Klassiker der Moderne (71) Schlief er je?

Der "Vater des Tenorsaxofons" spielte ohne Unterlass. Um die gesammelten Werke des Coleman Hawkins zu transportieren, müsste ein Lastwagen angemietet werden.

Es gab eine alte Zeit, da konnte jeder Jazz-Tenorist als Abart von Coleman »Bean« Hawkins, dem »Vater des Tenorsaxofons« gezeichnet werden. Und kein Ton seines Instruments in irgendwelchen Händen, der nicht noch heute ein Zitat von ihm wäre. Der einzige gegen Hawkins mögliche Einwand: dass er letztlich zu fürchten ist und Schrecken verbreitet. Im gegenwärtigen, dem Burn-out gewidmeten Wochenangebot muss auf einen Mann hingewiesen werden, der jede Minute seiner Musik der die Konzertsäle abfackelnden Inspirationsflamme widmete, ohne dass Erschöpfung auch nur von fern je zu sehen war. Hawkins spielte ohne Unterbrechung vom späten Dixieland des Fletcher Henderson bis hin zum legendären Duett mit Sonny Rollins und den Auftritten mit dem unspielbaren Thelonious Monk. Schlief er je? Die Legende verschweigt es. Für den Transport seiner gesammelten CDs muss ein Lastwagen angemietet werden.

Hawk, ein gepflegter Herr, immer mit modischem Hut, einer eleganten Saxofonkiste und einem frischen Cadillac, sorgte erstmals für Verblüffung, als er allein spielte. Picasso war seine rhapsodische Solo-Improvisation, die dichter wirkte als eine ganze Begleitband; unbestimmt war das Ganze auf Body and Soul aufgebaut, dem Zentrum der Jazzliteratur und auch Hawks Zentrum. Später war er für seine Codas berühmt: Das Stück ist fertig, alle schweigen, und Hawkins liefert allein einen bis zwei Minuten langen Nachkommentar, nach welchem das Vorangegangene meist gestrichen werden kann.

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Seinen voluminösen, grollenden Ton definierte Hawkins über den Vergleich. Bei jedem anderen, den er hörte, sagte er: »Dieser Ton ist ganz ordentlich, der Mann hat’s fast geschafft.« Seine wenig auffällige, bis heute nachwirkende Errungenschaft dürfte aber in seinem »Abweichen von Hawkins« liegen. Er ging zu sich selbst in Opposition, als er die rubensartige Fülle der Klangschönheit durch Verschmierungen und Verhärtungen störte und das Grollen in ein knorriges Schelten überführte. Hawkins war der erste wirklich geschmeidige, später der erste wirklich harte Tenorsaxofonist.

Zahllose seiner Aufnahmen tänzeln elegant daher, bis der 18 Meter hohe Fels-Alte vom Berge Rushmore das Wort ergreift: Von da an geht’s zur Sache, die Band liefert das Fundament, die Höhen- oder Tiefenerkundung gehört ihm. Eins seiner meistgespielten Stücke war Bean and the Boys. Seine Kompetenz war so umfassend, dass er später, in Umkehrung, an vielen Sessions nur als einfacher Mitspieler teilnahm. Er vertrug das Nicht-Eingeladensein schlecht.

Selbst die Zusammenfassung seines Wirkens hat er noch selbst gespielt. In einer bewegenden Aufnahme mit Barry Harris zeichnet der atemschwach gewordene Habicht mit Hauchen und Verschlucken noch einmal ein verwitterndes Jugendbildnis des Künstlers. Es gibt Dominanzen, die machen das Verschwinden zur Pflicht; andere wollen auch mal. Und die Boys, so hätte er gesagt, »sind ganz ordentlich«.

Coleman Hawkins: The Hawk Swings 1 & 2 (Fresh Sound Records 14/15)

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 02.08.2007 Nr. 32
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    • Schlagworte Thelonious Monk | Swing | Musik | Soul | Hut | Transport
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