Wald Ein Mythos und sein Comeback
Totgesagt und fast vergessen, ist er auf einmal wieder da. Künstler, Fotografen, Designer entdecken ihn in alter und neuer Pracht: Den deutschen Wald.
Die Rückkehr des deutschen Waldes ist die Rache der Wirklichkeit an der Ironie. Er war ja schon krank, tot, mythenbelastet, dieser deutsche Wald, er litt an der Umweltverschmutzung, an der braunen Vergangenheit, an all den deutschen Ängsten, die uns die siebziger und achtziger und fast auch noch die neunziger Jahre so schwer machten; dann kam Jägermeister, und auf einmal war auch der Wald wieder da.
Natürlich nur als Spaß. Natürlich nur als Zitat. Natürlich nur als eine Art von Party-Postmoderne. Das klebrig-bittere braune Gesöff, das früher höchstens Kriminalhauptkommissare oder Taubenzüchtervereinsvorsitzende getrunken haben – Jägermeister war in den späten neunziger Jahren das Getränk einer feierfreudigen Konsumjugend, die sich ihrer Zukunft sicher war und sich deshalb lustvoll über die Mythen der Vergangenheit hermachen konnte. Da hing dann plötzlich, ganz spielerisch, auch mal ein Hirschgeweih an der Wand; da sahen, ganz ironisch, die begehrten Bars aus wie Jagdhäuschen in Ostpommern oder in der Heide; da trug man wieder Adel und Einstecktuch, aber alles nicht so ernst.
Dann machten die ersten Großstadtbewohner den Jagdschein, und spätestens da hätte man merken können, dass sich, was als Lifestyle begann, in Leben verwandelte. Aber wie das so ist: Richtig erkennen kann man das Ganze erst, wenn es in Kunst gefasst ist. Da gab es hier mal eine Vernissage mit Bildern, die aussehen, als habe sich die junge Malerin im Drogenrausch mit Caspar David Friedrich verwechselt; da mal ein Buch, das die traurigen Birken schon auf dem Titel trägt; da gab es jenes Plattencover, auf dem vier nachtmüde Hipster aus grünem Unterholz hervorblinzeln. Und auf einmal gehen alle wieder sonntags auf dem Land spazieren.
Der deutsche Wald ist also wieder da, nicht in aller Unschuld und auch nicht in der Erhabenheit, mit der ihn die Romantiker besonders in diesem Land verklärt haben. Ihr Wald war immer einer, dem der Einzelne sich stellte und sich dort mit seinen individuellen Sehnsüchten, vor allem aber seinen Ängsten konfrontiert sah, durch die Größe, Dunkelheit, Unangreifbarkeit, mit der er einen anblickte, einen an-zog, einen verschluckte, der Wald. Der Wald unserer Zeit funktioniert eher als eine Art gesellschaftlicher Spiegel, in dem man die Furcht, die Ideale, die Vorstellungen von Natur und Schönheit erkennt, wie sie nicht mehr vom Einzelnen geprägt werden – sondern eben vom Kollektiv, das seine Bilder aus dem gemeinsamen Reservoir von Werbung, Kunst und Leben nimmt. Dieser Wald verharrt also in gewisser Weise doch noch immer in der Sphäre des Lifestyles.
Und so taucht er nun wieder auf, in diesen Zeiten, in denen auf der einen Seite so viel von Familie die Rede ist, von Manieren, Leistung, Leitkultur, als habe es die 68er nie gegeben: Der Wald passt da ganz perfekt als Tapete einer schönen alten Welt. Auf der anderen Seite ist diese schöne alte Welt, wem sage ich das, so kaputt wie schon seit der letzten Eiszeit nicht mehr, und auch in diesem Zusammenhang ist das neue Waldbild zu sehen, als klassische Gegenwelt, als ökoromantisches Aufflackern, als Gehege der Sehnsucht inmitten der Klimakatastrophe.
Wenn die Natur, die wir erobert haben, sich so sehr rächt, wie sie es gerade tut und noch eine Weile tun wird, dann bleibt die heile Natur ein Wunschbild, in das man sich versenken kann. Entrückt und entnazifiziert, so blickt uns der Wald heute an, eine Art Meditationsbild fast schon, in dem wir finden, was immer wir auch mitbringen. Aber wir bleiben dabei seltsam äußerlich, immer auf Distanz, können uns nicht mehr versenken. Der Wald, das sind eben nicht mehr wir; der Wald, das ist von uns getrennt, da ist Vergangenheit, das ist die Erinnerung daran, wie wir einmal gern gewesen wären. Der Wald heute ist Geschichte im Konjunktiv, unsere Gegenwart mit einem Fragezeichen – und das ist eben etwas anderes als Ironie. Der Wald hat heute eine eigene Präsenz, man könnte fast sagen, er hat sich von uns emanzipiert, er braucht uns nicht mehr, er hat uns schon zurückgelassen.
Bäume schauen dich an. Das ist der Wald.
- Datum 28.07.2007 - 11:48 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.07.2007 Nr. 31
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Es gibt nichts, was nicht ständig von irgendwem, irgendwo wiederentdeckt wird. Der Wald war niemals verschwunden - damit er wiederentdeckt werden kann, muss er aber 'verschwunden' werden. Furchtlos haben sie sich für uns in die Düsternis der Naturgeschichte gewagt: ein eingeschworener Kreis "Künstler, Fotografen, Designer". Und was machen Ihre Kollegen? Sie wiederentdecken anderes. Das alltägliche Phänomen wird zur aufgeladenen Geschichte: der Mythos der Wiederauferstehung, der Mythos des Comeback (des Mythos).
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