RomanSex ist auch nur Gemüse

England 1962: Ian McEwan schildert in seinem neuen Roman »Am Strand« das Ende einer Ehe – die scheitert, bevor sie überhaupt beginnt von Georg Diez

Man muss es leider sagen, auch wenn es etwas hart klingt: Ian McEwan ist gar kein Schriftsteller im eigentlichen Sinn. Er ist eher ein Soziologe, der Romane schreibt; ein Dozent, der etwas beweisen will; ein äußerst geschickter Textingenieur, und wenn ihn sein Geschick verlässt, dann klappern die Rohre und Streben seiner Geschichte recht traurig im Wind.

Man muss sich das so vorstellen: Ian McEwan sitzt an seinem Schreibtisch in einem dieser Londoner Häuser, die er so fabelhaft beschreiben kann, zuletzt zum Beispiel in Saturday, eine Enklave des Reichtums und des guten Geschmacks; hier also sitzt er und liest viel Zeitung und viel Literatur und denkt über die Welt nach, wie sie ist, das ist der Zeitungsmann in ihm, und wie sie sein sollte, das ist der Literat in ihm, er denkt also nach und sucht sich ein Thema, das entweder möglichst literarisch ist, wie in dem Roman Abbitte, einer Verbeugung vor allem, was dem englischen Leser heilig ist, von Jane Austens Sommerzauber bis zur D.-H.-Lawrence-haften Liebe über die Klassenschranken hinweg; oder er wählt sich ein Thema, das das Kernproblem einer Zeit einzufangen sucht, wie in Saturday, wo McEwan von der Kraft des Liberalismus erzählt angesichts einer Gewalt, die im Alltag genauso lauert wie im Irak und die in letzter Konsequenz immer, das ist das Wesen der Gewalt, totalitär ist. Das also ist der Plan, der ist bei ihm immer zuerst da, und um den herum wird das Buch gebaut.

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In seinem neuen Roman Am Strand nun überkreuzen sich diese sonst so genau kalkulierten Pläne, es geraten Literatur und Zeitdiagnose ordentlich durcheinander – was vielleicht der Grund ist für das seltsam leblose und, schlimmer noch bei dem Thema, lustlose Scheitern dieses Sexromans vor dem Zeitalter des Sex. »Sie waren jung, gebildet und in ihrer Hochzeitsnacht beide noch unerfahren, auch lebten sie in einer Zeit, in der Gespräche über sexuelle Probleme schlicht unmöglich waren.« Das ist der erste Satz, damit ist eigentlich schon alles gesagt, und man muss sich als Romancier schon einiges trauen, um derart lau und fast schon lehrerhaft in eine Geschichte einzusteigen. Nun könnte man meinen, das sei vielleicht ein Trick, dieser spröde Ton würde einige Türen der Psychologie öffnen helfen – und tatsächlich gibt es ein paar Stellen, die so intim, so versteckt, so verdruckst sind, dass sie eben erst in diesem so stillen Buch hörbar werden. Aber so richtig erholt sich der Roman nicht mehr von seinem ersten Satz.

Edward und Florence also sind die beiden Unglücklichen, die ihre Hochzeitsnacht vor sich haben, es ist das Jahr 1962, sie sitzen im Hotelzimmer an der Küste von Dorset, das Gemüse ist verkocht und auch der Sex, so scheint es, ist nur ein Gemüse, eine jener fremden Früchte, die gerade so in Mode kommen. »Die Kochkünste seines überforderten Vaters und das Pommes-und-Pasteten-Regime seiner Studientage hatten ihn auch nicht auf jenes seltsame Gemüse vorbereitet«, so heißt es an einer Stelle über Edward, »Auberginen, rote und grüne Paprika, Zucchini und Zuckererbsen.«

Einmal mehr also kommen auch in diesem Buch der Klassenschranken zum Einsatz, eine der bewährtesten Prosawaffen der englischen Literatur. Edward, der die Insel noch nie verlassen hat und überhaupt erst einmal bis Schottland gelangt ist, diesem Edward nun begegnet durch die reiche und gebildete Familie von Florence: Salat mit Öl-Zitrone-Dressing, Joghurt, »eine exotische Substanz, die er bislang nur aus einem James-Bond-Roman kannte«, Knoblauch, Filterkaffee, Orangensaft zum Frühstück, Müsli, Oliven und frische Feigen. Es ist diese Beschreibung Englands in vollster puritanischer Lustverweigerung, und zwar auf allen Ebenen, sexuell wie kulinarisch, es ist dieses Bild eines Landes vor der Invasion französischer Sinneslust – was einem so ironisch-zynisch bewehrten Rezensenten wie dem Exilengländer Christopher Hitchens bei der Lektüre Tränen der Rührung in die Augen getrieben hat. Ja genau, so war es!

