeln und den Kontakt zum Bürger suchen, bevor es zu spät ist. Wir fordern auch die Politik zum Handeln auf!

Eine SPD ist schnell kaputt gemacht – aber eine neue aufzubauen ist sehr schwierig!

Es ist die letzte Sitzungswoche vor der Sommerpause. Parlamentarier hasten in ihre Büros. Sie werfen scheele Blicke. Das Bezirksamt Berlin-Mitte hat uns einen „Informationsstand 3 m x 1 m gem. BerlStrG“ genehmigt, und zwar auf dem „Gehwegoberstreifen“ des Grundstücks Dorotheenstraße 99 – das gehört zu dem, was in der Tagesschau immer „das politische Berlin“ heißt: Wir sitzen direkt vor den Abgeordnetenbüros des Jakob-Kaiser-Hauses, der Reichstag ist zweihundert Meter entfernt, das Kanzleramt fünfhundert. Am Tag zuvor hat die Polizei angerufen und gefragt, was da geplant sei. Die SPD retten? Klingt plausibel.

Meint auch Erhard L., arbeits- und zahnlos. „Find ick jut, wat ihr da macht.“ Für die SPD sei er immer gewesen. Jetzt sei er allerdings mehr für die Linke. Wie man ihn wieder für die SPD gewinnen könnte? Er überlegt. Na ja, wenn sein Hartz IV auf 400 Euro pro Monat erhöht würde, wolle er gern wieder SPD wählen. Na bitte: Der Wähler kehrt an den Verhandlungstisch zurück. Erhard L. ist der Erste, der seine Unterschrift für die Sozialdemokratie zurücklässt. Beschwingt vom aufmunternden „Weiter so!“ des Genossen, wenden wir uns dem Tagwerk zu. Es sollen für längere Zeit die letzten netten Worte gewesen sein.

Denn als Nächstes lernen wir: Die SPD ist den Menschen nicht gleichgültig, sie ist ihnen zuwider. „Ich mein’ ... hallo?!“, ruft eine junge Frau, „also ... hallo?! Ihr wundert euch noch, dass es euch schlecht geht? Die CDU hat in zwei Jahren mehr für die Gleichstellung der Frau getan als Rot-Grün in sieben! Was hat die Renate Schmidt denn zustande gebracht!?“ Wäre man jetzt Renate Schmidt, könnte man bestimmt etwas Schlüssiges darauf antworten. Andererseits ist es schön, jetzt gerade nicht Renate Schmidt zu sein. Die Frau schnaubt noch mal „Hallo?!“ und stampft davon.

Da stellt man sich in die Kulissen der Politik – und kann offenbar nicht jämmerlich genug aussehen, um nicht ernst genommen zu werden. Jedenfalls, wenn es um die SPD geht. Wir stehen noch keine Stunde im Nieselregen, da kommt die ARD. Wenig später ist Spiegel Online da. Fragen haben die Journalisten eigentlich nicht, sie haben ja ihre vorgefertigte Meinung. Sie brauchen nur die Bilder dazu. Sie brauchen uns.

Unser Vorhaben, dem Volk Pro-SPD-Unterschriften abzuringen, stockt derweil. Lange ist Erhard L.s Signum das einzige auf der Liste. Statt Unterschriften gibt es politische Bildung. Ein Rentner („Berlin-West“) erklärt uns mal die Lage der Dinge, sehr laut und dringlich, „denn die Demokratie wird nich von links zerstört und nich von rechts, sondern vonne Mitte aus! Aus der SPD und ihre neoliberale Scheiße! Die Sozen ham sich von die Schröderbande übernehm’ lassen, obwohl die Schröderbande überhaupt nich zur SPD jehört, sach ick euch.“

Wozu gehört die Schröderbande denn? „Wat weeß icke!? Jedenfalls nich zur SPD. Dit is der amerikanische Trick. In Amerika jibt’s auch nur zwee rechte Parteien. Is hier jenauso.“ Verschwörung? „Dit liebe Jeld! Ick hab mir nämlich damit beschäftigt. Der Struck zum Beispiel mit sei’m Afghanistan: Der hat doch seit sei’m Antrittsbesuch im Pentagon nen amerikanischen Chip drin!“

