Auf die Frage nach ihrer Lieblingsbeschäftigung antwortete sie in jenem berühmten Fragebogen: „Während des Eisenbahnfahrens aus dem Fenster zu schauen“. Der Blick auf vorbei segelnde Landschaften beflügelte offenbar ihre Kreativität, die Beobachtung der Mitreisenden inspirierte sie zu ihrem literarischen Personal. Dessen Macken und seelische Tiefen beschrieb sie sachlich, fast wissenschaftlich; erst beim genauen Hinsehen spürte man, wie viel Beunruhigung da unter der Oberfläche schlummerte. So war sie viel unterwegs, mal mit Handgepäck, mal mit Hausstand: Italien, Mexiko, England und Frankreich

Gefiel es ihr an einem Ort, blieb sie einfach länger. Bis sie sich eines Tages, mit Anfang sechzig, endgültig niederließ: in einem kleinen Land, in dem sich mehrere Kulturen mischen, hinter Fenstern, die Schießscharten ähnelten – letztlich brauchte sie, die Kosmopolitin, doch einen Rückzugsort.

„Es war nicht leicht, einen wirklich ruhigen Ort zu finden“, erzählte sie einer Reporterin auf Besuch, und dass sie dafür gerne ein paar Unannehmlichkeiten in Kauf nehme, etwa die langen Wege. Einsam fühle sie sich nie: „Ich schreibe meinen Freunden oft Briefe. Es ist vom Gefühl her wichtig, dass es sie gibt. Aber es ist nicht wichtig, dass sie ständig um mich sind.“ Ihr Beruf erfordere nun mal Phasen größter Kontemplation: „Wenn immer jemand da wäre, könnte ich nicht arbeiten… Ich muss absolute Ruhe haben, alles um mich herum muss verschwinden.“

Wie quälend die Stunden am Schreibtisch zuweilen gewesen sein müssen, deutete sie so an: „Manchmal ist Schreiben, als würde man bei der Beerdigung eines geliebten Menschen beim Weinen ertappt.“

Im Alter von 21 Jahren wusste sie um ihre Berufung zur Schriftstellerin. Spätestens da muss ihr auch klar geworden sein, dass sie weder für eine traditionelle Partnerschaft noch für die Mutterrolle taugte, zumal ihre Vorstellung von Familie negativ geprägt war. Zu oft hatte sie Mutter und Stiefvater streiten hören. Der leibliche Vater tauchte erst auf, als sie zwölf war. Zuflucht fand sie bei der geliebten Großmutter – und in der Literatur, als Dreijährige hatte sie sich selbst das Lesen beigebracht. Später bekannte sie: „Ich würde verrückt werden, eine Furie, wenn ich mit einer Familie zusammenleben müsste, die ich nicht mehr loswerde. Das könnte mich wahrscheinlich dazu bringen, einen Mord zu begehen.“

So weit ließ sie es besser gar nicht erst kommen. Doch was in ihren Büchern passierte, stand auf einem anderen Blatt Papier. Unzählige davon betippte sie im Lauf ihres Lebens und bereitete sich darauf vor wie auf ein Rendezvous: Zog eine frisch gebügelte Bluse an, kämmte sich sorgfältig, bemalte ihre Lippen und saß dann vier, fünf Stunden an der alten Reiseschreibmaschine, rauchte, grübelte und schrieb. Hatte sie das Tagespensum geschafft, bereitete sie zur Entspannung den einen oder anderen Hasenbraten für sich und ihre sanften Mitbewohnerinnen – Siamkatzen.

Jeder Mensch, notierte sie einmal, trage „alles Böse in sich, das es jemals gab“. Und daher plage die Menschen, bewusst oder unbewusst, die Panik davor, dass das Böse eines Tages überhandnehmen könne. Über ihre eigenen Angstfantasien ging die zierliche Frau mit dem psychologisch geschulten Blick locker hinweg, zumindest nach außen hin. Dazu befragt, sagte sie, da sei fast nichts – außer der „Angst, den Zug zu verpassen“.

Wer war’s?

Frauke Döhring

Lösung aus Nr. 29:
Mayer Amschel Rothschild (1744–1812), in der Judengasse in Frankfurt a. M. geboren, begann als 13-Jähriger eine Lehre im Bankhaus Oppenheimer in Hannover. General von Estorff empfahl ihn Erbprinz Wilhelm von Hessen, dem nachmaligen Landgrafen und Kurfürsten. Reich geworden durch den Soldatenverkauf seines Vaters, gingen Wilhelm, sein Finanzverwalter Carl Friedrich Buderus und Rothschild eine einträgliche Geschäftsbeziehung ein. Er und seine fünf Söhne gelten als die „Erfinder“ der multinationalen Hochfinanz