Dieser zwischen 1934 und 1935 entstandene Roman hat eine fantastische Vorgeschichte. Sein jugendlicher Autor war überzeugt, dass dieses Werk so großartig sei, dass es nur Thomas Mann angemessen würdigen könne. Der kühne 23-jährige, in Wien geborene Autodidakt Hans Mayer, der sich später Jean Améry nannte, war ein blonder, katholisch erzogener Jude, Schulabbrecher, vaterlos, belesen und hoch ambitioniert. Er schickte das Manuskript an den verehrten Schriftsteller und wartete lange auf eine Antwort. Höflich entschuldigte sich Thomas Mann mit Überlastung und verwies ihn an Robert Musil. Stilistisch ein extremer Antipode, bescheinigte Musil, dass der Roman »recht begabt« sei, aber »noch gewisse Unreifen zeigt«.

Als das verschollen geglaubte Manuskript 1950 wieder auftaucht, ist Jean Améry beglückt. Zu einer Publikation kommt es nicht. Knapp dreißig Jahre nach Amérys Freitod im Oktober 1978 erscheint der Roman nun endlich in Erstausgabe.

Sind die Schiffbrüchigen ein »Geniestreich«, wie Améry dachte, oder ein pathetisch aufgeladener Jugendroman über die großen Fragen der Existenz? In einer vom Antisemitismus durchsetzten Zeit stellt der junge Mann die drängendsten Fragen an sich selbst. Spuren dieser Suche nach Antworten bestimmen Jean Amérys gesamtes nach Auschwitz entstandenes Werk, in dem es immer um die Demonstration existenzieller Erfahrung geht. Jean Améry war ein unruhiger Analytiker, ohne Zeit für Nebensachen, nur das Unbedingte vor Augen. Man muss sein 1968 erschienenes Buch Über das Altern lesen, geschrieben zu einer Zeit, als das Altwerden noch eine relativ undramatische gesellschaftliche Tatsache war, um die Radikalität seines Denkens zu verstehen. Oder seine letzte Veröffentlichung Charles Bovary, Landarzt. Portrait eines einfachen Mannes, geschrieben als Antwort auf Jean-Paul Sartre und als Rehabilitation einer Romanfigur.

Jean Améry war zeit seines Lebens ein rebellischer Humanist, ein geistiger und tatsächlicher Widerstandskämpfer, der nach seiner Emigration aus Wien 1938 in Belgien lebte, 1943 nach zwei Fluchten und der Mitarbeit in einer Widerstandsgruppe 1944 nach Auschwitz, ein Jahr später nach Mittelbau-Dora und nach Bergen-Belsen kam. Insgesamt verbrachte er 642 Tage in deutschen Lagern. »Das Überstehen«, schrieb Améry, »war ein Widersinn.« In seinem Abschiedsbrief vor seinem Freitod im Oktober 1978 ließ der 66-Jährige seine zweite Frau Maria wissen: »Ich kann meinem Niedergang, intellektuellen, physischen, psychischen, nicht zusehen.«

Der Inhalt der Schiffbrüchigen verweist prophetisch auf die bevorstehende Vernichtung der Juden, auf ihre Unterlegenheit gegenüber den kraftstrotzenden Ariern. Die Form des Romans ist ausschweifend pathetisch. Hier formuliert ein junger Mann, der den späten Rilke, Hermann Broch und Gottfried Benn liest, auftrumpfende Sätze, weil in ihm alles brodelt, ganze »verschüttete Gedankenkomplexe«.

