Rudolf Karazman, ausgebildeter Psychiater und Mehrheitseigentümer der Beraterfirma IBG, hat das Polyfelt-Projekt entwickelt und betreut. Er konzentrierte sich auf drei Kernbereiche: erstens die Arbeitsbelastung der älteren Arbeitnehmer zu reduzieren – durch ein neues Schichtmodell mit weniger Nachtschichten. »Dabei ist es auch um Arbeitszeitverkürzung mit teilweisem Lohnverzicht gegangen«, erzählt er. »Natürlich löst das Ängste aus.« Zweitens wurde Weiterbildung auch für Schichtarbeiter eingeführt – diese sind oft genug von derartigen Maßnahmen ausgenommen. Und drittens etablierte man ein Modell für geregelten Wissenstransfer von den Älteren zu den Jüngeren. So entwickelte das Unternehmen ein best practice -System: Jene Bereiche, wo die Stillstandszeiten besonders niedrig lagen, wurden genau untersucht und die so gewonnenen Erkenntnisse zu speziellen Handbüchern zusammengefasst.

Die Ergebnisse waren beeindruckend. Die bereits hohen Maschinenlaufzeiten stiegen weiter – auf außergewöhnliche 93 Prozent. Die Krankenstände sanken, und niemand ging, während das Programm lief, in Pension. Die Kostenbilanz, die Diplomand Unfried errechnete, ist deutlich positiv: Allein im ersten Jahr standen den zusätzlichen Kosten Einsparungen von beinahe dem Dreifachen gegenüber. Den größten Pluspunkt machte dabei der Verzicht von Zeitarbeitskräften aus, der durch das neue Schichtmodell möglich wurde. Die Arbeitszeit verkürzte sich um acht Prozent, die Arbeiter stimmten einem Lohnverzicht um fünf Prozent zu. Und weil die Arbeiter länger im Unternehmen blieben, fielen auch weder Kosten für Einschulungen noch solche für Abfertigungen an.

Ein ganz ähnliches Programm läuft auch in Österreichs größtem Stahlkonzern, der Voestalpine. »Trotz unseres unauffälligen Durchschnittsalters von 40 bis 44 gibt es bei uns wegen der Verstaatlichten-Krise eine Besonderheit«, erzählt Gerhard Pommer, Leiter des Personalmanagements bei der Voestalpine Stahl in Linz. Die Kombination aus Frühpensionierungen und Aufnahmestopp für Jüngere in den achtziger Jahren führte zu einem Block ähnlich alter Stahlarbeiter. »Und dieser Block marschiert auf der Zeitachse weiter.« Pommers Manager-Kollege für den Gesamtkonzern, Georg Heckmann, formuliert es noch drastischer: »Wenn die alle in zwei, drei Jahren in Pension gehen, haben wir ein Riesenproblem.«

Also entwickelte man in der Voestalpine ein Programm namens Life, das Demografie, interne Altersstruktur und Wertewandel gleichzeitig anspricht. »Das ist kein Projekt, sondern ein Langzeitprogramm«, erklärt Heckmann. Dadurch bereite sich der Konzern systematisch auf die demografischen Herausforderungen vor: Die Älteren sollen gesund und arbeitsfähig gehalten werden. Christian Dickinger, Meister in der Kokerei, berichtet von »heißen Diskussionen«, als die Arbeiter mit dem Modell vertraut gemacht wurden. Denn einer der Kernpunkte war eine Arbeitszeitverkürzung mit leichtem Lohnverzicht für die Schichtler. Zur Auswahl gestellt wurden drei Varianten: die üblichen 38,5 Stunden, 36 Stunden und 34 Stunden Wochenarbeitszeit. »Einer hat gleich am Anfang ganz laut gesagt, er braucht jeden Cent«, erzählt Meister Dickinger, der selbst 20 Jahre Nachtschicht auf dem Buckel hat. »Und auch der tritt heute kürzer und sagt: War ich ein Trottel.« Von den 40 Mitarbeitern in der Kokerei wählt heute kein einziger mehr die 38,5-Stunden-Variante.

Nicht immer funktionieren aber derartige Programme. So kündigte etwa die Handelsgruppe Adeg vor einigen Jahren mit großem PR-Aufwand die Einrichtung von altersspezifischen Supermärkten 50 Plus an. Nicht nur wollte man ältere Kunden mit größerer Beschriftung, niedrigeren Regalen und breiteren Parkplätzen gewinnen. Auch die Belegschaft sollte ausschließlich aus reiferen Arbeitnehmern bestehen. »Diese Märkte werden wieder auf normale Supermärkte umgestellt«, sagt Adeg-Marketingleiter Stephan Müller heute. Konkrete Gründe dafür möchte er keine nennen.

Eine junge, lebenslustige Kassierin in einem Adeg-Markt 50 Plus in Wien-Favoriten glaubt zu wissen, warum: »Wenn während der Stoßzeit viel los war, sind die Kunden in einer langen Schlange bis ganz hinten angestanden. Die älteren Kolleginnen an der Kassa haben dann den Stress einfach nicht ausgehalten.«

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben