Seit Stunden packt sie für die bevorstehende Reise, während ihr fast dreijähriger Sohn Nabil im Kinderzimmer seine Spielsachen ausräumt. Für Verwandte und Freunde haben Amina und Hamids Schwester, die auch in Deutschland lebt, vierzig Geschenke in Zeitungspapier eingepackt.

An ihrem Hals trägt Amina die Hand der Fatima, ein Talisman und magisches Symbol gegen den bösen Blick. Irgendwoher hat sie einen Bluterguss am rechten Oberarm. »Sie hat sich vor Kurzem auf dem Balkon ausgesperrt«, sagt Hamid, »weil das Essen noch auf dem Herd stand, hat sie sich vor Angst in den Arm gebissen.« Amina lächelt.

Die Küche der El Kharoubis ist mit Straßenkarten tapeziert. Eine Weltkarte, zweimal Frankreich, Spanien, Marokko und Europa. Auf den Frankreichkarten hat Hamid bis zu sieben parallel verlaufende Routen mit Leuchtstift markiert. »Ich weiß, wie man am besten die Mautstationen umfährt, alle kopieren jetzt meine Fahrtroute nach Marokko.«

Während Hamid die beiden Autos packt, sitze ich mit Nabil im Wohnzimmer. Die El Kharoubis haben eine Vorliebe für biedermeiersche Fantasy. Um zwei stehen gebliebene Schwarzwälder Kuckucksuhren tummeln sich Spitzweg-Gelehrte, reigentanzende Mädchen und Wildpferde mit wogendem Schweif.

Nabil hat begriffen, dass der Fremde vorerst zur Familie gehört. Der kleine Junge holt einen dottergelben Spielzeug-Beetle aus dem Kinderzimmer und strahlt: »Tomobil.« – »Tomobil«, wiederhole ich, »Auto.« Dann bringt er ein Bilderbuch und deutet auf die bunten Tiere: » Musch! « – »Katze«, sage ich. »Dschescha.« – »Huhn.« – »Kalb.« – »Hund.«

Die Nacht vor unserer Abreise schlafe ich im Gästebett in Nabils Kinderzimmer. Als ich erwache, steht er mit einem Plastikflugzeug in der Hand neben meinem Bett. »Flugzeug«, sage ich. »Tayara«, antwortet Nabil und lässt das Flugzeug neben meinem Kissen landen.

Hamid muss bis in die Nacht hinein Gepäck in die Autos geschafft haben. In seinem weißen Renault-Kastenwagen hat er neben einem Dutzend übereinandergestapelter Taschen auch eine Waschmaschine, einen Kaffeeautomaten, eine Fritteuse, ein Schaltpult, zwei Schnellkochtöpfe und einige Knüpfteppiche verstaut.

Beim Frühstück ist er schlecht gelaunt. Seit gestern sucht er sein abnehmbares Autoradio, das beim Packen verloren gegangen sein muss. »Es ist wirklich schlimm«, sagt er, »Amina verliert alles. Man darf ihr nichts in die Hände geben.« Amina lächelt.

Wir fahren ohne das Radio. Zur Fahrprobe drehe ich mit dem Kastenwagen eine Runde um den nächsten Häuserblock und folge dann Hamids Renault auf die A7 in Richtung Kassel. »Wir fahren maximal 130«, hat Hamid mir noch am Frühstückstisch gesagt. Auf der Autobahn weiß er schon nichts mehr davon. Wir haben uns wegen des Autoradios stark verspätet, doch Hamid will bis zum Abend möglichst nahe an der spanischen Grenze sein.