Klassiker der Moderne (70) Präzise Ekstase
Sechs Jahre lang wuchs Wolfgang Rihms Orchesterwerk "Jagden und Formen". Ein musikalisches Wurzelgeflecht, in dem drei eigenständige Werke kopulieren und sich gegenseitig kompostieren.
Einmal mussten sich die Musiker den Anfang des Stückes noch als fotokopiertes Fax auf die Pulte stellen, in letzter Minute komponiert. Es war eine vorläufige Fassung, eine von mehreren. Wolfgang Rihm wollte einfach nicht fertig werden mit seinen Jagden und Formen. Er begann 1995 mit diesem Orchesterstück, und es wuchs und wuchs, bis 2001. Man muss es schon so biologisch formulieren. Diesen gut 50 Minuten, berstend von Energie, hört man den Entstehungsprozess an, die Musik stellt ihn dar. Sie wuchert, blüht und ist buchstäblich zusammengewachsen aus drei zunächst eigenständigen Werken, die sich überlagern, kompostieren und kopulieren, mit anderer Musik übermalt werden, außer Kontrolle geraten.
»Fertigkomponiert«, sagt Wolfgang Rihm, »dieses Wort macht mich ganz nervös.« Jagden und Formen spiegelt seine Arbeitsweise, sein Selbstverständnis wie wenige andere Werke. Rihms Kunst wirkt oft wie der hörbare, gestaltete Teil einer immer vorhandenen Klangwelt. Die Musik ereignet sich mit ihm – wobei er zugleich hoch reflektiert vorgeht. Kaum ein Komponist hat sich zu seiner Musik so eingehend geäußert wie dieser. Rihm spricht von Myzelien, den Wurzelgeflechten der Pilze, von »Klimazonen«, aus denen sich gerade dieses Stück zusammenbraute. Das sind höchst persönliche Zonen, aber ein autobiografischer Komponist ist Rihm nicht – er existiert in Musik. Mit diesem »Komponistsein« hängt auch seine enorme Produktivität zusammen.
Als er mit 43 Jahren die Jagden und Formen begann, zählte er längst zu den bekanntesten Komponisten der Gegenwart. Sechs Opern lagen vor, viel beachtet, ein Dutzend Orchesterwerke, neun Streichquartette. Den Klangorgien des 30-Jährigen waren die streng reduzierten »Chiffren« gefolgt, und dabei wuchs »der Wunsch nach Fluss, Fließen, Strom, Strömung«. Den hat er sich mit Jagden und Formen wunderbar erfüllt. Mit zwei einander jagenden Geigen beginnt zunächst ein Kammerspiel, dessen Personal immer größer wird. Ein Kontrabass klopft an, Bläser randalieren, bis die Wände sich heben und die Musik ins Freie führt, uns umgibt. Wüsten, Meere, Dschungel – eins entfaltet sich aus dem andern, wie beiläufig Form annehmend und doch stringent. Da kann man Artefakte und Elementarlaute oft nicht trennen. Fein ziseliertes zerbröselt, archaisches Gebrüll kann sich zu gleißenden Altären auftürmen. Die Ekstase am Ende hat in der komponierten Musik nicht ihresgleichen, so groß und frei wirkt sie. Dahinter steckt Genauigkeit: Gerade wenn es rauschhaft wird, lässt Rihm beim Schreiben »ein höchstes Maß an Triebverzicht und Bürokratie« walten. Doch kommt noch etwas dazu. In Jagden und Formen spürt man zunehmend so etwas wie ein Zeitmaß des Werdens. Immer näher kommt es uns – und die größte Nähe fällt mit diesem Ausbruch zusammen. Danach werden wir von der Musik hinausgeworfen. Die wächst wohl weiter, ist aber nicht mehr zu hören.
Wolfgang Rihm:
Jagden und Formen, Ensemble Modern, Ltg. Dominique My, Universal/DG 471 558-2
- Datum 27.07.2007 - 10:04 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.07.2007 Nr. 31
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