Sprachkritik

An die Wand geworfen

Warum PowerPoint-Präsentationen und Marketing-Jargon Sprache und Geist beschädigen.

Die zunehmende Anglisierung ist kontraproduktiv«, murrt Annette Schavan, die Bildungs- und Forschungsministerin, die die »deutsche Sprache bedroht« sieht. Hätte sie statt »zunehmend« das Wörtchen »inkremental« benutzt, wäre der gesamte Satz ausländisch, genauer: eingedeutschtes Latein und Französisch. Und was ist mit ihrem Vornamen? Der ist die französische Verkleinerungsform von »Anna«.

In diesem Sinne ist die deutsche Sprache seit je »bedroht« – durch die sukzessive Invasion, äh, durch das stete Eindringen fremdländischer Vokabeln, nein, Wörter. Das halbe Deutsch ist schon mal griechischer und lateinischer Herkunft. Im 18. Jahrhundert wurde Französisch »parliert«, während der napoleonischen Besatzung drang das Welsche gar in den Volksmund ein. »Bluse« kommt von blouson, und »mausetot« ist nichts anderes als mort si tôt. Jiddisch kam hinzu (Schickse, Tachles, Ganove), Italienisch (Espresso, Gigolo), Russisch (Roboter, Datsche) und zum Schluss, als veritabler, äh, wahrer Tsunami, das Englische. Geschadet hat das der deutschen Sprache nicht; sie wurde reicher und vielfältiger – ganz ohne den Zwang, den die Sprachhüter seit Jahrhunderten insinuieren, ja unterstellen.

Nein, die Gefahr dräut anderswo. Der geistig-kulturelle Untergang nicht nur Deutschlands, sondern des gesamten Abendlandes wird implementiert, wenn nicht gar verwirklicht durch PowerPoint, das mehr ist als nur ein Folien- und Präsentationsprogramm. PP ist die Verengung des Geistes und der Sprache, der Kulturimperialismus schlechthin, der, obzwar keiner Regierung untertan, eine ganze Sprachfamilie zwischen Paris und Peking gezeugt hat. Nennen wir sie in Anlehnung an Orwell »Business- und Marketing-Sprech«.

PP wird an die Wand geworfen. Folglich müssen die Buchstaben groß sein, folglich bleiben pro Slide (»Bild«) nicht mehr als 6, 8 Zeilen. Die sind reserviert für bullet points – kurze, knappe Statements (»Sätze«). Gut so, denkt sich der abendländisch geschulte Mensch: Da muss der Autor sich auf das Wesentliche beschränken und prägnant formulieren. Tut er aber nicht, sondern produziert generische Sätze, die zu allem passen und nichts sagen.

Übersetzen wir eine der berühmtesten Ansprachen der westlichen Zivilisation in PP, die Gefallenenrede von Perikles im Peloponnesischen Krieg – in fünf Folien. Es war Attikas erstes Jahr im Krieg gegen Sparta (431 vor Christus); um den Athenern Mut nach schweren Verlusten zu machen, pries Perikles die Vorteile der Demokratie.

REALISIERUNG VON BASIS-ZIELEN
☞ Ehre bezeugen
☞ Vorfahren gedenken
☞ Message gut für die Zuhörer

CORPORATE IDENTITY & MORALISCHE ASSETS
☞ Verfassung self-made
☞ Bürgertum ist cool
☞ Vertrauen in eigenen Mut
☞ Liebe des Schönen
☞ Schule von Hellas

EXZELLENZ UNSERER HEROES
☞ Im edlen Kampf für die Firma gefallen
☞ Gefordert: Höhere Leistung der Überlebenden
☞ Eltern (»Best-Ager«) trösten

AGENDA & PROBLEMLÖSUNGEN
☞ Output/Geburtenrate maximieren
☞ Ehrliebe promovieren
☞ Konkurrenz wird tougher: Marktanteile steigern

IMMEDIATES AKTIONSPROGRAMM
☞ Die Loser (»Toten«) loben
☞ Tugend der Frauen highlighten
☞ Klageruf initiieren
☞ Nach Hause gehen

Es fehlt alles, was gute Kommunikation (»Verständigung«) ausmacht. Gedanken werden zerhackt, die Beziehungen zwischen ihnen eliminiert (»beseitigt«). Was ist wichtig, was kommt vorher, was nachher? Vorgegaukelt durch die rigorose Struktur wird geordnetes Denken; tatsächlich werden Kausalitäten und Prämissen plattgemacht, wird der Zuhörer manipuliert. Die Aufzählung ersetzt das Narrativ (früher: »Erzählung«). Oder ganz kurz: »Bullet outlines canmakeus stupid«, schreibt Edward R. Tufte in The Cognitive Style of PowerPoint. Denn, so Karl Kraus: »Sprechen und Denken sind eins.«