Ein anderer alter Mann offenbart sich konspirativ: „Ich habe früher für diese Partei gekämpft, für ihre Ideale. Ich war im Landesvorstand. Aber heute, ach...“ Seine Stimme versagt, er geht, ohne unterschrieben zu haben. Eine halbe Stunde später kreuzt er wieder den Stand, jetzt mit seiner Frau. Sie redet, er hält Abstand und zupft an ihrem Ärmel. Er will weg von seinen Erinnerungen.

„Die SPD? Ist nicht zu retten!“ ... „Für die Roten mach ich nichts mehr.“ ... „Das hättet ihr euch vor eurer Agenda überlegen sollen!“ Volkes Stimme ist gnadenlos. Meist schimpft sie von links herüber – von dort, wo einst die SPD stand, als die Welt nur zwei Seiten hatte.

Heute gibt es außer dem Proletariat auch das Prekariat, es gibt Alg II und Hartz IV, es gibt Arbeiter, die Aktien kaufen, und SPD-Vorsitzende, die Arbeitslose beschimpfen, es gibt einen Aufschwung mit Abschwunggefühl, es gibt die Neue Mitte, die aber auch schon wieder alt ist. Dafür ist die CDU jetzt orange, fast schon rot. Und die Linkspartei schleicht sich in den Umfragen in Violett heran. Es ist, als sei die SPD nur kurz mal aufgestanden, um sich umzusehen in dieser neuen Welt, und seitdem hämen Gysi-Bisky-Lafontaine: „Weggegangen, Platz vergangen! Ätschibätsch.“

Ein junger Freund der Grünen, lockiges Haar, leisetreterische Attitüde, rät: „Die müssen wieder mehr zur Mitte hin.“ Also Schröder-Politik? Eine Agenda 2020? „Nein. Das war ja rechts.“ Rechts von der Mitte? „Nein. Aber rechts von der SPD-Mitte war das. Die müssen aber wieder in die Mitte der SPD-Mitte.“ Und wo ist die genau? „Weiter links, als die jetzt sind.“

Selbst die Mitte ist nicht mehr da, wo sie hingehört. Und drum herum geht es drunter und drüber, auch bei den Politikern. Die Abgeordnete Silke Stokar von Neuforn, die so heißt und aussieht, als sei sie von der FDP, obwohl sie bei den Grünen ist, zischt im Vorübergehen: „Die SPD will ich nicht retten.“ Aber Sie brauchen die doch als Koalitionspartner. „Nö. Ich bin für Schwarz-Grün.“

Wenn es Beileid gibt, dann von Liberalen und Christdemokraten: schon wieder ein Sprung im Dreiparteienweltbild. Wer weiß, worauf das hinausläuft. Wenn es keine Roten mehr gibt – gibt es dann noch Schwarze? „Ich bin zwar Christdemokrat, aber ich sehe das genauso wie ihr“, ruft ein Goldknopfträger. „Prima! Das ist Demokratie. Prima, prima, prima.“ Er verabschiedet sich mit einem Schulterklopfer.

Wir werden beschimpft und getröstet, getätschelt und geduzt. Das diffamierende Du wechselt mit dem mitleidigen Du, beides schmerzt in etwa gleich. So ist es also, SPD zu sein. Ein paar Stunden Sozialdemokrat, und man ist erdrutschartig aller Illusionen beraubt. Ja, das geht an die Substanz. Die Partei hängt im Umfragetief, und wir, die traurige Troika, stürzen solidarisch ins Mittagstief. Gegen ein Uhr ist unser Vorrat an Selbstachtung fast aufgebraucht, er liegt bei etwa 24 Prozent. Wir sind eins mit der SPD. Toll ist das nicht: Man fühlt sich kleiner, als man sein möchte. Man ist nicht so erfolgreich, wie man gern wäre. Und man kommt schlecht bei Frauen an.

