Istanbul

So ein richtiger türkischer Wahlkampf ist nichts für Leute, die es gern geordnet haben. Die beste Übersicht hat man vielleicht auf dem Bosporus. Von der Fähre aus sieht man dann zwei wichtige Viertel der Neunmillionenstadt Istanbul. Im Westen Besiktas, im Osten Üsküdar. Hier die Wählerfestung der linkssäkularen CHP auf der europäischen Seite und dort die Hochburg der muslimisch-konservativen AKP auf der anatolischen Seite. Hier dominieren internationale Hotels, Bars, Cafés und Hochhäuser die wenigen Moscheen, dort fallen zwischen den geduckten Häusern als Erstes die Minarette auf. Fortschritt hüben, Rückständigkeit drüben. So sieht es zumindest vom Wasser aus.

Doch kommt man dem Ufer und der Realität näher, verwischen sich die Fronten. Was auffällt, sind weder Miniröcke noch Muezzins, sondern Busse, auf denen Lautsprecher wie Raketenwerfer montiert sind. Es wird scharf geschossen. Ein nationalistischer Parteiführer mit besten Aussichten auf Einzug ins Parlament hat den Premier Tayyip Erdoğan gerade als den »größten politischen Terroristen und Saboteur in der türkischen Geschichte« bezeichnet. Die Politiker reden von Terror und Krieg, von der drohenden Zerschlagung der Türkei durch finstre ausländische Kräfte. Dem Wahlkampf ging eine per Internet breitgetretene Putschdrohung des Militärs gegen die muslimisch-konservative Regierung voraus, gefolgt von Massendemonstrationen säkularer Frauen und Männer gegen die »Islamisierung« des Landes. Und wenn bei den Parlamentswahlen am 22. Juli eine Partei klar gewinnt, ist lange nicht gewiss, dass sie dann auch regieren kann. Noch vor der Wahl wird über Neuwahlen danach spekuliert. Es geht um mehr als nur eine Abstimmung.

In der Türkei tobt ein Entscheidungskampf über das Gesicht des Landes in diesem Jahrhundert. Die klassischen säkularen Eliten von Istanbul und Ankara fürchten um ihre Machtstellung, die anatolisch-muslimischen Aufsteiger verlangen ihren Platz im Pantheon der Republik. Verkehrte Welt: Die Etablierten klammern sich an eine linke Partei, die Massen wählen konservativ. Es geht um die Identität und um die Teilhabe aller Türken an der Macht. Dieser Konflikt lässt sich gut an zwei Frauen erzählen, denn ihre Rechte sind längst zum Symbol des politischen Kampfes geworden.

»So hat die Islamisierung auch in anderen Ländern begonnen«

Ankunft am Anleger in Besiktas. Rechts geht es zum Ciragan-Palasthotel und zu den mondänen Cafés von Ortaköy, links führt der Weg zum Büro von Necla Arat, einer Frauenrechtlerin auf der Kandidatenliste der CHP, der traditionsreichen Republikanischen Volkspartei von Kemal Atatürk. Ihr Büro hat moderne Möbel und dennoch einen Hauch von achtziger Jahren. Keine Tausend-Knöpfe-Telefonanlage, kein Rechner, kein Elektro-Schnickschnack auf dem Holzschreibtisch. Necla Arat liebt schnörkellose Sätze wie diesen: »Das säkulare System funktioniert noch, weil seine Verteidiger sehr stark sind.« Über die Angreifer lässt sie keinen Zweifel. Die regierende AKP von Tayyip Erdoğan besetze viele Posten mit Abgängern religiöser Schulen. Ihre Frauen trügen Kopftücher. In AKP-Wahlkreisen gebe es Grünanlagen, die nur für Männer oder nur für Frauen bestimmt seien. Private Hotels für konservative Neureiche trennten auch die Schwimmbäder nach Geschlechtern. »So hat die Islamisierung auch in anderen Ländern begonnen.«