Philippinen Fließbandarbeit für Akademiker
Wie die Philippinen zur Außenstelle deutscher Verlage, britischer Universitäten und US-amerikanischer Staatsanwälte wurden
Das Büro von Peter Maquera liegt direkt hinter dem Flughafen von Manila. Von hier aus sieht er die Flugzeuge starten, die philippinische Hausmädchen nach Dubai, Krankenschwestern in die Vereinigten Staaten und Kellnerinnen nach Hongkong bringen. Jährlich mehr als eine Million. Maquera versucht, diesen Strom der Menschen zu stoppen. Er will moderne Arbeitsplätze auf die Philippinen holen, sodass die Leute bleiben können.
Genau gesagt ist Maquera ein Geschäftsmann in der noch jungen Branche Business Process Outsourcing (BPO). So heißt die Verlagerung von Kundenservice, Verwaltungsarbeit und Bürodienstleistungen aus Hochlohnländern in Niedriglohnländer. Der Filipino in dem weißen, traditionell bestickten Hemd leitet als Vizevorsitzender das operative Geschäft des Unternehmens SPi, das solche Bürodienstleistungen aus den Hinterstuben überwiegend amerikanischer Versicherungen, Banken und Krankenhäuser auf die Philippinen holt. Das Unternehmen hat dafür 7500 Mitarbeiter, davon allein 3500 in seinem Hauptquartier in Manila.
Es ist die Form der globalen Arbeitsteilung, die derzeit am schnellsten wächst, und die Philippinen sind gut im Geschäft. 250000 Beschäftigte sind dort schon in der BPO-Branche tätig. Noch ist das zwar eine kleine Zahl im Vergleich zu den acht Millionen Filipinos, die im Ausland arbeiten, doch das Geschäft mit der ausgelagerten Arbeit holt auf. Die Investmentbank Goldman Sachs prognostiziert, dass der Umsatz der philippinischen BPO-Industrie von 3,4 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr auf 12 Milliarden Dollar bis zum Ende des Jahrzehnts wachsen könnte. Dann würden etwa eine Million Filipinos in dieser Branche arbeiten. In seiner eigenen Firma, sagt Maquera, »rechnen wir mit einem jährlichen Wachstum von 40 Prozent«.
Seine Leute erledigen Buchhaltung, Datenverwaltung, Transkription, Rechnungswesen, Patentrecherchen und Kundenbetreuung. Sie codieren und gliedern für die amerikanische Generalstaatsanwaltschaft Millionen Seiten Beweismaterial. Sie tippen für ein Krankenhaus in Nashville Krankenbefunde ab, die die Ärzte dort in ihre Diktiergeräte gesprochen haben, und leiten sie an die Versicherungen weiter. Sie digitalisieren für Elsevier, einen der weltweit größten Wissenschaftsverlage, mehr als 30 Millionen Artikelseiten aus Fachmagazinen. Allein 1500 philippinische Mitarbeiter produzieren jedes Jahr 4500 wissenschaftliche Journale und Bücher, für den Heidelberger Wissenschaftsverlag Springer genauso wie für die Universitätspresse von Oxford, Harvard, Cambridge und Yale. So gesehen ist Maquera auch einer der größten Verleger der Welt.
Die Philippinen sind noch relativ neu in diesem Geschäft. In Indien arbeiten schätzungsweise schon mehr als siebenmal so viele Beschäftigte wie auf den Philippinen in dieser Branche. Doch der kleine Inselstaat mit seinen 87 Millionen Einwohnern holt auf, die Branche wächst hier schneller als in Indien, wo bereits die Löhne steigen und man sich statt auf einfache Büroaufgaben lieber auf Komplexeres wie die Softwareentwicklung spezialisiert. Indische Dienstleistungsunternehmen haben schon selber begonnen, einen Teil ihrer Outsourcing-Geschäfte auf die Philippinen auszulagern. Der indische BPO-Riese Genpact etwa, der weltweit mehr als 30.000 Mitarbeiter beschäftigt, hat im vergangenen Herbst sein erstes Callcenter in einem Vorort von Manila eröffnet. Auch die Beratungsfirma Accenture, die Finanzgruppe HSBC und die Deutsche Bank haben Bürodienstleistungen in den Inselstaat verlegt.