Edward und Florence nun teilen dieses Vergnügen an dem Porträt eines Landes vor dem Schock der Aufklärung nicht gerade. Sie stecken ja auch mittendrin, sie stecken fest, sie schieben ihr Essen lustlos auf dem Teller herum, Rindfleisch in einer mehligen Pampe, verkochtes Gemüse, »bläulich schimmernde Kartoffeln«, dazu gibt es Weißwein, »einen Rotwein zu bestellen wäre Edward nicht in den Sinn gekommen«; und drüben, nur durch eine Tür getrennt, die auch noch offen steht, wartet, lauert, dräut schon das Schlafzimmer, mit dem Bett, das sie beide so einschüchtert. Aber »während Edward bloß an der üblichen Nervosität vor der ersten Nacht litt, plagte Florence eine tiefsitzende Furcht, ein hilfloser Widerwille so heftig wie die Seekrankheit.«

Es ist der Gedanke an das, was da kommen wird, schlimmer noch, es sind die Worte, die sie in dem Handbuch für Ehefrauen gelesen hat, die ihr so zusetzen: Schleimhaut, Penisspitze und vor allem Penetration, »ein Wort, als ob jemand Fleisch mit einem Messer zerteilt«. Obwohl sie es noch nie versucht hat, weiß Florence also schon, »Sex mit Edward konnte nicht der Gipfel ihrer Freuden, sondern nur der Preis sein, den sie zahlen musste«. Früher hätte man so etwas womöglich etwas frauenfeindlich als Frigidität beschrieben – Ian McEwan nun will aus diesem Zustand körperlichen Unwillens so viel Zeitdiagnose wringen, wie es nur geht. Er will jenen Zustand der Unschuld rekonstruieren vor der sexuellen Revolution, die nur ein paar Jahre später raste; und diese Unschuld, sagt er, ganz der Aufklärer, war auch eine schlimme Lüge und arge Pein. Um das zu demonstrieren, bleibt er ganz nah dran an seinen Hochzeitsnächtern, man hört die Stoffe geradezu aneinanderreiben, als es dann losgeht, die Zungen kreisen wild im Mundraum herum, Edward streichelt minutenlang den Schenkel von Florence, die Matratze stöhnt traurig, seine eine Hand klemmt unter Florence fest, die andere zerrt erst am Reißverschluss, dann an der Unterhose, »ihm war schlecht vor lauter Verlangen und Unentschlossenheit«, das alles hat durchaus eine tragische Komik, die mit dem Bekannten, aber wenig Beschriebenen spielt – alles, was zwischen zwei Menschen schiefgehen kann in solch einem Moment, geht auch schief, »durch das offene Fenster wehte eine sommerliche Brise herein und kitzelte ihr entblößtes Schamhaar«, sie nimmt seinen Penis in die Hand, um ihm zu helfen, er kommt zu früh, sie schämt sich, sie ekelt sich, sie springt auf und läuft aus dem Hotelzimmer, lässt ihn zurück, zwei Liebende allein, unten am Strand.

McEwan interessiert sich bei alldem so sehr für die Körper wie für die Psychologie der beiden Liebesversager, die sich genauso verhakt wie der Reißverschluss. Am Strand kommt es zu einer Verkettung von Anschuldigungen und Missverständnissen – ein Wort schließlich, eine Geste, ein Schritt hätten wohl gereicht, das gemeinsame Leben zu retten. Vielleicht nun hätte McEwan selbst aus dieser etwas merkwürdig didaktischen Geschichte einen traurigen, schönen Roman machen können, wenn er sich darauf verlassen hätte, die ganze Tragödie aus diesem einen Abend, aus einem einzigen Augenblick heraus zu erzählen.

Aber er musste ja, obwohl er nur 200 Seiten hatte, auch noch ein Zeitpanorama reinpacken; er musste die lähmende Vorgeschichte der Liebe erzählen, wie sich die beiden kennengelernt haben auf einer Anti-Atom-Veranstaltung; er musste einen Missbrauch von Florence andeuten; er musste Florence klassische Musik lieben lassen und Edward den Rock’n’Roll. Er hat sie mit all dem soziologischen Balast beschwert, der ihnen die Chance und die Poesie dieses einen Moments gerade genommen hat. Er hat sich, und das überrascht bei einem so gewissenhaften Autor, einfach mit seinen Plänen geirrt.

Ian McEwan, um es noch mal zu sagen, ist ein Konstruktivist, der immer gerade den Realismus zur Hand hat, den er für seine Geschichte braucht – deshalb klingen seine Bücher jeweils anders, man kommt nicht wirklich auf die Idee, dass sie von der gleichen Person geschrieben sein könnten. Hier nun unterläuft ihm aber ein Denkfehler: Diese Florence hätte zu jeder anderen Zeit ihre Schwierigkeiten mit dem Sex gehabt – ihr Ekel hatte nichts zu tun mit der Prüderie der Zeit. McEwan hat sich hier ausnahmsweise mal selbst ausgetrickst.

Ian McEwan: Am Strand

Roman; aus dem Englischen von Bernhard Robben; Diogenes Verlag, Zürich 2007; 206 S., 18,90 €

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Leserkommentare
  1. Wer es schafft, ein Begriffsmonstrum wie "lustloses scheitern" zu erfinden, sollte nicht nur nicht über Literatur, sondern besser überhaupt nicht schreiben. Welcher Teufel reitet solche linguistischen Egomanen?

  2. haben sich auf einer "anti-atom-demo" kennen gelernt,
    muhaha, schmeiß mich weg vor lachen....
    da fühlen sich gleich reihenweise leser angep*nk*lt,
    muuahhhrghh.haha

  3. @kleinasien
    man kann mit lust scheitern ! (mach ich quasi regelmäßig...) also gibt es auch lustloses scheitern, gelle ?!

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