Inzwischen berichtet Spiegel Online, dass in der Berliner Mitte „um den Bestand der Partei gekämpft“ werde: „200 Meter vom Reichstagsgebäude entfernt steht ein blonder junger Mann mit einem SPD-Sonnenschirm. Daneben hängen Banner ,Rettet die SPD‘. Der Mann verteilt Flyer und sammelt Unterschriften. ,Es ist nicht zulässig, dass eine wichtige Partei praktisch nicht mehr gewählt wird‘, steht auf den Flugblättern.“

Kampf um den Bestand der Partei! Vielleicht ist es dieser Satz, den das deutsche Online-Leitmedium hinaus in die Republik schickt, der wieder Tempo in die Kampagne bringt. Ein Mann mit Goldkettchen und Hornbrille tritt an den Stand, bekundet seine Sorge um die Sozialdemokratie, greift einen Stapel unseres Propagandamaterials und beginnt die Flugblätter zu verteilen. „Stellen Sie sich vor, die SPD wäre ein Wal! Den würden Sie doch auch retten wollen!“, ruft er. Wir verspüren neuen Schwung. Unser neuer Genosse wird von seinem leider schnell wieder verlassen. Wir verlieren unser erstes Mitglied.

Auf dem Gehweg strömt derweil die Politik zum Mittagessen. Es wird geeilt und gedrängt. Der Hunger im Bauch ist größer als der Platz im Herzen für eine kleine Volkspartei. In der Menge treibt auch Dirk Niebel, der FDP-Generalsekretär. Seine Partei war die erste, die sich am „Projekt 18“ versucht hat. Sie weiß auch, was es bedeutet abzustürzen. Niebel hat also Erfahrung. Aber er grummelt: „Ich sag kein Wort“, und trollt sich.

An der Kreuzung hält ein schwarzer Bundestagsdienstwagen. Darin der Kantenkopf des Laurenz Meyer, CDU, Garant für Polemik. Meyer lässt das Fenster runter, bleckt die Zähne und will ein Flugblatt haben. „Ich fahre grad eh zum Ludwig Stiegler und bring’s ihm mit.“ – Worum geht’s? – „Rettung der SPD!“ Meyer lacht schallend über seinen Superwitz, dann gleitet das getönte Fenster wieder hoch. War das die Fröhlichkeit des Überlegenen? Oder die des Genarrten, dem es gelungen ist, zurückzunarren?

Meyer bleibt nicht der einzige gut gestimmte Politiker an diesem Nachmittag. Da ist auch Katja Kipping, die stellvertretende Parteivorsitzende der Linken. Im letzten Wahlkampf sah sie mit ihren gefärbten Haaren noch aus wie die Rote Zora – jetzt trägt sie Perlenohrringe, als würde sie schon heute Abend ein Ministeramt antreten. Im Vorübergehen flötet sie, man werde der SPD „ein paar Stimmen schon noch übrig lassen“.

Dann spaziert ein Mann im dunkler Blousonjacke und mit grauem Haar herbei, Klaus Höpcke. Niemand weiß besser als er, wie es sich anfühlt, einer untergehenden Partei anzugehören, schließlich diente er bis 1989 der DDR als stellvertretender Kulturminister. Höpcke will unterschreiben, allerdings nicht mit unserem blauen Filzstift. Er zieht einen Füller aus seinem Blouson und zeichnet in Schwarz, „damit das reproduzierbar ist“. Dann raunt er: „Es ist wichtig, dass die SPD immer ein Prozent mehr hat als wir – unter uns machen die ja keine Koalition.“ Es liegt wieder etwas in seiner Macht. Höpckes zackiges Autogramm steht fortan auf unserer Liste wie die Signatur eines Siegers unter einer Kapitulationserklärung.