Der Computerhersteller Dell ist vor einiger Zeit mit seinem telefonischen Kundenservice nicht wie ursprünglich geplant nach Indien, sondern gleich nach Manila gegangen. Das lag angeblich an der indischen Sprechweise, die Amerikaner schlecht verstünden. Gegenüber anderen Niedriglohnländern haben die Philippinen nämlich einen bedeutenden Vorteil: Sie sind das drittgrößte englischsprachige Land der Welt, und das sogar mit amerikanischem Akzent. Mehr als vier Jahrzehnte waren sie eine Kolonie der USA. In Makati oder Ortigas, den Geschäftsvierteln von Manila, findet man kaum eine Straße ohne Starbucks-Filiale, ein Schnellrestaurant der philippinischen Burgerkette Jollibee oder eine Super-, Mega- oder Kingsize-Shoppingmall. Die Philippinen können wie ein Amerika light erscheinen – zu einem ähnlichen Lohnniveau wie Indien, aber mit einem hohen Bildungsniveau. 93 Prozent der Bevölkerung können lesen und schreiben. In Indien sind es nur 60 Prozent.
Der lange als »Dienstmädchennation der Welt« geltende Inselstaat holt nun im globalen Markt der Dienstleistungsauslagerung einen Teil jenes Wirtschaftsaufschwungs nach, den er in den vergangenen Jahren verpasst hat. Waren die Philippinen noch in den siebziger Jahren das wirtschaftlich erfolgreichste Land Südostasiens direkt nach Japan, wurden sie zwischenzeitlich von Südkorea, Thailand, Indonesien und Malaysia überrundet. Das Land blieb von andauernder Korruption, politischer Instabilität und Machtmissbrauch gezeichnet.
Und nun – ein Aufschwung dank BPO? SPiManager Maquera sitzt im Hauptquartier in Manila mit einer Fernbedienung vor dem Flachbildschirm und dirigiert Dutzende bunte Säulendiagramme. Der jährliche Umsatz seiner Firma beträgt etwa 130 Millionen Dollar. 30 Vertretungen hat das Unternehmen weltweit, in den Niederlanden, Indien, China, Vietnam, den USA. Dort liegt nämlich der Hauptmarkt des Unternehmens: amerikanische Anwaltskanzleien, Versicherungen, Banken, Verlage, Krankenhäuser. Im April kaufte sich SPi für 44 Millionen Dollar in den amerikanischen Markt mit Arzt- und Klinikabrechnungen ein, im vergangenen Monat wurde ein Büro in New York eröffnet. Eines der wichtigsten Standbeine für SPi ist jedoch das Verlagsgeschäft, das in den kommenden Jahren am stärksten wachsen wird, wie Maquera prognostiziert.
Wenn ein Arzt in den USA die neueste Ausgabe von Supportive Care in Cancer des Heidelberger Springer-Verlags aus dem Briefkasten nimmt, dann kann er fast sicher sein, dass Opalyn Alcayde wenige Tage zuvor daran gearbeitet hat. Die Grafikerin ist eine von 500 SPi-Mitarbeitern, die ausschließlich die Fachmagazine und Bücher des Großkunden Springer betreuen – und aus zugelieferten Artikeln ein druckfertiges Magazin herstellen. In drei Schichten, rund um die Uhr, layouten sie Zeitschriften im Akkordtempo. Alcayde platziert die Fachartikel auf den Seiten, formatiert Titel, Überschriften und Inhaltsverzeichnisse. Sie ist stets unter Zeitdruck, in einer Stunde muss das fertige Layout zur Endkontrolle an die Springer-Zentrale geschickt werden, vorher muss noch eine Kollegin Farben, Schriftarten und Stilvorlagen überprüfen, eine andere Korrektur lesen. »Drei Tage brauchen wir für eine Publikation«, sagt sie.
Fließbandarbeit der modernen Art, aber nicht für Hilfskräfte, sondern für Akademiker. 400.000 Studenten werden jedes Jahr von den philippinischen Hochschulen auf den Arbeitsmarkt gespült, und Callcenter und Bürodienstleister gehören für die Absolventen zu den ersten Adressen. So haben fast alle Mitarbeiter von SPi einen Hochschulabschluss in Informatik, Computerwissenschaften oder Grafikdesign, sie beherrschen die US-Finanzmarktregeln genauso wie medizinisches Fachvokabular. Auch Alcayde hat Grafikdesign studiert und arbeitet bereits seit vier Jahren für SPi. »Meine Generation muss nicht mehr in die USA auswandern wie noch unsere Eltern«, sagt sie. Zwischen 150 und 200 Euro verdienen Alcayde und ihre Kollegen monatlich – mehr als eine Krankenschwester und etwas weniger als ein Arzt. Auf jeden Fall ist es viel Geld für philippinische Verhältnisse: Jeder siebte Filipino muss mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen, jeder dritte lebt unterhalb der Armutsgrenze.