Wie blöd? Zweieinhalbtausend Jahre später doziert der Chef der Telekom über den neuen »Markenauftritt« (kann eine Marke auftreten?): »One Company. One Service. Wir haben Marketing und Vertrieb gestrafft, die Zahl der Marken reduziert und die neue Markenarchitektur etabliert… Wir haben die bisherige Kommunikation auf den Prüfstand gestellt und uns für eine Vereinfachung unserer Marktansprache entschieden.« Er hätte es prägnanter sagen können: »Wir verringern Personal und Produkte. Wir wollen verständlich mit den Kunden reden.« Merkmal des Marketing-Sprech ist also die Redundanz (»Weitschweifigkeit«) sowie das Generische (»Allgemeinplatz«). Diese kleine Ansprache hätte jeder deutsche Boss halten können.

Aber es sind nicht nur die Bosse, die so reden, weshalb auch der USP(unique selling proposition) des gesamten Abendlandes zur Disposition auf der Agenda steht. Fast alle, die im Weinberg des Zeitgeistes arbeiten, kommunizieren (»reden«) so: Sozialarbeiter, Gender-Beauftragte, Think-Tanker, Bürokraten, Wohlfahrtsverwalter, die »sinnstiftende Klasse« ganz allgemein (ausgenommen natürlich diese Zeitung).

Greifen wir wahllos ein paar Beispiele heraus. »Lernprozesse« (früher »Lernen«) sind immer »kreativ«, Profile werden stets »geschärft«, um »kreativ genutzt« zu werden. Das sind Wörter, die munter von der Festplatte purzeln. Besonders beliebt ist die Redundanz durch Wiederholung und Pleonasmen (»doppelt gemoppelt«). »Programm« reicht nicht, ein »Programmdesign« muss her. Dieses wird »initiiert und etabliert« – »gefördert« sowieso. Die »Erfolgskontrolle« ist zu armselig, stattdessen heißt es: »Entwicklungen werden durch Methoden der Selbstevaluation und durch die Maßnahmen zu Qualitätsüberprüfung erfasst.« Selbstverständlich muss stets »sensibilisiert und qualifiziert« werden.

Die »Konzeption« eines Projekts muss durch die »thematische Ausgestaltung« aufgebläht werden. Und immer wieder die Aneinanderreihung des Gleichen: »Die Blabla hat für alle Phasen der Programmarbeit konkret auf die Programme zugeschnittene Instrumente entwickelt, um die Qualität zu sichern und Ergebnisse für weitere Vorhaben zu nutzen.« Es könnte auch heißen: »Unsere Vorhaben werden regelmäßig überprüft.« Aber so würde ein Geschäftsbericht nicht 100, sondern nur 20 Seiten füllen und die Bedeutung der jeweiligen Institution mindern, limitieren und reduzieren.

Übrigens klingt das im Englischen genauso. Wo also stehen die Schulen in Braunschweig, Manchester oder Pittsburg, die derlei Sprache lehren? Der Verdacht liegt nahe, dass das alles in Redmond, Bundesstaat Washington erfunden wurde, wo Microsoft sein PowerPoint initiierte und implementierte. Doch über so viel Power verfügt Bill Gates nicht. Die Korruption unserer Sprache kommt nicht von Big Brother. Wir verdummen uns selber, wenn wir nichts mehr sagen, sondern nur noch reden. Oder bullet points an die Wand werfen. Warum steigt der Bullshit-Quotient?

Weil der Schwall der Wörter ein gutes Versteck bietet. Wer die Schärfe meidet, eckt nicht an, provoziert keine Kritik. Die basic issue ist es, defensive oder gar aggressive Reflexe zu minimieren; sonst kostet es Kunden und Wähler. Hier vereint sich also Marketing-Sprech mit Political Correctness. Niemandem wehtun, am wenigsten sich selber. Lau badet’s sich gut, im Schaum noch besser. Doch stumpfe Sprache stumpft auch das Gehirn ab – des Redners wie des Zuhörers. Und deshalb dräut der Untergang des Abendlandes, dieser wunderbaren Kultur, deren festes Fundament der klare Gedanken, das rigorose Räsonnieren, die präzise Sprache waren. Das affirmieren wir jetzt emphatisch, inständig und nachdrücklich, aber erst nach nachhaltiger Beratung, Begleitung und Evaluation. Bloß: Perikles ist out, finished und vorbei. Das war kein qualifizierter Markenauftritt, Perry!