Überhaupt: Bei der Linkspartei kommen wir so gut an wie beim Fernsehen – wahrscheinlich, weil beide von einfachen Botschaften leben. Da ist jetzt auch noch Diether Dehm. Er trägt eine umfragenviolette Krawatte zu einem lila Hemd. Dehm war bis 1998 bei der SPD, dann ist er zur PDS gegangen, jetzt ist er Abgeordneter der Linken. Ach, die gute alte SPD, sagt Dehm, er habe doch immer versucht, ihr Tipps zu geben. Schon als Autor für die Puppen-Comedy Hurra Deutschland habe er mit seinen Pointen Botschaften an die Parteioberen gesendet – aber die wollten ja nicht hören. Was hilft der SPD jetzt noch? „Die ruhige Hand“, sagt Dehm, „und mehr Liebe. Liebe und Frieden in der SPD-Familie.“

Inzwischen hat sich allerlei linkes Parteijungvolk eingefunden und ergeht sich in der Häme eines Halbstarken angesichts eines altersschwachen Vaters. Klassisch ödipal. „Die SPD hat sich den Rechten an den Hals geworfen, dort soll sie sterben“, sagt einer, der brillentechnisch ganz auf Brecht macht. „Es gibt jetzt eine andere Option: uns. Wir nähern uns kontinuierlich und konzentrisch der Macht.“ Sein langhaariger Kollege liest das Flugblatt, hebt den Zeigefinger und sagt: „Typisch! Da steht ja gar nichts Inhaltliches drin. Genau das ist euer Problem.“

Eine Partei aus Altkadern und ehemaligen Gagschreibern weidet sich an unserem Elend. Fast alle unterschreiben. Das war’s dann wohl. Am Morgen zogen wir aus, zur Sonne, zur Freiheit, um die SPD zu retten; am Abend stehen wir im Regen, und die Kommunisten reichen uns wieder ihre Hand.

Uns reicht’s. Wir wollen weg. Wir hören uns schon Sätze sagen wie: „Sozial ist, was Arbeit schafft“, „Fordern und Fördern“ und so. Wir werden zunehmend humorlos. Wir werden immer glaubhafter. Im Laufe des Tages haben ein paar sozialdemokratische Herzkammern zu schlagen begonnen. Und zwar bei uns. Wenigstens das.

Gerade klappen wir Tisch und Stühle zusammen, da spurtet noch ein Kameramann herbei. Er ruft: „Ey, jetzt baut ihr ab?! Ich brauch noch ’n Bild.“ Er wirkt, als hätten wir eine Verabredung sausen lassen. Wir bauen wieder auf. Und der Mann, der sich nicht vorstellt (er ist von n-tv und RTL, erfahren wir auf Nachfrage), filmt und schwenkt und schwenkt und filmt und sagt: „Ein Bild ist ein Bild.“ Dann beschließt er: „So, wir machen jetzt noch einen O-Ton.“ Er klingt wie ein Kinderarzt, der uns ein Interview verschreibt. In den nächsten Tagen dienen wir RTL als untrüglicher Beleg für die Krise der SPD.

Im Rücken des kritischen Journalismus radelt wieder Hans-Christian Ströbele vorbei und versucht so zu tun, als sehe er uns nicht. Herr Ströbele! Das kann Ihnen doch nicht egal sein!

Ist es auch nicht. Es ist ihm verdächtig. Er tritt in die Pedale wie gedopt und rast über Rot. Ein turbokapitalistischer Porsche bremst kreischend vor der Ikone der Grünen. Was sind das nur für Zeiten?

Und was können wir der SPD als Ergebnis unserer Expedition berichten? Erstens: Früher war alles besser. Zweitens: Seitens der Passanten reichen die Anregungen von „Bart weg“ bis „Beck weg“. Drittens: Der einzige kleine Mann, für den die SPD derzeit Politik macht, ist Oskar Lafontaine. Viertens: 32 Unterschriften.