Und so kann man, wenn es in Manila dunkel wird, ein merkwürdiges Phänomen beobachten: Neben den Armen, die sich im Schatten der Wolkenkratzer auf Pappkartons zur Ruhe betten, schlendern gut gekleidete 20-Jährige mit Starbucks-Bechern vorbei. Um Mitternacht gehen sie zur Arbeit in eines der vielen Callcenter Manilas, die vor allem die Anrufe amerikanischer Kunden beantworten. Auch deutsche Unternehmen wie Siemens IT Solution and Services sind bereits auf den Philippinen aktiv, mit über 800 Mitarbeitern hat die Siemens-Tochter in Manila im vergangenen Jahr ihr größtes von mehreren Callcentern weltweit eröffnet. Allein im vergangenen Jahr wuchs die Callcenter-Branche um 90 Prozent und trug mit 1,7 Milliarden Dollar die Hälfte zum gesamten philippinischen Umsatz mit BPO bei. Im globalen Telefonistengeschäft belegen die Philippinen hinter Indien schon den zweiten Platz.
Vor einem Jahr kündigte die philippinische Präsidentin Gloria Arroyo an, dass ihr Land den Marktführer Indien bis 2010 überholt haben werde – dann sollen zwei Millionen Filipinos in Callcentern arbeiten. Gefährdet wird der Plan allerdings dadurch, dass vor einigen Jahren Englisch als Unterrichtssprache in den Schulen abgeschafft wurde. So könnte schon bald der fremdsprachige Nachwuchs fehlen. Maquera von SPi ist trotzdem zuversichtlich. »Vielleicht kommen bald wieder die ersten Filipinos aus dem Ausland zurück«, sagt er. »Sie sprechen schließlich perfekt Englisch.«
- Datum 06.08.2007 - 10:54 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 02.08.2007 Nr. 32
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FK
Diese Aussage kann ich nur bestätigen. Perfekt ausgebildete Mitarbeiter mit guten englischen Sprachkenntnisse. Die Menschen wollen hier arbeiten. Dank der Vernetzung der Computerwelten ist es für viele Branchen völlig egal ob sie -speziell im Dienstleistungsbereich - in Hamburg, München oder z.B. hier in Cebu stehen. Wir haben beste Erfahrungen hier gemacht mit den liebenswerten Menschen, dem Klima und natürlich auf dem günstigen Lohnniveau. Unsere Geschäftspartner in Deutschland merken es nicht, ob wir in Heidelberg sitzen oder in Cebu. Durch die elektronische Post und durch die Telefonate besteht kein Unterschied.
Ein gutes monatliches Einkomen für einen Mitarbeiter (Highschool-Abschluß)beträgt hier in Cebu 300,00 Euro im Monat. Wenn man den Mitarbeitern noch freiwillige Sozialleistungen zusätzlich anbietet, hat man eine hervoragende Stamm-Mannschaft.
F. Kraus
Clearing Inkasso International
Asian Division
Cebu-Philippines
Ich habe ebenfalls mit einigem Erstaunen vor einiger Zeit festgestellt, wohin ich meine page proofs schicken sollte. Die (Wissenschafts)Verlage, wie die hier angesprochenen Elsevier und Springer verdienen sich durch outsourcing eine goldene Nase. Aber nicht alleine durch die Beschaeftigung von arbeitswilligen Philippinos ist ihre Existenz wohl gesichert (waehrend die der ehemaligen Mitarbeiter in den Stammhaeusern in Frage steht). Autoren, denen mehr und mehr auch das Editing ihrer eigenen Artikel aufgebuerdet wird, werden z.B. seit einiger Zeit gefragt, ob sie die Publikation fuer open access freigeben wollen, natuerlich auf ihre Kosten! Wir sollen also dafuer, dass unsere Arbeit, die von unserer Universitaet, in letzter Konsequenz also vom Steuerzahler finanziert wird, einfacher (d.h. online) gelesen wird, zahlen. Und nicht zu knapp!
Dass medizinische Information der gesamten Oeffentlichkeit frei und ohne Kosten zur Verfuegung stehen muss, ist ein anderes Thema.
Was die Qualitaet der Arbeit angeht, kann ich bestaetigen, dass das sehr professionell ist. Auch hier besteht ein Unterschied zu Deutschland (Springer hat sein Stammhaus ja in Heidelberg), wo in der Vergangenheit unfaehige Language Editors eher Unfug anstellten, als mit dem Autor zu kooperieren. Das ist mit den Philippinos auch anders.
The world is flat. Die Huerden fuer alte Europaeer werden allerdings hoeher.
Eine Frage hätte ich an die beiden Kommentatoren, die sich ja in dem Bereich auszukennen scheinen:
in welchen Branchen außer bei englischsprachigen Printveröffentlichungen ist das im Artikel behandelte Outsourcing noch möglich? Gibt es da nicht fast immer das Problem der Sprachbarriere? Oder ist das zu naiv gedacht?
