DeutschDie verkaufte Sprache

Aus dem Kreis der Weltsprachen ist das Deutsche schon verschwunden. Nun wird es auch in seiner Heimat zum Sanierungsfall. von 

Es gibt einen Typus des übellaunigen, heimattümelnden Sprachschützers, dem man nicht im Dunklen begegnen möchte. Aber es gibt auch Gründe, im hellen Mittagslicht der aufgeklärten Vernunft Sorge um den Bestand der deutschen Sprache zu empfinden. Warum ist auf Bahnhöfen kein Schalter für Auskünfte, sondern ein Service Point? Was hat der englische Genitiv-Apostroph in Susi’s Häkelstudio zu suchen? Welcher Teufel trieb eine deutsche Wissenschaftsministerin zu einer Kampagne mit dem Motto » Brain up«, was weder auf Deutsch noch auf Englisch Sinn ergibt?

Die Überflutung mit englischen Wendungen ist nur ein, wahrscheinlich der kleinste Teil des Problems. Der größere Teil besteht in ihrer kenntnislosen Aneignung zu dekorativen Zwecken. Viel spricht dafür, den Geist einer aufschneiderischen Werbung dabei am Werk zu sehen. Die deutsche Bahn will sich nicht nur technisch modernisieren; sie will auch modern wirken. Dass ihre sprachliche Modernisierung ein fake ist (um ein gutes englisches Wort zu verwenden), scheint ihr egal zu sein. Ähnliches gilt für ihre Neigung, jede Neuigkeit à tout prix kommunizieren zu müssen, anstatt sie einfach mitzuteilen.

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Der Ausdruck à tout prix ist übrigens aus einer älteren Epoche überkommen. Den Import von französischen Wendungen des 18. Jahrhunderts hat das Deutsche allerdings gut überstanden. Die meisten Ausdrücke sind wieder verschwunden; die übrigen haben sich bis zur Unkenntlichkeit in den Wurzelbestand des Deutschen eingemoost. Von der erfolgreichen Anverwandlung zeugt sogar die Wortbildung: Die Endung - ieren, die ursprünglich dazu diente, französische Verben einzudeutschen (parlieren), wurde bald auch zu Neubildungen mit deutschen Wortstämmen benutzt (spintisieren, verlustieren).

Um sprachschützerische Einfalt von berechtigter Sorge zu trennen, muss man sich klarmachen, dass Deutsch seit Langem eine Hybridsprache ist, die nicht nur Fluten fremder Wörter aufgenommen hat, sondern auch in ihrer Grammatik mehrfach überformt wurde. Den Anfang machten Mönche des Mittelalters, die zahllose Lehnbildungen nach lateinischem Vorbild prägten – berühmtes Beispiel ist die Neubildung Gewissen nach lateinisch conscientia. Den zweiten Schub besorgten Humanismus und Reformation, als die Syntax dem Lateinischen anverwandelt wurde. Man vergleiche die einfachen Satzmuster des Mittelhochdeutschen mit dem Frühneuhochdeutschen, erst recht aber mit dem barocken Deutsch, in dem die Hypotaxen, die Partizipialkonstruktionen und Verschachtelungen geradezu explodieren. Die Sprache eines Kleist oder Hegel wäre ohne diese syntaktische Überfremdung nicht denkbar.

Daraus folgt freilich keine Entwarnung für die Gegenwart. Denn die früheren Übernahmen haben das Deutsche komplexer, reicher, intellektueller und expressiver, philosophischer und dichterischer, auch wissenschaftsfähiger gemacht. Unter dem Einfluss des globalisierten Englisch aber vollzieht sich eine geradezu atemberaubende Simplifizierung. Die englischen oder pseudoenglischen Ausdrücke kommen nämlich nicht einfach hinzu, sie ersetzen auch nicht nur deutsche Wörter, was schlimmstenfalls überflüssig wäre. Sie verdrängen vielmehr die natürliche Wortbildung des Deutschen, die keinerlei Schwierigkeiten mit Neologismen hätte, weil sie mit ihrer Leichtigkeit der Wortzusammensetzung sonst nur im Altgriechischen einen Vergleich hat.

Es scheint aber, dass die Eigenarten des Deutschen inzwischen selbst zum Ärgernis geworden sind, vielleicht schon als Standortrisiko gelten. Das Haupt-ärgernis lässt sich freilich nur schlecht leugnen. Es gibt, mit Schweiz, Österreich und Südtirol, kaum 100 Millionen Sprecher des Deutschen. Das Englische, jedenfalls in seiner globalisiert heruntergekommenen Spielart, wird dagegen auf der ganzen Welt verstanden. Es hat daher seine Logik, wenn sich der Gebrauch des Deutschen aus der Wissenschaft zurückzieht, die auf weltweiten Austausch angewiesen ist. Aber muss deshalb neu gegründeten Universitäten in Deutschland gleich das Englische als Unterrichtssprache aufgezwungen werden? Manches spricht dafür, dass hier nicht internationale Konkurrenz, sondern ein Zeitgeistopportunismus am Werk ist, der das Deutsche wie eine überholte Technologie ablegen will. Denn es sind ja nicht Amerikaner, die uns ihre Wörter aufzwingen. Es sind Deutsche, die in ihrer Bewunderung für alles Amerikanische mit der transatlantischen Praxis zugleich die Begriffe dafür mitbringen – wie Geschenke, die glitzernd verpackt werden müssen, damit ihrem dürftigen Inhalt Respekt gezollt werde.

