Umweltschützer, die jüngst zu Besuch beim neuen Staatspräsidenten waren, zeigten sich beim Verlassen des Élysée-Palastes tief beeindruckt. »Bislang haben wir uns mit dem Staat entweder vor Gericht oder auf der Straße herumgeschlagen«, wunderte sich der Sprecher der Anti-Atom-Initiative Sortir du nucélaire. »Doch ins Château wurden wir noch nie eingeladen.« Das Château, wie der geheimnisumwitterte Präsidentenpalast an der Rue du Faubourg Saint-Honoré in Paris auch heißt, ist seit der Wahl von Nicolas Sarkozy kaum wiederzuerkennen. Mit Einladungen an Ökogruppen, Gewerkschafter und Oppositionelle verwandelt der neue Staatschef seinen Amtssitz in ein Haus der offenen Tür. Ouverture, Öffnung, heißt das Zauberwort, mit dem der vor Kurzem noch stramm rechtsnationalistische Wahlkämpfer sich als Präsident aller Franzosen empfiehlt.

Auch personell bricht er mit allen Traditionen des Machterhalts. Wo seine Amtsvorgänger sämtliche Posten unter Günstlingen und Gefolgsleuten aufteilten, beruft Sarkozy mit Vorliebe ehemalige Widersacher, politische Seiteneinsteiger und Vertreter der Zivilgesellschaft. Unter den 15 Ministern und 16 Staatssekretären sind elf Frauen, sechs Sozialisten, drei Zentristen und drei Französinnen aus Einwandererfamilien. »Sarkozy hat Regierung und Volk einander angenähert«, schwärmt selbst die linke Tageszeitung Libération: »Erstmals spiegelt die Staatsspitze die Vielfalt der Gesellschaft wider.«

Vergessen ist das einst hoch gerühmte »Dream-Team« des sozialistischen Premiers Lionel Jospin, der 1997 stolz darauf war, Spitzenkräfte aus der Gauche plurielle, der bunten Linken, von Grünen bis zu Kommunisten, zusammenzubringen. Bei Sarkozy stammt sogar ein Drittel des Kabinetts nicht mehr aus der Regierungspartei UMP. Das motivierte den Präsidenten jüngst bei EU-Verhandlungen in Brüssel zu dem Scherz: »Ich bin in unserer Delegation der Einzige, der kein Sozialist ist.«

Sarkozys Kalkül ist offenkundig: Will er sein liberal-konservatives Reformprogramm – radikale Steuersenkungen, vereinfachte Arbeitsgesetze, autonome Universitäten, eingeschränktes Streikrecht, regulierte Einwanderung – durchbringen, ohne Massenproteste zu riskieren, muss er möglichst viele Mitstreiter haben, die über Lagergrenzen hinweg in der Bevölkerung akzeptiert sind. Da kann er sich bei populären Figuren wie Bernard Laporte, dem Trainer der französischen Rugby-Nationalmannschaft, sicher sein, den er zum Staatssekretär für Jugend und Sport berief. Auch die Frauenrechtlerin Fadela Amara, die im Wohnungsministerium künftig für die Krisenherde in den Vorstädten zuständig ist, genießt als in Frankreich geborene Tochter eines algerischen Bauarbeiters großes Ansehen als Vorkämpferin von Randgruppen.

Schon General de Gaulle scharte Kommunisten um sich

Das Schlüsselressort Justiz hat der Präsident mit der jung-dynamischen Richterin Rachida Dati, die einer zwölfköpfigen marokkanisch-algerischen Einwandererfamilie entstammt, geradezu provokant untypisch besetzt. Doch schon geht die Öffnung vielen alten Parteikämpfern aus der UMP zu weit. So höhnt die Gesundheitsministerin Roselyne Bachelot über die muslimische Staatssekretärin Rama Yade: »Wäre sie nicht nur weiblich und schwarz, sondern auch lesbisch und behindert, wäre sie glatt Premierministerin geworden.«

Sarkozys neues Team ist medial stark, aber politisch bislang schwach. Denn keiner der Neulinge gehört zu einer verlässlichen Strömung des Parteienspektrums. So vergleicht die Tageszeitung Le Monde die Präsidententruppe mit jenen Boy- und Girlgroups aus der Popszene, die sich für eine erfolgreiche Einspielung zusammenfinden, aber Mühe haben, die nächste Saison zu erreichen. Erste Patzer der Jungminister, die mit allzu siegesgewissen Sprüchen der Regierungspartei einen kräftigen Dämpfer bei den Parlamentswahlen im Juni einbrachten, quittierte Sarkozy mit der Drohung: »Das nächste Mal mache ich alles selber.«