MfG
Dilu
FK
In den Bereichen wo viel Kunden/Reservierungsservice am Telefon in deutscher und englischer Sprache erfolgt, wie z.B. Bei Fluggesellschaften, Autovermietungen, Buchungs/Abrechnungsstellen (Arztabrechnungsstellen)Schreibserviceunternehmen (Adressen und Brief-Marketing)
Internationale und nationale Mailings, Bestellservice rund um die Uhr für Teleshopping/Versandhäuser. Selbst für kleinere Unternehmen dürfte ein Outsourcing in bestimmten Branchen viele finanzielle Vorteile bringen. Wer bei der Lufthansa z.B. einen Flug reserviert spricht ja auch mit einem Mitarbeiter (der mehr oder weniger der deutschen Sprache mächtig ist) und in Kapstadt, Rostock oder in Delhi sitzt. Die TUI z.B. hat ihre Buchhaltung in Ungarn und das DER (Deutsches Reisebüro in Frankfurt) hat einen Teil der Buchhaltung nach Irrland ausgelagert.
FK
In den Bereichen wo viel Kunden/Reservierungsservice am Telefon in deutscher und englischer Sprache erfolgt, wie z.B. Bei Fluggesellschaften, Autovermietungen, Buchungs/Abrechnungsstellen (Arztabrechnungsstellen)Schreibserviceunternehmen (Adressen und Brief-Marketing)
Internationale und nationale Mailings, Bestellservice rund um die Uhr für Teleshopping/Versandhäuser. Selbst für kleinere Unternehmen dürfte ein Outsourcing in bestimmten Branchen viele finanzielle Vorteile bringen. Wer bei der Lufthansa z.B. einen Flug reserviert spricht ja auch mit einem Mitarbeiter (der mehr oder weniger der deutschen Sprache mächtig ist) und in Kapstadt, Rostock oder in Delhi sitzt. Die TUI z.B. hat ihre Buchhaltung in Ungarn und das DER (Deutsches Reisebüro in Frankfurt) hat einen Teil der Buchhaltung nach Irrland ausgelagert.
FK
In den Bereichen wo viel Kunden/Reservierungsservice am Telefon in deutscher und englischer Sprache erfolgt, wie z.B. Bei Fluggesellschaften, Autovermietungen, Buchungs/Abrechnungsstellen (Arztabrechnungsstellen)Schreibserviceunternehmen (Adressen und Brief-Marketing)
Internationale und nationale Mailings, Bestellservice rund um die Uhr für Teleshopping/Versandhäuser. Selbst für kleinere Unternehmen dürfte ein Outsourcing in bestimmten Branchen viele finanzielle Vorteile bringen. Wer bei der Lufthansa z.B. einen Flug reserviert spricht ja auch mit einem Mitarbeiter (der mehr oder weniger der deutschen Sprache mächtig ist) und in Kapstadt, Rostock oder in Delhi sitzt. Die TUI z.B. hat ihre Buchhaltung in Ungarn und das DER (Deutsches Reisebüro in Frankfurt) hat einen Teil der Buchhaltung nach Irrland ausgelagert.
Der Trend, Dienstleistungen oder Teile der Produktion aus dem eigenen Betrieb auszulagern, ist im letzten Jahrzehnt deutlich gestiegen. Dies betrifft ganze Funktionsbereiche oder Abteilungen – ein Vorgehen, das unter dem Begriff Outsourcing inzwischen weitläufig bekannt ist. Business Process Outsourcing (BPO): Die dauerhafte Auslagerung von Unternehmensteilen und -prozessen erlaubt es den Firmen, sich ganz auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren, während sie die Fachkompetenz externer Partner nutzen. Dies ist insbesondere in Wachstums- und Schrumpfungsprozessen von Bedeutung. Unternehmen, die sich sprungfixe Kosten weder leisten können noch wollen, haben die Möglichkeit, in wechselnden Situationen auf Profis, wie zum Beispiel Controller, IT-Spezialisten oder PR-Fachleute zurückzugreifen. Sie tragen aber nicht die Kosten und Risiken einer Festanstellung. Die Vorteile des Business Process Outsourcing, wie Steigerung der Gesamtwirtschaftlichkeit und Innovationsgeschwindigkeit des Unternehmens, Zugriff auf state-of-the-art-Fachkompetenz, Skalierbarkeit, Sicherheit, Flexibilität und nicht zuletzt Risikoverteilung liegen auf der Hand. Dies macht BPO auch in den Augen von Aufsichtsgremien und für den Kapitalmarkt interessant.
www.jobworld24.org
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