Es waren ungefähr zwei Hundertschaften Funktionäre, dicke, fröhliche, laute Funktionäre aus Südafrika. Sie hatten sich in einem Berliner Nobelhotel versammelt, kauten Biltong, ein Dörrfleisch, und übten sich im Kampftrinken. Auf der Bühne lief irgendein Versöhnungskitsch, schwarze und weiße Tänzer, eng umschlungen. Niemand sah zu, niemand führte durchs Programm. „What’s going on? No idea“, lallte ein wankender Vertreter des südafrikanischen Fußballverbandes. Keine Ahnung, was hier los ist.

Eigentlich hätte es eine Art Übergabezeremonie werden sollen, bei der Deutschland den WM-Stab an Südafrika weiterreicht. Das Problem war nur, dass sie am 9. Juli 2006 abends stattfand, und da lief zufällig noch eine andere Veranstaltung in Berlin – das Finale der Fußballweltmeisterschaft. Und so war dank dieser genialen Terminabstimmung außer dem deutschen Botschafter niemand ins Maritim gekommen, der Rang und Namen hatte. Die Eminenzen saßen alle draußen im Olympiastadion und sahen zu, wie Zidane seinen Schädel in den Brustkorb von Materazzi rammte. Die allererste WM-2010-Party der Südafrikaner – ein kolossales Eigentor. Die eisernen Italiener wurden an jenem historischen Abend mit viel Glück Weltmeister. Und seit dem Schlusspfiff um 22.42 Uhr MEZ, im Maritim sanken gerade die ersten Funktionäre unter den Tisch, fragt sich die ganze Fußballwelt: Werden es die Südafrikaner schaffen?

Natürlich geht auch uns diese Kardinalfrage durch den Kopf, als wir in den furchterregenden Bunker des Civic Centre in Kapstadt treten. Oben, in der sechsten Etage, nach fünf Sicherheitsschleusen, wagen wir zunächst nicht, sie auszusprechen. Wir befinden uns im Ofisi Kasodolophu, im Büro der Bürgermeisterin, und die fragt: „Cranberry oder Mango?“ Als ihr Assistent drei kleine Tetrapaks auf den Tisch stellt und sich erkundigt, ob er Gläser bringen soll, sagt sie: „Nein, Gläser gibt es nur für wichtige Leute, nicht für Journalisten.“ Und als wir, ermutigt durch den ersten Schluck Moosbeerensaft, die unvermeidliche Frage zur Fußball-WM stellen, antwortet sie: „Scheitern? Das kommt überhaupt nicht infrage!“ Auf Deutsch sagt sie das, im Jawoll-Ton. Ihr rotes Mantelkleid passt dazu – es ist geschnitten wie ein preußischer Waffenrock.

Das also ist Helen Zille, 56, Mayor of Cape Town , Chefin einer Drei-Millionen-Metropole und, auf nationaler Ebene, Vorsitzende der Oppositionspartei Democratic Alliance, einer Art afrikanischen FDP. Sie ist die mächtigste weiße Frau in Südafrika. Aber was hat sie mit Fußball zu tun? Mehr, als ihr lieb ist. Denn boshafte Kritiker, vor allem aus den Reihen der Regierungspartei African National Congress (ANC), sagen Zille gerne nach, dass sie den Afrikanern die WM nicht gönne. Weil sie zunächst gegen das neue Riesenstadion mitten in ihrer schönen Stadt war und als erste Amtshandlung alle Baumaßnahmen stoppen ließ. Und weil sie durch ihre Dickfelligkeit den Planungsprozess so lange verzögert hat, dass sogar Herrn Blatter, den Alleinherrscher des Weltverbandes Fifa, Zweifel beschlichen, ob es eine gute Idee war, zum ersten Mal eine WM nach Afrika zu vergeben.

Kapstadt ist nämlich nicht der einzige Problemfall. Jede Woche gehen irgendwelche Hiobsbotschaften aus Südafrika in der Fifa-Zentrale in Zürich ein: über die kariöse Infrastruktur und das miserable Transportwesen und das überlastete Stromnetz, vor allem aber über Mord und Totschlag, in diesen Disziplinen ist Südafrika heute schon Weltmeister. No problem!, beschwichtigen die Funktionäre und setzen sich wieder in aller Ruhe hin zum Palaver. Ein Ende oder gar Ergebnisse sind in der Regel nicht zu erwarten.

Wo sollen zum Beispiel die Fans schlafen, die der Fußballgott nach Bloemfontein verbannt hat, in die langweiligste Stadt Südafrikas? Um der geforderten Hotelkapazität näher zu kommen, rechnet das örtliche Organisationskomitee einfach die Betten von Maseru hinzu – das ist die Kapitale des Nachbarstaates Lesotho. Wie kommen die Massen von Johannesburg nach Pretoria, wenn die Zugverbindung, die die beiden Metropolen verbinden soll, 2010 höchstens zur Hälfte fertig sein wird? Und woher holt man den Beton für die zehn Stadien, die entweder neu gebaut oder renoviert werden müssen? Der Zement ist jetzt schon knapp, und Fachkräfte gibt es ohnehin viel zu wenige. „Wir sind ungefähr ein Jahr hinter dem Zeitplan“, bekennt ein Architekt, der seinen Namen lieber geheim hält. Neulich rief Cleo an, eine alte Bekannte, die jetzt im Innenministerium in Pretoria arbeitet: „Die Ministerin ist in Berlin, sie sucht Bauingenieure!“