Kurt Beck sollte das wissen. Als wir um kurz nach sechs in der SPD-Zentrale eintreffen, liegt der Sozi-Fanshop schon im Dunkel, die Dame an der Pförtnerloge ruht in Feierabendstille. Wahrscheinlich ist Beck längst weg. Wenn nicht, sagt er sicher: Erst mal waschen und rasieren.

Wir ordnen gerade unser Haar, als die Treppe über dem Foyer ins Schwingen gerät. Ledersohlen schlagen auf Holz, ein Trupp von Anzugträgern kommt herunter, schwarz, schnell, schweigend, in ihrer Mitte – Kurt Beck. Er rauscht vorbei wie ein Dampfer. Draußen startet sein Fahrer einen schwarzen Phaeton, wahrscheinlich ist der noch von Schröder.

Herr Beck! Über die Schulter hinweg fragt er: „Was denn?“ Wir haben hier Unterschriften für Sie. Beck schaltet ein Plakatlächeln ein und dreht mit seinem schweren Körper bei. „Wofür?“ Für die Rettung der SPD. Beck schaltet sein Plakatlächeln wieder aus und dreht sich so schnell um, dass unser Fotograf ihn nur noch von hinten erwischt. „Was für ’n Käse!“, hören wir ihn noch rufen.

Niemand an diesem Tag hat die Situation so schnell erfasst wie er. Der Mann wird wohl unterschätzt.

Hier finden Sie das Flugblatt des fiktiven "Vereins zur Rettung der SPD" als PDF »

 
Leser-Kommentare
  1. Es gibt doch schon eine Auffanggesellschaft, nennt man das so? Die spd als linker Fluegel der CDU, vielleicht schaffen sie es sogar nochmal, das Volk fuer dumm zu verkaufen und Merkel zwo Wirklichkeit werden zu lassen.

    Und schliesslich eine Fusion! Endlich ein bisschen Ehrlichkeit in der verlogenen Parteienlandschaft! Mandats- und sonstigen Wuerdentraegern wird natuerlich Weiterbeschaeftigung garantiert, ganz wie im richtigen Leben. Schliesslich ist auch die Wirtschaft mit von der Partie.
    Und wenn doch jemand was linkeres als die CDU waehlen will, gibts ja auch noch andere Parteien.
    Ciao SPD.

    • Berkel
    • 19.07.2007 um 22:59 Uhr

    Die Herren Tillmann Prüfer, Matthias Stolz und Henning Sussebach sind schuld, wenn ich künftig regelmäßig DIE ZEIT durchstöbern werde, um weitere Artikel von ihnen zu finden.
    Eine derart witzige, pointenreiche und treffende Glosse und kein einziger Kommentar, das haben Sie wahrlich nicht verdient. Daher habe ich mich angemeldet, um Ihnen ein begeistertes Echo zurückzuwerfen:
    Sie sind vermutlich die Frischzellenkur, die DIE ZEIT braucht.

    Ich bin schon ein bißchen alt und erinnere mich noch lebhaft daran, daß mich schon Konservativling Helmut Schmidt selig davon abbrachte, die SPD gut zu finden, das ist nicht nur Schröders Verdienst. Das einzig nette an ihm sind die Tabakschwaden und die Tatsache, daß er ein lebender Beweis ist, daß man rauchen und alt werden kann.

    Einer, der nicht mehr raucht.

    • gauss
    • 19.07.2007 um 22:57 Uhr

    Auch wenn dieser Bericht nicht einer gewissen Ironie entbehrt, warum werden in der Zeit neuerdings ausschließlich linke, politische Strömungsrichtungen als erhaltenswert dargestellt? Bis zuletzt war doch eine gewisse Ausgwogenheit in der "ZEIT" zu vernehmen. Was ist bitte schön erhaltenswert an einer SPD? Eine SPD mit Heil und Beck. Eine Partei, die nur noch Politik für die "Unterschicht" macht, aber nichts für Leistungswillige dieser Gesellschaft übrig hat? Wenn die SPD endlich im hier und jetzt ankommt, wird sie merken, dass es mehr als Klassenkampf gibt.