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Leser-Kommentare

  1. Ihre des Wortes mächtige Angewidertheit in allen Ehren. Es ist wahr, wer einmal BWL-Studenten im Marketing-Seminar bei PowerPoint-en zugehört hat, kann Ihren Standpunkt sicher nachvollziehen. Außerdem bin ich sicher kein in den Weiten des Internet herummirrender Microsoft-Unterstützer.

    Dennoch liegen Sie falsch. Erstens hat es das sowohl Reden-und-nichts-Sagen immer schon gegeben. Ich muss wohl niemanden daran erinnern, dass Politiker hierin wahre Meister sind. Zweitens sind Marketing-Menschen nun einmal professionelle Verkäufer, und der Vertreter an der Tür war uns doch wohl immer schon ein Graus, auch vor der Erfindung von Powerpoint. Und wer hat nicht seit jeher eine Menge von Professoren an der Kunst des guten Vortrags scheitern sehen.

    Nein, das Problem ist nicht Powerpoint, sondern diejenigen, die sich seiner bedienen, um einen inhaltlich schwachen Vortrag visuel aufzurüsten. Die Enttäuschung ist doch eher, dass man bei einer Powerpoint-Präsentation erwartet, das Wesentliche in seinen logischen Zusammenhängen vorzufinden, die als Hilfsmittel den Vortrag nachvollziehbar machen. Wenn der Sprecher dieses Versprechen nicht einlöst, ist dies eine umso größere Enttäuschung. Dennoch habe ich schon wirklich gute PP-Vorträge gesehen und bin felsenfest überzeugt, dass jemand, der weiß, wie man sich dieses Hilfsmittels richtig bedient, die Qualität seines Vortrages steigern kann.

  2. Passend zur Rede des Perikles im PP-Format möchte ich hier noch einen Verweis

    http://pdos.csail.mit.edu...

    auf die Seite einiger amerikanischer Studenten anbringen, die einen schönen Artikelgenerator programmiert haben. Nach Angabe der gewünschten Autorennamen erhält man einen wissenschaftlichen Artikel mit zufälligem Inhalt. Die Gruppe hat es sogar geschafft, eine solche "Arbeit" bei einer internationalen Konferenz einzureichen. Ebenso gelingt es auch, PP-Vorträge zufälligen Inhalts zu erzeugen. Mehrere solcher Vorträge hielt die Gruppe dann auf besagter Konferenz. Das ganze wurde gefilmt und kann auf oben genannter Webseite genossen werden.

    Die Geschichte zeigt, daß auch im Wissenschaftsbetrieb heute Masse mehr gilt als Klasse.

  3. Ich denke (wie auch mein Vorredner geromex), dass man dem Programm nicht die Schuld an der falschen Benutzung geben kann.

    Im Grunde macht PowerPoint nicht anderes als die Arbeit mit Folien und Overhead-Projektor bei Vorträgen zu vereinfachen.
    Genauer gesagt bietet es sogar einiges mehr an Möglichkeiten.

    PowerPoint wird jedoch von sehr vielen Benutzern als Selbstzweck betrieben - die Leute verstecken nicht nur ihre dürftige Aussage hinter der Präsentation, sondern auch sich selbst als Person. Nur die wenigsten scheinen zu verstehen, dass PowerPoint ein Hilfsmittel ist - genauso wie Flipchart, Poster usw. Im Mittelpunkt steht bei einem Vortrag nach wie vor die Person - und allein an ihr hängt es ob PowerPoint sinnvoll genutzt wird, welche Sprache verwendet wird und ob am Ende etwas Vorzeigbares heraus kommt.

    Ich muss also dem Autor widersprechen, wenn er hier allen Ernstes meint, das Programm habe die Schuld und nicht die Person die es bedient. Es scheint sich hier eher um tiefsitzende Vorurteile zu handeln - nicht jede PP-Präsentation besteht aus Folien mit jeweils 6 Zeilen Text, angeordnet mit Gliederungspunkten.

    Auch scheint der Autor nicht zu verstehen, warum man überhaupt ein solches Programm verwendet, statt einfach nur seinen Vortrag zu halten.
    Ziel einer Präsentation bzw. eines Vortrages sollte - zumindest im Normalfall - die Informationsvermittlung sein. Die Zuhörer und Zuschauer sollen möglichst genau und möglichst nachhaltig informiert werden. Mit einem einfachen Vortrag der nur auf dem Zuhören des Publikums basiert gelingt das in der Regel eher weniger. Die Kunst ist es durch das visuelle Medium PowerPoint den Informationsgehalt zu erhöhen. Das geht ganz konkret mit guter Visualisierung der Sachverhalte (was ich höre UND sehe, behalte ich besser als jenes, was ich nur höre).
    Gute Visualisierung bedeutet nicht das hinklatschen von Wortfetzen, sondern die schematische Darstellung von Abläufen oder auch Zahlengebilden. Eine PP-Präsentation die zu mehr als 50% aus reinen Textfolien besteht ist eine schlechte Präsentation.

