Kreuzfahrt Donau, so grün
Eine Kreuzfahrt von Belgrad ans Schwarze Meer. Hier ist der viel besungene Fluss endlich still, und man hört die Vögel singen
In der Save treiben Plastikflaschen, alle paar Sekunden eine, wie aufgereiht an einer Schnur. Hässlich, aber unkaputtbar, schwimmen sie schon einmal voran auf dem Weg, den wir noch vor uns haben: in die Donau und dann immer nach Osten, in Richtung Schwarzes Meer.
Wir sind zu sechst an diesem Samstagmittag im Save-Hafen von Belgrad: zwei Reisende, die auf die Ankunft ihres Schiffes warten, und vier Angestellte, die so tun, als wären sie beschäftigt. Die serbischen Behörden haben große Pläne mit dem Hafen. Von hier aus sollen Devisen in die Hauptstadt kommen, überbracht von Scharen reicher Kreuzfahrttouristen. Darum gibt es am Anleger einen Duty-free-Shop, eine Prospektgondel und sogar ein Gästebuch. Viel steht noch nicht drin. Zuletzt das: »Mein Freund Vladislav und ich arbeiten für eine Reinigungsfirma. Wir machen eure Boote sauber. Manche sind ein Haufen Scheiße. Aber wir reisen so gerne. Nehmt ihr uns mit?«
Pünktlich um 13 Uhr nimmt die River Cloud II ihre letzten Passagiere an Bord. Sie wirkt rustikaler als erwartet, mit einem dicken weißen Anstrich und Aufbauten aus verwaschenem Holz. Man muss schon einen Blick durch die Fenster des Speisesaals erhaschen, um zu sehen, womit man es hier zu tun hat. Blumenarrangements stehen auf den Tischen. Livrierte Kellner heben Weinflaschen aus Eiskübeln. Ein Koch knackt Austern.
Schon bald sitzen wir selbst bei Tisch und schauen durch dieselben Fenster nach draußen. Ein Bordoffizier regelt die Ausreiseformalitäten; von nun an sind wir Bürger der River Cloud II. Ein kleiner Staat. Wer im Restaurant, in der Pianobar und auf dem Sonnendeck war, kennt schon alles. Und wohlhabend. Wir sind an Bord eines der wenigen Fünf-Sterne-Kreuzfahrtschiffe auf europäischen Flüssen. Doch weil dieser Staat keine Armut kennt, muss er seinen Reichtum nicht zeigen. Der joviale Grieche am Tisch gegenüber posaunt ja auch nicht herum, dass er seine ganze Familie auf diese Tour eingeladen hat – 22 Personen. Die River Cloud II bereitet den Komfort so selbstverständlich, als wäre sie gar kein Schiff, sondern der ruhende Punkt inmitten einer unsteten Welt. Gleichwohl rafft sich an diesem Nachmittag über die Hälfte der 70 Passagiere zur Stadtbesichtigung auf. Die meisten sind schon seit Wien oder Budapest an Bord. Sie machen diese Reise, weil sie neugierig sind auf das neue, osterweiterte Europa, ihm aber doch nicht so ganz trauen.
Vom Hügel blickt ein nackter Recke heldisch auf die Mündung der Save
Das Erstaunlichste an Belgrad ist, was man nicht sieht. 38 Mal wurde diese Stadt schon zerstört. Das erzählen sie hier gerne den Fremden, gleichermaßen stoisch und stolz. Gemeint ist wohl: 38 Mal haben wir sie wieder aufgebaut, also spart euch doch künftig die Mühe. Die Vielzerstörte gibt sich überraschend idyllisch, in ihren Vorzeigevierteln jedenfalls. Platanen und Kastanien säumen die Straßen, in den Parks blühen die Linden. Vom Hügel der Burg Kalemegdan gleich neben dem Hafen blickt ein nackter Recke heldisch auf die Mündung der Save in die Donau. Ursprünglich sollte das 1928 errichtete Monument über die Altstadt wachen. Aber dem örtlichen Frauenverband war das zu viel der Männlichkeit. Darum sieht man vom Land aus nur den Rücken.
In der Flanierstraße Knez Mihajlova verrät nichts, dass vor acht Jahren noch der nationale Wahnsinn tobte. Die Jugendstilzeile ist voll mit Läden für den postsozialistischen Nachholbedarf: Parfümerien, Handy-Shops, Boutiquen und natürlich Clubs jeder Art. Vom neuen Unternehmertum künden Firmenschilder mit vertrauenerweckenden Namen wie World Invest, Bug Communication oder Nemesis Travel Agency. Belgrad ist aufgekratzt. Alle haben es eilig. Aber wer in die Hinterhöfe schaut, sieht den Müll, die geborstenen Fenster und die verkrüppelten Alten, die der Trubel von den Straßen gedrängt hat.
Man zeigt uns auch das Regierungsviertel. Das Verteidigungsministerium erinnert aus der Ferne an ein Parkhaus, weil man hindurchsehen kann. Erst als unser Bus vorbeifährt, erkennen wir das Loch in der Mitte, wo die Bombe eingeschlagen ist. Die Führerin greift zum Mikrofon. »Der Nato-Einsatz richtete sich vornehmlich gegen Militär-, Polizei- und Industriegebäude, aber es gab auch Fehltreffer.« Und weiter: »Gegenüber dem Ministerium sehen Sie das Regierungsgebäude. In seinem Hof wurde 2003 unser Premierminister Zoran Djindjić von Attentätern erschossen. Vielen galt er als Hoffnungsträger für ein demokratisches Serbien.« Die Frau macht ihre Sache gut. Das alles klingt so weit weg.
- Datum 01.08.2007 - 07:57 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 02.08.2007 Nr. 32
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