  2. Die Linken sollten mal lieber aufpassen das sie nicht selber in der Versenkung verschwinden und sich niemand an sie erinnern kann. Grade über Lafontaine kann man sich eigentlich nur noch wundern. Will er nun das was er mit der SPD nie wirklich geschafft hat noch einmal mit den Linken probieren? Glauben die Linken wirklich das sie mir ihrer Politik auf dem Niveau der Bild Zeitung den Wähler erreichen zu können? Ich hoffe nicht.

    Und wer es immer noch nicht geblickt hat: Hatz 4 und Co hat nicht die rot/grüne Regierung alleine beschlossen, sondern konnte nur mit Änderungswünschen und den Stimmen der CDU/CSU beschlossen werden. Eben jene die das grade beschlossene kurze Zeit später nur der SPD zuschoben und selber dagegen protestierten. Was ich von solchen Politikern und den Menschen die sie wählen halte muss ich wohl nicht wirklich schreiben.

    Das einzige was mich an der SPD in letzter Zeit geärgert hat war die Tatsache das man mit seiner Stimmer bei der letzen Wahl eine Kanzlerin Merkel verhindern wollte. Die Geschichte hat uns eines besseren gelehrt.

    Trotz alledem ist die SPD mir immer noch bedeutend lieber als gewisse andere Parteien.

  3. So oder ähnlich stellt man sich das als passionierter Zeitungsleser vor.

    MfG

  4. Ein nett gemeinter Versuch, aber durchaus unnötig. Die SPD hat alle möglichen Höhen und Tiefen überwunden: im Vorfeld des Ersten Weltkriegs diffamiert als »vaterlandslose Gesellen«. In der Weimarer Republik bedroht von Spaltung und einer nicht zu beherrschenden Reichswehr. Im Dritten Reich Verfolgung von Mitgliedern und Deportation. In den Anfangsjahren der Bundesrepublik mit Kommunisten in eine Ecke gestellt und somit erneut gesellschaftlich unmöglich gemacht.

    Und dennoch. Die wichtigsten und größten Umwälzungen wurden immer von der SPD angestoßen. Wer genauer hinschaut wird feststellen, dass es nicht die SPD ist, die kein Profil hat, sondern die Union: denn wer hätte noch vor 5 oder 10 Jahren gewagt zu behaupten, eine CDU-Ministerin würde für Krippenplätze eintreten? Ein CDU-Landesfürst würde sich gegen das dreigliedrige Schulsystem aussprechen? Lächerlich. So könnte man stundenlang weitermachen. Aber ich möchte nun eigentlich nicht die Aufgabe der »Zeit« übernehmen.

    Die SPD ist auf dem richtigen Weg. Ehrlich, integer und nicht beliebig -- sondern beständig. Weiter so.

    • ErichH
    • 20.07.2007 um 8:11 Uhr

    Natürlich ist die SPD keine Verbrecherorganisation. Aber hinsichtlich der Wahrnehmung der Realität, ist eine gewisse Ähnlichkeit einfach nicht zu übersehen.

    ErichH

  5. Ich war zwar nie SPD-Wähler. Trotzdem finde ich die Häme, die mittlerweile über diese Partei ausgeschüttet wird, zum Kotzen.
    Respekt für eine große Partei, die viel für die kleinen Leute getan hat.
    Als noch ein Gauner wie Schröder Parteiführer war, hätte man sich einen Vorsitzenden wie Kurt Beck gewünscht.
    Jetzt gefällt sich die Journaille darin, ihn zu demontieren. Das wirft ein bezeichnendes Bild auf den Zustand der Republik, in der man anscheinend Intriganten, Selbstdarsteller, Profilneurotiker, Demagogen usw. mehr bewundert als ehrliche Arbeiter.
    Ein Demagoge wie Lafontaine gibt eben medial mehr her.

    Und eins muss man der SPD zugute halte: egal, wie schlecht es ihr geht, jemand wie Laurenz Meyer würde es in ihr nie bis in Spitzenpositionen schaffen.

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