    Vielleicht sollte sich der Autor hier erst einmal gründlich über den eigentlichen Sinn und Zweck der Software informieren, bevor er sie zur Erklärung einiger misslichen Dinge heran zieht, die es davon unabhängig schon seit ewigen Zeiten gibt.

  4. Nehmen wir einmal augenzwinkernd an, dass Perikles vielleicht doch auf eine antike, aber dem PowerPoint ähnliche Präsentaionstechnik zurückgreifen konnte, allerdings ohne dass sich dieses Präsentationsereignis in der Überlieferung niederschlug. Dies würde dann beispielsweise erklären, wie Platon auf die Idee mit dem Höhlengleichnis kam. Die flackernden und schemenhaften Schatten an den Wänden waren vielleicht ja nichts weiter als eine Verknappung komplexer Gedankengänge und der differenzierten Zusammenhänge der Wirklichkeit.

    • 27.07.2007 um 20:27 Uhr
    • heimue

    Die antiken Redner und Autoren als Meister der gradlinigen Sprache zu loben, halte ich angesichts des schwafeligen Ciceros (oder vielleicht habe ich ja was missverstanden?) für gewagt - zum einen.
    Zum anderen erstaunt mich immer wieder dieser Technikhass unter den Autoren der "besseren" Publikationen. Programme wie Power Point oder ein Fernseher sind nicht per se "böse", das entscheidet der Nutzer selbst. Das zeigt z.B. auch das Beispiel, dass Notebooks aus dem Unterricht in den USA wieder verbannt werden, weil die Schüler diese nicht richtig nutzen. Vielmehr sind die Lehrer nicht in der Lage, die Technik so in den Unterricht zu integrieren, dass die Qualität des Unterrichts steigt.

  5. vielleicht hätten einige hier den Artikel ganz lesen sollen:

    "Der Verdacht liegt nahe, dass das alles in Redmond, Bundesstaat Washington erfunden wurde...Doch über so viel Power verfügt Bill Gates nicht...Wir verdummen uns selber, wenn wir nichts mehr sagen, sondern nur noch reden".

    Powerpoint ist nur ein Sinnbild der zunehmenden Verblödung eines grossen Teils der Geschäftswelt.

    Der Anteil an wertvoller Information, die durch einen Vortrag mitgeteilt wird, sinkt mit der Höhe der Stellung des Vortragenden.

    Beinhaltet ein Vortrag fast gar keine wertvolle Information, so ist dies ein sicheres Zeichen dafür, dass jemand es geschafft hat ganz oben anzugelangen.

    Einige kleine Wichte blasen sich schon vorher auf, doch das geht meistens schief. Bullshitting funktioniert nur von oben nach unten.

    • 27.07.2007 um 23:05 Uhr
    • 24-7

    Der Begriff "Roboter" kommt nicht wie fälschlich angnommen aus der russischen, sondern aus der tschechischen Sprache. "Robot" mag aus dem allgemeinen slawischen Raum kommen, jedoch wurde das Wort "Roboter" in dieser neuen Bedeutung durch die Gebrüder Capek geprägt, welche aus Tschechien kamen.

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  6. Ist saure Gurken Zeit (Sauregurkenzeit, saure Gurkenzeit, nein, muss wohl Sauregurken Zeit heißen)? Hat Herr Joffe erst kürzlich eine PP Präsentation erleiden müssen? Da ist er etwas spät dran. Scott McNealy, seines Zeichens ehemaliger Chef von SUN Microsystems hat (angeblich) 1997 Powerpoint in der Firma verboten. Zu schade, dass ich das Originalzitat dem Google nicht entlocken kann. Immerhin gibt es noch Hinweise, wie diese

    http://www.physics.ohio-s...
    http://weblog.ceicher.com...
    http://www1.ietf.org/mail...

    die an sich schon zeigen, dass das Thema sehr alt ist.

    Viele Grüße,
    Harald Kirsch

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  • Von Josef Joffe
  • Datum 28.7.2007 - 09:44 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 26.07.2007 Nr. 31
  • Kommentare 28
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