Vernissage, Vernissage! Gezeigt wird an diesem warmen Berliner Sommerabend nichts Sub-Sub-Subkulturelles, keine neo-neodadaistische Installation. Gezeigt wird Fotografie. Klassisch schwarz-weiß. Der Künstler ist zugegen, ein Herr von 84 Jahren aus New York: Louis Stettner, einer der großen Alten des schwarz-weißen Stils. Er geht durch die staunende Verehrung des deutlich jüngeren Publikums, vor einem seiner Fotos bleibt er stehen, es ist von 1951: ein Schwarzer in Anzug und Hut, lässig an einer gusseisernen New-York-City-Laterne lehnend, inmitten der NYC-Trance aus hartem NYC-Licht und harten Schatten, die Hände in den Hosentaschen. Soul of New York hat Stettner das Bild genannt, diese stille und doch aufgeladene Szene.

Was hat er darin gesehen?

»Es ist wie Jazz«, sagt er, »der Mann schaut nur, er freut sich am Moment.«

Der Moment – der magische, alles entscheidende! Er ist es, woran viele große Fotografen geglaubt, den sie rund um die Erde gesucht haben. Eine romantische, nein, eigentlich mystische Idee. Der Mitgründer der legendären Fotoagentur Magnum, der Franzose Henri Cartier-Bresson – vielleicht der Größte der großen Alten, jedenfalls der Expliziteste, auf seinem Grab könnte stehen: Zen oder die Kunst, ein Foto zu machen – er hat einmal gesagt: »Ein Fotograf muss nicht viel wissen. Er muss nur hinsehen.« Dann hat er eine schnelle Schussgeste gemacht: Peng!

Sein amerikanischer Kollege Elliot Erwitt, der große Schweiger und Ironiker vom Central Park West, der vermutlich die meisten Hunde der Welt fotografiert hat, sieht das ähnlich. Aber er dreht die Jagdmetapher des vielgereisten Cartier-Bresson um, bei Erwitt jagt das Bild den Jäger wie das Häslein bei Wilhelm Busch: »Man findet ein Bild nie – they come and bite you.« Such sie nicht, die Bilder. Sie fallen dich an. Pass auf, da kommt eines!

Schritte knirschen auf Kies, Gläser klirren, Herren in Schwarz, schöne Frauen, ein etwas zu schrilles Lachen, der Soundtrack der Vernissage; der Kunst, wo sie bewundert und gekauft werden will. »Das Leben war viel langsamer damals«, sagt Louis Stettner noch, »heute ist alles busy. Heute ist New York etwas für Touristen. Damals war es für New Yorker da.« Nickt freundlich und verschwindet im Gemurmel der Berliner Sommernacht.

Das war vorigen Sommer in der Galerie Camera Work. Das ist diesen Sommer genauso. Andere Vernissagen, Messen, Auktionen, die gleiche geschäftige business. Fotografie boomt. Fotografie ist hip. Man lässt sich gern mit ihr sehen. Wer jung ist, etwas Geld hat, aber (noch) nicht genug, um teure Malerei zu sammeln, der kauft halbteure Fotografie. Geht hin, wenn ihre jungen Stars ausstellen, geht auch hin, wenn einer ihrer Klassiker noch einmal auftritt. Stettner. Erwitt. René Burri. Robert Lebeck. Richard Avedon. Diane Arbus. Barbara Klemm.

Fotos riechen nach Wirklichkeit, nicht nach Kunst

Zu jedem Namen fallen einem Ikonen ein. Fotos, in denen eine Zeit sich verdichtet, ein Krieg, eine Rebellion, eine Art zu leben. Es ist ihre laufende Ikonenproduktion, die Fotografie so auratisch macht. Ihr Talent, eine Zeit – eher ein Zeitgefühl – zeitgleich abzubilden. Wo Wirklichkeit ein rares Gut wird und die Welt immer inszenierter, gesteuerter, da werden Fotos geliebt. Weil sie nach Wirklichkeit riechen, nicht nach Kunst.

Der Aufstieg der Fotografie begann vor etwa 15 Jahren, und er kommt heute auf breiter Front daher. Er umfasst nicht nur ihre Stars, sondern auch das Mittelfeld. Er wirkt sogar retrospektiv: Auch Fotos aus vergangenen Zeiten steigen im Preis. Weil sie rar werden. Weil schon so viele davon in Museen und privaten Sammlungen sind.

Vorbei die Zeiten, als Sammlerfotos in kleinen, staubigen Läden oder auf Flohmärkten für kleines Geld zu erwerben waren. Natürlich, Vintage muss es sein. So heißen erste, »authentische« Abzüge des Fotografen aus der Entstehungszeit des Bildes, im Unterschied zu Modern Prints, also späteren oder heutigen Abzügen von Negativ oder Platte.

Der Sammler Werner Bokelberg hat in einem Interview erzählt, wie ein Enkel von August Sander, dem berühmten Fotografen der Weimarer Zeit, ein Bild seines Großvaters verkaufte – für 20000 Dollar. Als er begriff, wie wertvoll es war, bemühte er sich, einen anderen Abzug desselben Motivs bei einer Auktion zu ersteigern. Im Bietergefecht musste Sanders Enkel bei 400000 Dollar kapitulieren. Das Foto erzielte 450000 Dollar.

Im Oktober 1999 setzte das Londoner Auktionshaus Sotheby’s die Fachwelt mit einem neuen Weltrekord in Erstaunen; die Versteigerung einer privaten Sammlung – der von Marie Thèrese und André Jammes – erzielte 7,43 Millionen britische Pfund. Andere große Fotosammlungen sollen, Branchengerüchten zufolge, für Preise um die 20 bis 30 Millionen Dollar herum an amerikanische Museen gegangen sein.

Am klassischen Kunstmarkt für Malerei gemessen, sind all diese Summen nicht hoch. Den Kaufpreis einer ganzen, exquisiten Fotosammlung müsste mindestens verdoppeln, wer etwa einen einzigen van Gogh ersteigern wollte. Ein distinktiver Abstand zur Malerei bleibt gewahrt. Andererseits besagt der Verkauf solcher Sammlungen an Museen, dass die Fotografie in den Kathedralen der Malerei Einzug hält, allen voran in Amerika, wo es rund 500 Museen gibt, die Fotos sammeln.