Leserkommentare
  1. Gratulation zu diesem Beitrag! Erst fürchtete ich zwar, eine dieser inzwischen billigen Sprachschützer-Vorträge hören zu müssen - aber das Lesen hat sich gelohnt.

    Was allerdings die Frage angeht, "was von Geschäftsleuten zu halten ist, die sich wie Kinder gebärden, die Erwachsene verblüffen und ärgern wollen", so fürchte ich, ist die Antwort nur zu klar: Wir schenken ihnen die Republik, statt ihnen das schöne deutsche Wort zuzurufen: "Er kann mich..."

  2. auch so eine faible für Anglizismen, mein Standardspruch dazu ist dann: " Wir haben heute Deutsche Woche.."

    Gruß, Allons!

  3. ...auf Ihrer Startseite finde ich soeben die Überschrift "kein Freibrief für Undercover-Ermittler". Warum, um Himmels Willen, nicht "verdeckte Ermittler" wie im Untertitel??

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    "Kein Freibrief für Undercover-Agenten
    Der Bundesgerichtshof hat dem Einsatz verdeckter Ermittler Grenzen gesetzt"

    Warum, um Himmels Willen, nicht "verdeckte Ermittler" wie im Untertitel??

    Guten Tag, rijukan
    das ist ganz einfach zu beantworten. Angehende Redakteure werden von ihren Redaktionen darauf getrimmt, niemals zweimal das gleiche Wort hintereinander zu benutzen. Wenn Sie im ersten Satz "verdeckte Ermittler" schreiben, dürfen Sie doch im nächsten (oder gar in der Überschrift) nicht nochmal "verdeckte Ermittler" schreiben. Da muss dann "Undercover-Agent" her.

    Der Journalisten-Ausbilder Wolf Schneider, einst auch für Zeit-Redakteure zuständig, hat mal gespottet, dass, wer zweimal hintereinander "Österreich" schreibt, ein Sakrileg begeht. Deshalb heißt Österreich im zweiten Satz immer? Richtig, "die Alpenrepublik". Lesen Sie ihre Heimatzeitung mal daraufhin durch. Auch Artikel, in denen Merkel vorkommt. Zuerst heißt sie "Bundeskanzlerin Angela Merkel", dann "die Kanzlerin", dann "die CDU-Vorsitzende", dann (wenn's passt) "die Gastgeberin", dann "Merkel". (Sportreporter können es aber noch viel übler, die lassen in einem Bundesligaspiel "den Holländer die Kugel ans Aluminium donnern" und sowas).

    Sie glauben nicht, dass die Erklärung so einfach ist? Dann fragen Sie doch mal in den Redaktionen nach, weshalb gleiche Dinge in Überschrift und Unterzeile krampfhaft mit verschiedenen Wörtern benannt werden. Da glaubt man wirklich, es sei schlechter Stil, sich zu wiederholen. Ich darf Ihnen dazu die Lektüre der Blogs 040 bis 054 in http://web.mac.com/e.ma/iWeb/e.ma-Aua
    empfehlen.

    Beste Grüße

  4. Es sind nicht nur die Pseudoanglizismen, auch eine Idiotie wie die "Rechtschreibreform" wäre in keinem anderen europäischen Land möglich. Weil die Obrigkeit es befiehlt, schreiben deutsche Journalisten von Hobbys, Tipps und Geografen.

  5. Heimat, Geborgenheit, Habseligkeiten, Wertschätzung... alles Begriffe, die auch aus dem "urdeutschen" Alltagssprachgebrauch lange verschwunden sind, aber dennoch symptomatisch auf eine wichtige Sache hinweisen.
    Dass die Welt sich globalisiert, ist eine Sache, aber dass jeder Mensch, um damit klar zu kommen, eine umso intensivere Gebundenheit an seine Heimat braucht, wird immer wieder verdrängt oder ignoriert. "Heimat" ist gerade in Deutschland historisch diskreditiert, aber hoffentlich nur für kurze Zeit, denn mittlerweile brauchen wir wieder eine Positivbewertung von Zuhausesein, Heimat oder Nation. Denn nur wer sich in seiner Heimatsphäre verwurzelt und aufgehoben weiß, kann sich auch weltoffen und interessiert an der Welt entwickeln. Die Hytserie der "Jetter" und global player, der Welt-Touristen, gehört ganz sicher nicht zu dieser Weltoffenheit. Nur wer sich auf seine historische Identität, seine biographische Verortung in der Geschichte beruft, kann wissen, wer er im Weltmaßstab ist.

