Am Hauptbahnhof Kaiserslautern gabeln wir Dominik auf. Der Pädagogikstudent aus Karlsruhe wartet bereits seit drei Stunden auf uns. »Ich hatte gehofft, du bist klein«, begrüßt Hamid den neuen Mitfahrer. Dominik misst seiner Bandscheiben wegen 1,98 Meter am Morgen und zwei Zentimeter weniger am Abend. Das ist immer noch zu viel, um einen bis zum Rand vollgestopften Renault 19 zu lenken. Dessen Sitze lassen sich keinen Millimeter mehr verstellen. Hinten stapeln sich über Nabils Kindersitz Spielzeug, Plastiktüten und Kartons. Amina sitzt bereits mit angewinkelten Knien auf dem Beifahrersitz, weil der Fußraum von einer Kühlbox verstellt ist.

Mit Mühe zwängt sich Dominik schließlich hinter das Lenkrad des Kastenwagens. »Für kurze Zeit muss das gehen«, sagt er. Als Gruppenleiter der Karlsruher Falken, einer sozialistischen Jugendgruppe, war er schon oft mit vollgepackten Autos im Ausland unterwegs. Diesmal ist er auf dem Weg zu einem Sprachkurs nach Spanien und will deshalb nur bis Malaga mitfahren.

Bei Saarbrücken verlassen wir Deutschland und seine gebührenfreien Autobahnen. Bevor die erste französische Mautstation droht, fährt Hamid auf eine Landstraße. Es ist spät geworden, und Spanien ist weit. Über grünen Hügeln und den Apfelbaumhainen Lothringens hängen sorgfältig gekämmte Schäfchenwolken. An den Bauernhoffassaden von Many blättert Putz. Hamid tritt aufs Gaspedal. Ein erschrockener Rennradfahrer verliert fast das Gleichgewicht. Wenn Autofahren wie Tanzen ist, dann fährt Hamid jetzt etwas zwischen Boogie-Woogie und Rock ’n’ Roll.

Nach einem Tankstopp in Pont-à-Mousson wechseln wir auf die Autobahn in Richtung Nancy. Kurz vor der Ausfahrt von Saint-Dizier überholt uns ein französischer Pkw, der Fahrer wedelt aufgeregt mit den Händen. Etwas scheint mit unserem Auto nicht zu stimmen. Dominik gibt Hamid ein Fernlichtzeichen und schert zum Überholen aus. Hamids Gesicht im Seitenspiegel erklärt alles.

Während der Fahrt ist unsere rechte Kofferraumtür aufgesprungen, und wir haben einen Teil des Gepäcks verloren. Eine Plastiktüte mit Schuhen von Dominik und drei der Teppiche müssen irgendwo auf der Autobahn liegen. Dominik trägt es mit Fassung. Hamid versucht, es ihm gleichzutun. »Alhamdulillah.« – »Gott sei Dank.« Wenigstens die Dampfkochtöpfe sind noch da. Hamid beschließt, dennoch zurückzufahren, um nach den Sachen zu suchen. Nach einer halben Stunde kehrt er zurück. Von den Teppichen und Dominiks Schuhen keine Spur. Von nun an bleibt der Kofferraum verriegelt. Hamid kann seine Wut kaum hinunterschlucken. Amina lächelt.

An diesem Abend schaffen wir es nur noch bis an die Loire. Um zwei Uhr morgens finden wir ein Hotel in einem Vorort von Gien. Für zehn Euro lässt der Portier sich bestechen, uns ein Dreibettzimmer zu fünft zu überlassen. Übermüdet rolle ich meine Luftmatratze aus.

Um halb sieben klingelt das Telefon. Der Portier ist außer sich. Sein Chef sei auf Visite, und zwei von uns müssten sofort das Hotel verlassen. Dominik und ich flüchten mit Schlafsack und Luftmatratze unterm Arm hinter eine Hecke neben dem Hotelparkplatz.

Bis zum Nachmittag schaffen wir es nur über die spanische Grenze. Der Kühler des Kastenwagens macht Probleme, Hamid muss immer öfter Wasser nachfüllen. Er bekommt langsam Angst, dass der Motor nicht bis zur Fähre nach Marokko durchhält. Eine Reparatur wäre in Spanien unbezahlbar. Beim nächsten Stopp fängt er an, seine Frau anzubrüllen. Das Autoradio. Dass sie noch nicht einmal eine Landkarte lesen kann. Amina lächelt.

Vor ihrem Umzug nach Deutschland hat Amina ihre Heimatstadt Fes fast nie verlassen. Die bis im Mai schneebedeckten Berge des Atlas, nicht einmal zwei Autostunden von Fes, hat sie nie gesehen. Weil ihre religiösen Eltern es nicht wollten, lernte sie nie lesen und schreiben. Französisch, das fast alle Marokkaner an der Schule lernen, versteht sie nicht.