Kino Von Homer bis Homer
"Die Simpsons", scharfsinnigste und bösartigste Familienserie der Welt, verlässt ihr TV-Revier und ist dem Kino gewachsen
Das Schöne an der Zeichentrickserie Die Simpsons ist, dass sämtlicher Irrsinn dieser Welt früher oder später darin Platz findet: satirisch überhöht, dabei oft wirklicher als die Wirklichkeit. Derzeit allerdings greifen die Simpsons den Irrsinn nicht nur auf, sondern setzen ihn selbst in die Welt.
Es wirkt wie einer ihrer bösen Gags: In die gigantische PR-Kampagne für den ersten Kinofilm der Simpsons, der diese Woche weltweit anläuft, ist ausgerechnet Burger King eingestiegen. Tatsächlich: Die Hamburgerkette wirbt mit der Hauptfigur Homer Simpson, dieser Karikatur eines übergewichtigen Fast-Food-Junkies, dessen fetttriefende, ja selbstmörderische Fresssucht einem tagelang den Appetit verderben kann. (Nach derselben Logik wäre Homer Simpson, in seiner Eigenschaft als störanfälliger Sicherheitsbeauftragter im Kernkraftwerk von Springfield, ein Kandidat für die nächste Imagekampagne der Firma Vattenfall.) Aber die Simpsons sind eben subversiv in alle Richtungen und die Grenzen zwischen Unterwanderung und Ausverkauf oft fließend.
Es wird zwar immer wieder versucht, aber es scheint nahezu unmöglich, die popkulturelle Bedeutung der Simpsons zu hoch zu veranschlagen. Seit Dezember 1989 laufen die Geschichten um das Ehepaar Homer und Marge und deren drei Kinder Bart, Lisa und Maggie nun schon im US-Fernsehen, seit 1991 auch in Deutschland und dem größten Teil der restlichen Welt. Der geballte Scharfsinn der jeweils 22-minütigen TV-Episoden verwandelt Kulturkritiker in kichernde Fans und kichernde Fans in akribische Kulturkritiker. Auf Internetseiten tragen sie die mehr oder weniger versteckten kulturellen Anspielungen zusammen, die entscheidend zum Nimbus der Serie beigetragen haben. Mal wird eine Episode an Hitchcock angelehnt, mal im Klamauk der Dichter Walt Whitman zitiert oder der Künstler Jasper Johns beim Glühbirnenstehlen erwischt.
Als sich akademische Forscher unter dem Banner der Cultural Studies in den neunziger Jahren bis in die letzten Winkel der Popkultur vorkämpften, lieferten die Simpsons mit ihrem bildungsbürgerlichen Zitatenreichtum das perfekte Anschauungsmaterial für die Einebnung von Hoch- und Massenkultur. Manchen Betrachter trieb dieses Muster in immer höhere Höhen der Huldigung. Hierzulande schwang sich zuletzt der Schriftsteller Daniel Kehlmann in einem Spiegel- Essay dazu auf, die Simpsons als »eines der vitalsten Kunstwerke unserer Zeit« zu rühmen. Er bezeichnete Homer Simpson als »komplexesten Faulpelz seit Gontscharows Oblomow« und stellte die Serie in eine Reihe mit: Voltaire, Diderot, Swift, Tolstoj. Warum eigentlich nicht auch gleich mit Shakespeare? Die westliche Erzähltradition, so viel scheint klar, führt von Homer zu Homer Simpson.
Aber mussten die Simpsons deswegen unbedingt ihr angestammtes Fernsehrevier verlassen? Die Vorgeschichte ließ jedenfalls nichts Gutes ahnen. Immerhin hat sie fast zwanzig Jahre gedauert, denn schon seit der ersten Staffel war die Idee eines abendfüllenden Films in der Welt, seither gab es immer wieder Ankündigungen, Terminverschiebungen und, in den letzten Jahren, rund hundert verschiedene Drehbuchfassungen.
Was in einer guten Simpsons- Folge in 22 Minuten auf den Zuschauer einprasselt, lässt sich gerade noch verarbeiten. Für die vier- bis fünffache Menge ist das menschliche Hirn einfach nicht gebaut. Und was wäre gewonnen, wenn das Schnelle, Anarchische dieser einzigartigen TV-Serie den Erfordernissen der Großleinwand geopfert wird? Als globale Marke, die unter anderem ins Arabische, Finnische und Portugiesische übersetzt wurde, konnten die Simpsons natürlich nicht einfach einen charmanten kleinen Kunstfilm machen. Ein ordentlicher Blockbuster sollte es schon sein, und die werden bekanntlich von Jahr zu Jahr teurer, dröhnender, nervtötender.
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Ziemlich viel Ballast. Den der Film gleich in den ersten Sekunden komplett über Bord wirft. Geschickt lässt die Anfangssequenz die aufgedunsenen Erwartungen platzen: Das bombastische 20th-Century-Fox-Logo samt dazugehöriger Fanfare wird durch Homers Saufkumpan Barney Gumble plärrend verfremdet. Statt der ersten Simpsons- Szene folgt eine Episode aus der Itchy & Scratchy Show, einer grotesk brutalen Zeichentrickserie innerhalb der Serie: Eine Katze landet in einem krude gezeichneten Raumschiff auf dem Mond und trifft auf eine Maus. Schon fliegen die Fellfetzen, dann ein paar Hundert interplanetarische Atomraketen, und alle Anfangsverkrampftheit ist dahin.