    Und die Sprache? Von Verhunzung der deutschen Sprache kann so nicht gesprochen werden, da ja nichts verändert, sondern - viel schlimmer - durch Blödsinn ersetzt wird: service point statt Infoschalter, Ticket statt Fahrkarte, alles für den Schulbeginn wirbt nun mit happy school shop.

    Ob die deutsche Sprache schützenswert, wunderschön, besser oder schlechter ist als irgendeine andere, kann niemand sagen. Aber dass man als gebürtiger Deutscher sich dazu bekennen muss, das Deutsche anzunehmen und zu respektieren, um angesichts des Globalismus eine existentielle Notwendigkeit vor sich selber zu erfüllen, das ist durchaus immer wieder zu betonen. Damit sind nicht Tümmelei und Nationalismus gemeint und schon gar nicht der WM-Party-Alles-wird-gut-Patriotismus von 2006; vielmehr meint dies, die nationale Identität anzuerkennen ohne seine Persönlichkeit gleich davon lenken zu lassen - für Selbstgewissheit, Weltoffenheit und Anerkennung der nationalen Unterschiede ALS Unterschiede. Das bedeutet Toleranz auf schwierigstem Niveau auszuüben: nationale Selbstbejahung bei gleichzeitiger weltoffener Akzeptanz der global-nationalen Differenzen zu anderen Nationen und Menschen.
    Der Einsatz zur Bekämpfung aller überflüssigen und idiotischen Anglizismen unterstützt dieses Besinnungs- und Verhaltensideal.

  6. Meine Muttersprache ist Englisch aber ich lebe seit einigen Jahren im deutschen Sprachraum. Mein Deutsch ist zwar immer noch mangelhaft, aber ich versuche so viel wie möglich diese unsinnigen Anglizismen zu vermeiden. Meine E-mails sollten "weitergeleitet" nicht "gefowardet" sein. Ich finde Deutsch eine herrliche Sprache und die Deutsche Literatur ist für mich eine große Bereicherung.Aber diese Verarmung und Verblödung der Sprachen erlebt man auch mit Englisch. Kaum niemand versteht mehr z.B. den Unterscheid zwischen "alternate" und "alternative". Und "management speak" ist genau so verlogen und dumm innerhalb des englischen Sprachraums.

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    • eire00
    • 27. Juli 2007 10:50 Uhr

    Wahlmeraner schreibt :
    //Ich finde Deutsch eine herrliche Sprache und die Deutsche Literatur ist für mich eine große Bereicherung.

    Ich bin auch nicht aus Deutschland, sondern aus Polen, und auch ist mein Deutsch weit von mangellos ... und auch muss ich sagen, Deutsch sei eine herrliche Sprache. Ich liebe auf Deutsch schreiben, sprechen ... alles hier ist so schön : Melodie der Sprache, Grammatik, Wörter ... einfach liebe ich das.

    Und wenn ich höre : Handy, Ski, gebackupt und andere, habe ich Gefühl unangenehmes Missklangs ...

    Bitte, schonet Ihr eure Sprache !

  7. Aber muss deshalb neu gegründeten Universitäten in Deutschland gleich das Englische als Unterrichtssprache aufgezwungen werden? Manches spricht dafür, dass hier nicht internationale Konkurrenz, sondern ein Zeitgeistopportunismus am Werk ist

    Wer die internationale "Konkurrenz" an den Universitæten noch immer verleugnet, war lange an keiner (guten) mehr.

    Die Sprache dort ist auch nicht das Problem; die ist dann eben Englisch und als solche klar vom Deutschen getrennt.
    Mit dem Denglischen/Managementspeak, das eben nicht international ist, gehørt das nicht in einen Topf/Artikel.

    Selbiges gilt uebrigens auch in der Geschæftswelt, Technik, usw, wo Kommunikation ueben den deutschen Sprachraum hinaus, sowie mit Nichtdeutschsprechern in D einfach nøtig ist...

  8. 8. Alltag

    @J. Jessen: "ridikül" und "arkan" sind aber auch nicht schlecht :D

    Ich finde, bei der Übernahme fremdsprachiger Worte ist Schluß, wenn die allgemeine Verständlichkeit verloren geht (Was, zum Teufel ist "Assessment" oder wie erkläre ich einem Engländer das Wort "Handy"?). Meine Lösung: Solange nachfragen, bis mein Gegenüber entnervt aufgibt und verständlich redet. Macht diese (ja nicht nur die deutsche, sondern auch die englische Sprache) Sprachvergewaltiger lächerlich, so oft Ihr sie trefft.

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