Autofahren ist wie mit einer Frau tanzen«, sagt Hamid. Man tritt das Gaspedal mal sanft, fast unmerkbar. Und manchmal mit Gewalt. »Du bestimmst alles.«

»Wie viele Nächte von Hannover bis Rabat?« – »Höchstens zwei, vielleicht drei. Wir fahren in aller Ruhe. Nur keinen Stress.« – »Wie viele kommen mit?« – »Ich. Mein Sohn. Meine Frau. Und einer aus Karlsruhe.« – »Wie viel Euro?« – »Sechzig. Okay, sagen wir vierzig. Mit Essen und Hotel. Du zahlst nichts.«

Vierzig Euro bis Afrika. Sogar Trampen ist teurer. Der Deal: Transport eines vollgestopften Gebrauchtwagens von Deutschland nach Marokko. Einzige Voraussetzung: Führerschein Klasse B.

Ich lerne Hamid El Kharoubi* über eine Anzeige im Internet kennen. Für seine Reise nach Rabat sucht er Mitfahrer, die mit einem beladenen Hochdachkombi seinem alten Renault 19 folgen. Den Kastenwagen und seinen Inhalt will er in Marokko zu Geld machen.

Auf digitalen Mitfahrbrettern finden sich kuriose Angebote. Für fünfzig Euro kommt man mit einem türkischen Händler von Neukölln nach Istanbul. Und für wenig mehr mit einem russischen Studenten von Hamburg nach St. Petersburg. Zugegeben – Billigfliegen ist bequemer. Mitfernfahrer riskieren verrenkte Glieder. Dafür beginnt für sie die Kulturreise bereits mitten in Deutschland.

Wie am Telefon vereinbart, treffe ich Hamid El Kharoubi am Vorabend unserer Reise vor dem Hauptbahnhof in Hannover. Er trägt Shorts, eine feine Brille und eine Schildkappe mit Deutschlandflagge und WM-Logo. Der 45 Jahre alte Marokkaner kam als Student nach Hannover, machte sich nach seinem Studium selbstständig und blieb in Deutschland. Mit kritischem Blick mustert er meinen Reiserucksack. Bei unserem letzten Telefonat hat er mich gebeten, nicht viel Gepäck mitzunehmen.

»Ich bin bestimmt schon vierzig Mal mit dem Auto nach Marokko gefahren«, sagt Hamid auf dem Weg zu seiner Wohnung in einem Hannoveraner Vorort. »Ich fahre mindestens zweimal im Jahr und nehme seit Kurzem auch Mitfahrer mit.« Nur einmal habe er dabei schlechte Erfahrungen gemacht. Als eine deutsche Mitfahrerin sich auf dem Rückweg von Marokko einen Joint drehte, sei er ausgerastet.

Der Stadtteil, in den Hamid vor einigen Jahren gezogen ist, erinnert an die Pariser Banlieue. Achtstöckige Wohnklötze. Graffitiverschmierte Betonwände. Balkonreihen mit Satellitenschüsseln statt Geranien. Über den Spielpatz vor Hamids Häuserblock schiebt ein Mädchen mit Kopftuch einen Kinderwagen.

Hamids Frau Amina begrüßt uns auf Arabisch. Obwohl sie seit zwei Jahren in Hannover lebt, spricht Amina El Kharoubi kaum ein Wort Deutsch. Die kleine Frau mit den schulterlangen Locken ist 29. 16 Jahre jünger als ihr Mann. Vor dreieinhalb Jahren heiratete sie Hamid in Fes, wo sie aufgewachsen ist. Ihre Familien hatten die Hochzeit arrangiert.