Kaum ist der Film in der vergleichsweise wirklichen Welt der Simpsons angekommen, folgt eine furiose Nummernrevue, in der alle zwei Sekunden ein neuer Witz zündet. Bis sich am unteren Bildschirmrand Homer Simpson dem Kinopublikum zuwendet und uns alle für Idioten erklärt: »Warum guckt ihr euch das im Kino an? Im Fernsehen gibt’s das doch alles umsonst!«
Wir gucken uns das im Kino an, weil allein diese ersten 15 Minuten von David Silvermans Simpsons- Film mehr Humor, Charme, Intelligenz in die Welt hinausjagen als alle, sagen wir mal, Star Wars- und Herr der Ringe- Folgen zusammen. Weniger verblüffend ist der Plot, der das restliche Geschehen trägt: Nachdem Homer schon in mehr als 400 TV-Folgen Katastrophen aller Art angerichtet hat, muss er im Kinoformat den größten Fehler seines Lebens begehen: eine Umweltsünde, die seine Heimatstadt an den Rand der Auslöschung bringt. Die Simpsons müssen fliehen, und später zurückkehren, um die Stadt zu retten.
Da jedoch anderthalb Stunden Witzbombardement schwer zu ertragen wären, muss auch dieser Film Tempo- und Stimmungswechsel schaffen. Aber wie macht man großes Kino mit Hauptdarstellern, die knallgelb sind und mit lächerlichen Quakstimmen sprechen? Tatsächlich gelingen unter Einsatz mehrerer Bataillone südkoreanischer Zeichner leinwandfüllende Panoramabilder: die Erde im Weltall, die Weiten Alaskas, ein Aufmarsch der kompletten Bevölkerung des Simpsons- Universums. Etwas angestrengter wirken die melodramatischen Passagen, und eine nahe liegende Lösung wäre gewesen, sie parodistisch zu umkurven. Stattdessen gibt es ganz unironisch anrührende Momente – die feuchten Hände der verliebten Lisa, das gelöschte Hochzeitsvideo des Ehepaars Simpson. Es ist trotzdem eine Erlösung, wenn mitten ins Adagio der alberne Bart platzt, sich einen großen schwarzen BH als Mickey-Mouse-Ohren auf den Kopf schnallt und kräht: »Ich bin das Maskottchen eines bösen Konzerns!« (Womit er natürlich doppelt recht hat: Was Mickey Mouse für Disney, ist Bart für Rupert Murdochs Fox-Imperium.)
Unsere unmittelbare Gegenwart spiegelt der Film vor allem mit dem Thema Umweltzerstörung. George W. Bush wird mit keiner Silbe erwähnt, stattdessen amtiert bereits Präsident Arnold Schwarzenegger. Dessen Ähnlichkeit mit seinem Vorgänger ist jedoch nicht zu übersehen. So lässt er sich von seinem korrupten Berater eintrichtern: »Ganz ohne Wissen zu entscheiden, das ist echte Führungskraft!« In einer besonders wahrhaftig wirkenden Szene rennt eine Schar von Kirchenbesuchern aus Angst vor dem nahen Weltende in die Bar nebenan, während sämtliche Barbesucher in die Kirche sprinten. Zwar werden fundamentalistische Christen auch in diesem Film mit dem gebührenden Spott überzogen, aber ausgerechnet der notorische Egomane Homer hat eine geradezu christliche Erleuchtung: dass es im Leben vielleicht doch nicht nur darum gehen könnte, an sich selbst zu denken. (Bis zur nächsten Episode wird er diese Erkenntnis schon wieder vergessen haben.)
Wo steht nun dieses Werk im westlichen Kanon? Es knallt, es ist lustig, es zeigt, dass die Simpsons auch im Kino funktionieren können. Es beglückt schon dadurch, dass erkennbar intelligente Leute einen Blockbuster mit menschlichem Antlitz geschaffen haben. Bleibt noch festzuhalten, dass der Film trotz alledem weder an Shakespeare heranreicht, noch an die besten Fernsehepisoden der Simpsons.
- Datum 27.07.2007 - 05:52 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.07.2007 Nr. 31
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ralph wiggum verfremdet die fanfaren zu beginn, nicht barney gumble. und präsident schwarzenegger wird nicht von mehreren korrupten beratern zu einer entscheidung gedrängt, sondern "nur" vom leiter der umweltbehörde. seinen o-ton spare ich hier jetzt mal - selbst anschauen! ganz ganz großes kino!
Warum die Filmexperten von ZEIT, WDR, TAZ und D-RADIO ausnahmslos den Film gelobt und empfohlen haben, kann ich beim besten Willen nicht nachvollziene.---> Ich kann es Ihnen sagen, warum das so ist: Weil diese Filmkritiker über keinen Geschmack und keine Intelligenz verfügen....Sah mir gerade den Film an und fühlte mich erinnert an Berichte über das Lachen bei Nationalsozialisten-Kabaretts...Das Lachen der Zusahcuer der Simpsons geschah völlig mechanisch, ohne dass der Verstand im Geringsten etwas dabei zu tun hatte, die Leute lachten wie Konservendosen über dieses Machwerk. Der Film hält absolut nicht das Niveau, das die Fernsehserie manchmal wenigstens streift (dank der ach, so ! klugen Harvardautoren..) Die Simspons schaffen es eine völlig dämliche US-regierung zu inszenieren, die keinen Einzigen ihres Massenpublikums dazu bringen werden, sich aufzuregen. Die niedersten agressiven Instinkte werden durch den Film bedient, und es gilt das Credo des Säkularismus: dass generell über alles Witze gemacht werden darf, seis Vaterliebe, Krebs, oder Umweltzerstörung.... Damit ist aber nichts mehr wirklich witzig, weil es dann keinen Ernst und kein Widerspiel des Witzes gibt. Der Filmkritiker der diesem Film auch noch intellektuelle Schützenhilfe gegeben hat, gehört bestenfalls in eine Blumenhandlung, er sollte was mit den Händen, nicht mit dem Auge machen.
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