Eugen Althager, die Hauptfigur der Schiffbrüchigen, ist ein extremer Grübler, einer, der sich über die »Seelenbiologie« Gedanken macht. Améry beschreibt eine in den Ausläufern des 19. Jahrhunderts verfangene Welt. Das Kaffeehaus ist die Zentrale des alltäglichen Lebens, und das Nichtstun gehört zur Existenzmetapher. In diesem finstren, nach Dostojewski riechenden Wien, voll Armut, Hunger, kalten, stinkigen Zimmern, Ladenmädchen, Portierstöchtern und Prostituierten, kämpfen in der Person des jungen Eugen Althager das Öffentliche und das Private miteinander: Politische Vorahnungen vermischen sich mit der existenziellen Lebensverneinung und einem vehementen Liebesbegehren. Verlust, Schmerz, Einsamkeit und Ausweglosigkeit sind das Grundthema dieses Lebens. Rettung gibt es nicht und wird es nicht geben.

Jean Améry zwingt seiner Hauptfigur die Stürme der Jugend, Lebensekel, tiefen Pessimismus und Passivität auf. Eugen Althager beobachtet das Treiben der Menschen wie ein Spion. Er sitzt auf der Zuschauertribüne und stilisiert sich zu einem literarischen Prototyp: dem nicht handelnden Menschen, dem das Leben zustößt. Als Eugen Althager einmal Ja sagt und sich auf ein Duell einlässt, bedeutet diese Handlung seinen Tod.

»Ich bin«, sagt Eugen von sich, »kein geistig Tätiger, ich bin ein arbeitsloser Vagabund.« In dieser Lebensform drückt sich eine »gewisse Romantik der Haltlosigkeit« aus, und der Autor bestätigt, dass seine Hauptfigur wenig Ahnung von den »furchtbar brutaleren Formen des Lebenskampfes« hat. Diese »gewisse Romantik« verhindert nicht, dass Eugen mit Agathe ein ernstes und karges, ein »mühevolles« Leben führt. Als Agathe schwanger wird und sich mit Überlegungen, wie sie der heutigen Karrierefrau nachgesagt werden, für eine Abtreibung entscheidet, wofür ihr das Geld fehlt, verkauft sie sich mit Eugens Einwilligung an einen reichen Ingenieur, der sie schon lange begehrt. Sie wird bei ihm bleiben. Eugen wird leiden.

Eugen teilt sein Bett mit den Frauen und seine Gedanken mit seinem Schulfreund Heinrich Hessl. Hessl studiert, promoviert, wird Redakteur, hat Erfolg. Eugen sinkt immer tiefer, erkennt, dass die Ideen von Freiheit, Menschlichkeit und Demokratie am Boden liegen: »Kolonnenweise marschierte die uniformierte Macht über die Erde, die Einzelnen in ihre Reihen verschluckend.« Trost bietet ihm nur der Gedanke an den Selbstmord.

1966 wird Jean Améry in dem Essay Jenseits von Schuld und Sühne sagen: »Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt.«

Die Schiffbrüchigen sind kein »Geniestreich«. Es ist ein überfrachteter Jugendroman, in den Essenzen vieler Bücher eingegangen sind. Das aufgeladene Pathos stößt auf die »Kälte des Verstandes«. Eugen Althager, erzogen »in der dünnflüssigen und substanzlosen Atmosphäre seines schwunglosen und unjugendlichen Rationalismus«, geht an den »rätselhaften Mächten des Lebens« zugrunde.

Jean Amérys weiteres Werk zeichnet sich durch eine Sprache aus, die der Radikalität seines Denkens entspricht. Diese analytische Askese fehlt den Schiffbrüchigen. Es ist der Roman eines schwärmerischen Verweigerers, eines Mannes, der über Freundschaft, die Verführbarkeit des Individuums und sich selbst nachdenkt. Frauen sind in diesem Universum erotisch stimulierende Geister, ihnen gehört das Gefühl, nicht der Kopf. Passivität lähmt den Zweifler. Der Roman Die Schiffbrüchigen erzählt von der aufgeladenen und hoch gespannten Herzensqual eines jungen Mannes vor sehr langer Zeit.

Jean Améry: Die Schiffbrüchigen

Roman; Klett Cotta, Stuttgart 2007; 330 S., 22,– €