Sprachkultur Anglais oblige?
Englisch als Wissenschaftssprache ist nicht das Problem, sondern der Kotau vor der Wissenschaftssupermacht USA.
Mit dem irren Slogan »Brain up!« garnierte einst die rot-grüne Regierung ihre sehr deutsche Exzellenzinitiative. An der skurrilen Wortschöpfung zeigt sich schon, wer das erste Opfer der in der Wissenschaftsbürokratie grassierenden Anglomanie ist: das Englische. Diese schöne westgermanische Sprache wurde nicht nur von einer um Worte verlegenen Ministerin geschunden, stündlich bramabarsieren bei unzähligen »Meetings«, »Panels« und »Roundtables« ungeübte Sprecher in einem seltsamen Dialekt vor einem Auditorium, das alsbald kapituliert und abschaltet.
Wer genussvoll Nachteile des Global English oder Basic American aufzählt, sollte zuerst den Nutzen einer Lingua franca anerkennen, den die lateinisch parlierenden Gelehrten des Mittelalters vorgeführt haben. Ihr Erfolg lag auch am Gegenstand, der Theologie, und der überschaubaren Zahl der Sprecher. Heute ist für knapp 400 Millionen Menschen Englisch Muttersprache, für nicht ganz so viele ist es eine geläufige Zweitsprache, und dank der telekommunikativen und touristischen Vernetzung dürfte irgendwann mehr als die Hälfte der Menschheit des Englischen halbwegs mächtig sein – einfach weil es praktisch ist. Einige der über 6000 sonstigen Sprachen werden auf der Strecke bleiben, andere mit Hilfe der digitalen Medien in der Sprachnische überleben, und neue Kreolsprachen werden ersonnen werden. Kein Verein zur Rettung der Nationalsprachen in Frankreich, Polen oder Deutschland wird die Ausbreitung des »Globish« noch verhindern.
Hat das Englische also das Zeug zu einer neuen Lingua franca, wenigstens in der wissenschaftlichen Weltgemeinschaft? Für Wissenschaftler gilt: publish in English or perish in German, veröffentliche in Globalesisch, oder verkümmere in Provinz-Deutsch. Sogar ein Bildungsminister Frankreichs, wo die kulturelle Ausnahme am zähesten verteidigt wird, befand vor einigen Jahren, Englisch sei keine Fremdsprache mehr. Er dachte an den Wirtschaftsstandort, aber in den Naturwissenschaften gilt längst Anglais oblige. Und mal ernsthaft: In welcher Gemeinschaftssprache sonst soll sich die EU austauschen?
Proper English nach Professor Higgins wird auf wissenschaftlichen Versammlungen aber nicht gesprochen, und damit kommen wir zu den unbestreitbaren Kehrseiten der Angli- oder besser: Amerikanisierung. Das Schrumpf-Englisch beschränkt sich nämlich auf ein dürres Grundvokabular von 1000 Wörtern, es lässt sämtliche Idiome und Feinheiten aus, die gutes Englisch auszeichnen, dafür klingen die Herkunftssprachen grausam durch – und eben Sprachungetüme wie »Brain up!«, die den armen Muttersprachlern ein Graus sein müssen. Es entfällt alles, was eine Sprache reich macht, nämlich Sarkasmus, Selbstironie und kleine politische Unkorrektheiten, zugunsten einer »interkulturellen Kommunikation« auf kleinstem verbalem Nenner. Wo dieses Englisch gesprochen wird, sinken Diskussionen auf Vorschulniveau, verschwindet jede Nuance, spielen Gelehrte Stille Post.
Schuld daran ist nicht das von Sprachpuristen dämonisierte Englisch, dessen griffiges Vokabular für luzide Debatten sehr gut geeignet wäre. Es ist paradoxerweise eine auf Internationalisierung fixierte Politik, welche die US-Wissenschaft zur Mutter der Exzellenz und dabei die sogenannten Lebenswissenschaften zum Nonplusultra erhebt. Über die Naturwissenschaften, die viele mit den life sciences verwechseln, geht die Mär, sie bedürften sprachlicher und stilistischer Nuancierung nicht, weil sie ohnehin nur aus Formeln bestünden. Dass wir nicht mehr von Natur- sondern von Lebenswissenschaften sprechen, ist ein Beispiel für die untergründige Wirkung des Global English selbst dort, wo es gar nicht gesprochen wird. In die Wissenschaftssprache schlüpfen Pseudoanglizismen wie »Alleinstellungsmerkmal«, »am Ende des Tages« oder »gut aufgestellt«, die weniger angloamerikanisch affiziert sind als von einer marktschreierischen Sprache der »Verkaufe«.
