Um zehn vor zwei finden wir unweit der Autobahn einen Schlafplatz neben einer mit Stacheldraht umzäunten Lagerhalle. Dominik und ich schlafen auf unseren Matratzen im Freien, Hamid, Amina und Nabil in den Autos. Um sieben weckt uns eine Benzinwolke. Hamid tritt aufs Gaspedal.

Von den Hügeln in der Ferne grüßt eine Stiersilhouette. Auf Betonmauern neben der Autobahn in Richtung Madrid: Rot. Gelb. Violett. Die alten Farben der Spanischen Republik.

Wir kommen nicht weit. Immer schneller verliert unser Wagen Kühlwasser, das System ist am Kochen. 159 Kilometer vor Madrid beschließt Hamid, keinen Meter mehr zurückzulegen, bevor das Auto nicht von einem Pannendienst gecheckt wurde. Der bestellte Mechaniker runzelt die Stirn. Womöglich ist die Wasserpumpe defekt. Wir riskieren einen kapitalen Motorschaden, wenn wir jetzt weiterfahren. Aber Hamid kann sich in Spanien keine Reparatur leisten. Er übernimmt das Steuer des Kastenwagens, während ich mit Amina und Nabil hinter ihm herfahre.

Verbrannte Erde hinter Madrid. Das Land ist ausgedörrt von vielen Wochen ohne Regen. Keine einzige Wolke am Himmel.

»Ein Haus«, sage ich irgendwann, nachdem Amina und ich lange nebeneinander gesessen und geschwiegen haben, »das ist ein Haus.« Ich deute nach draußen. »Haus«, wiederholt Amina langsam. »Dar – Haus. Das – ist – ein – Haus.« – »Baum«, sage ich. »Schaschara – Baum. Das ist ein Baum.« – »Baum«, sagt Amina immer wieder. »Die Sonne – Asch-Schams«, »Brücke – Kantara.« – »Olivenbaum – Schaschara Saytun.« – »Baum. Haus. Brücke.« – »Schaschara. Dar. Kantara.«

»Ich – heiße – Amina«, sagt Amina irgendwann auf Deutsch, als uns keine neuen Wörter mehr einfallen. Sie sagt es langsam, jedes Wort tastend, als sage sie es zum ersten Mal in einer fremden Sprache. »Wie heißt du?«, frage ich. »Wie – heißt – du«, wiederholt sie zögernd meine Worte. »Du«, sage ich und deute mit dem Finger auf sie. »Wie heißt du?« Sie versteht. »Ich heiße Amina. Wie – heißt – du?«

Bei der nächsten Tankstelle nimmt mich Dominik zur Seite. »Du musst aufpassen«, sagt er. »Hamid gefällt es nicht, dass ihr so viel redet. Er fängt an zu fluchen.« – »Wir lernen deutsche und arabische Wörter«, sage ich. »Das ist alles.« Hamid sagt, Amina wollte nie einen Deutschkurs besuchen. Deshalb versteht sie nichts. Deshalb kann sie in Hannover nicht alleine einkaufen gehen.

Als wir an diesem Abend drei Stunden vor Malaga neben einem Restaurant anhalten, reißt Hamid plötzlich meine Autotür auf und tritt vor Wut gegen das Vorderrad. Im gleichen Augenblick geht ein Gewitter an lautstarken Flüchen über Amina nieder. In Hamids Augen blitzt roher Zorn. »Es hat keinen Sinn, auf ihn einzureden«, sagt Dominik. Wir sehen von Weitem zu, wie Amina unter seinem Gebrüll in Tränen ausbricht. »Wenn er sie schlägt, kann ich mich nicht mehr zurückhalten«, flüstert Dominik neben mir.

Ich weigere mich, weiter mit Amina und dem Jungen zu fahren. Der Motor des Kastenwagens ist jetzt auch Hamid egal. Bis Malaga sitze ich neben Dominik im schwächelnden Hochdachkombi. Ein paar Stunden schlafen wir hinter einer Mauer. Die El Kharoubis verbringen die Nacht im Auto.