Der Sprachverkümmerung abhelfen können nur gute Übersetzungen: erstens nichtenglischer Bücher und Artikel in brauchbares und elegantes Englisch, zweitens Übersetzungen wichtiger Texte jeder Provenienz in nichtenglische Sprachen. Es ist bezeichnend, dass dergleichen nur Edelzeitschriften wie Lettre International und die Onlinemagazine Eurozine und Perlentaucher bieten, die mit einem Bruchteil jener Euro-Millionen auskommen, die wissenschaftliche Großkombinate verpulvern dürfen. Wenn international gleich monolingual ist, bedeutet das oft nur: In Englisch sind wir dümmer. Aber würden wir in Deutsch wieder klüger? Nicht vom Englischen, dem Esperanto der Weltwissenschaftsgemeinschaft, müssen wir uns distanzieren (es vielmehr besser erlernen), sondern von der Fixierung auf die vemeintliche scientific superpower namens USA, die – zum Leidwesen auch der meisten US-Kollegen – erschreckend einsprachig ist und ganze geisteswissenschaftliche Branchen anführt, obwohl sie den Originalton der funny languages, in denen ein Sigmund Freud oder Martin Heidegger geschrieben haben, kaum noch versteht. Überdies treiben die USA eine religiös eingefärbte Wissenschaftspolitik, die bisweilen in der Sprache der biblischen Apokalypse einen regelrechten Krieg gegen Wissenschaft und Aufklärung führt. Trotz dieser Selbstverzwergung profitieren Amerikaner im globalen Wissenschaftsbetrieb vom kulturellen Kapital ihrer Muttersprache, die wir Europäer aus freien Stücken zum Exzellenzidiom erheben. Gegen solche Wettbewerbsverzerrung hilft nur eines: Wer amerikanische Kollegen einlädt, sollte fragen, ob sie mindestens eine weitere lebende Sprache beherrschen.
Claus Leggewie ist neuer Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen, Elke Mühlleitner arbeitet als Psychologin und Wissenschaftshistorikerin in Gießen. Im Herbst veröffentlichen sie im Campus-Verlag »Die akademische Hintertreppe. Kleines Lexikon des wissenschaftlichen Kommunizierens«
- Datum 27.07.2007 - 04:08 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.07.2007 Nr. 31
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Ich hoffe wirklich, dass Frau Mühlleitner als Wissenschaftshistorikerin klar ist dass "life sciences" ganz einfach ein Synonym für die Kombination aus Biologie und medizinischer Forschung mit molekularbiologischen Methoden ist. Diese Art der Wissenschaft kommt übrigens fast ohne Formeln aus.
Im Prinzip finde ich den Beitrag relativ gelungen, aber musste der Teil über Amerika wirklich sein? Kotau ist zwar ein schönes Wort, aber es würde wahrscheinlich mehr Sinn machen für eine bessere Schulbildung in Englisch zu plädieren damit die Sprache nicht nur als stumpfes Zweckmittel gelernt wird, sondern auch auf die literarischen Feinheiten eingegangen wird.
Außerdem habe ich das Gefühl dass ein Großteil der jüngeren Wissenschaftler wirklich gutes Englisch schreiben und sprechen kann und dass das Problem eher dann aufkommt, wenn ältere Professoren auf einmal auf Englisch umsteigen müssen.
Ich finde "brain up", an und für sich betrachtet, kein "Sprachungetüm", und schon gar nicht wird es Muttersprachlern ein Graus sein; es ist ein Verb der neueren englischen Umgangssprache und bedeutet ungefähr "besser machen" oder "intelligenter gestalten" (kann man sogar im "LEO"-Wörterbuch nachlesen).
verb (used with object)
8. to smash the skull of.
9. Slang. to hit or bang (someone) on the head.
Danke, dictionary dot com!
Okay, Sie haben komplett recht, "brain up" hat die Bedeutung "besser machen" oder "intelligenter gestalten". Aber das heißt nicht dass es ein schönes Wort ist :)
verb (used with object)
8. to smash the skull of.
9. Slang. to hit or bang (someone) on the head.
Danke, dictionary dot com!
Okay, Sie haben komplett recht, "brain up" hat die Bedeutung "besser machen" oder "intelligenter gestalten". Aber das heißt nicht dass es ein schönes Wort ist :)
verb (used with object)
8. to smash the skull of.
9. Slang. to hit or bang (someone) on the head.
Danke, dictionary dot com!
Okay, Sie haben komplett recht, "brain up" hat die Bedeutung "besser machen" oder "intelligenter gestalten". Aber das heißt nicht dass es ein schönes Wort ist :)
Da mir das Wort "bramabasieren" nicht bekannt war, habe ich es "gegoogelt".
Als eines der ersten Ergebnisse erhielt ich die folgende Erklärung:
Bramabasieren ist der vergebliche Versuch, sich durch Verwendung eines
falsch wiedergegebenen Fremdworts einen intelligenten Anstrich zu geben.
;-) Der Duden nennt's "bra|mar|ba|sie|ren (aufschneiden, prahlen)" und
hinterlässt die Frage, wozu das Fremdwort nütze ist.
Auch wenn es sich "nur" um einen Rechtschreibfehler handelt, erschien mir die Ironie im Hinblick auf die Bedeutung des Wortes und den Inhalt des Artikels zu köstlich, um sie unkommentiert zu lassen.
Wie ein richtiger Journalist versteht der Autor nicht wirklich, worum es bei der "Sprachverkümmerung" geht. (Nebenbei bemerkt:Englisch ist überhaupt als Folge einer "Sprachverkümmerung" entstanden.) "Brain up" ist ein völlig harmloser Slogan, den jeder native speaker sofort verstehen würde, auch wenn er nicht längst eingeführt wäre. Aber es verbreitet sich gerade in englischsprachigen Ländern ein "Englisch", das aus der unguten Mischung von (größtenteils amerikanischem) Admass-Hype (wozu sich Soziologesisch gesellt) und merkwürdigen sozial oder ethnisch bedingten Sprachgewohnheiten - so verschwindet z.B der semantisch notwendige Unterschied zwischen "may" und "might", "would" erscheint in "if" Sätzen, usw, so dass klare Differenzierung zunehmend schwieriger wird. Die Frage ist also, welches Englisch soll man - auch im Großamerikanischen Reich - lernen, und wozu? Diese Frage wird im technokratischen Jargon der Herrschenden überall ignoriert.
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