Mallorca Kampf dem Glibber

Patrouillenboote, Kescherkommandos und ein Notruf – Mallorca bereitet sich auf eine Quallenplage vor

Nik hat einen großen Fang gemacht. Der blonde Junge steht mit Kescher und Plastikeimer bis zum Bauch im Wasser und ruft nach seinem älteren Bruder Tom. »Komm schnell! Wir haben Quallen gefunden!« Seine Stimme überschlägt sich vor Aufregung, als er die beiden Tiere zeigt. Wie kleine, durchsichtige Ballonschirme sehen sie aus, wenn sie sich im Plastikeimer aufblähen und wieder zusammenziehen. Ganz hübsch eigentlich. Die feinen, karminroten Linien, die sich von den Schirmen zu den Fangarmen fortsetzen, könnten ja nichts weiter als eine Zierde sein.

Nik bastelt insgeheim wohl schon an der Geschichte, die er demnächst bei der Einschulung in Köln-Hürth seinen neuen Freunden erzählen kann. Tom aber ist sauer. Eigentlich wollte er heute mit dem Vater schnorcheln gehen. Das geht jetzt nicht mehr. Er legt sich auf das Handtuch am Strand. Auch die anderen Badegäste sind eher angewidert von Niks Entdeckung. Sie sehen sich von nun an besonders aufmerksam im Wasser um, ehe sie ein paar vorsichtige Schwimmzüge tun. Santiago Itzcovich, der Vermieter der Strandliegen in der Bucht von Portals Vells an der Südwestküste Mallorcas, schickt seufzend eine Alarm-SMS ins Rathaus in Calvià. Geht es wieder los?

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Wissenschaftler sehen in den Quallenplagen der letzten Jahre eine Folge der Erwärmung der Meere und ein Zeichen dafür, dass das biologische Gleichgewicht dort nicht mehr stimmt. Badegäste finden die schleimigen Tiere vor allem ekelhaft, manche sind sogar gefährlich. Wer mit den giftigen Nesselzellen der Feuerqualle in Berührung kommt, trägt schmerzhafte Verbrennungen, vielleicht sogar bleibende Narben davon. Mehrere Dutzend Urlauber mussten wegen der Quallen in diesem Sommer auf Mallorca und an den Küsten des spanischen Festlandes schon zum Arzt. Im vergangenen Jahr waren viele Strände tagelang gesperrt, weil Quallen wie ein riesiger Geleeteppich an Land gespült wurden.

Mit der Kampagne »Calvià ohne Quallen« gewann Delgado die Wahl

So weit will man es nicht mehr kommen lassen. Spanien hat den »Glibberviechern« den Kampf angesagt. Auf Mallorca ist die Gemeinde Calvià besonders engagiert. Die Strömungen des Meeres und der Levante-Wind, der vom Meer her Richtung Land weht und in der Bucht für eine angenehme Brise sorgt, treibt besonders viele Quallen an die zu Calvià gehörenden Küstenabschnitte. Da musste etwas geschehen. Denn die Gemeinde hat viel zu verlieren.

Der Fremdenverkehr hat sie in den letzten Jahrzehnten zu einer der reichsten Gegenden Spaniens gemacht. Man findet dort alle Facetten des Tourismus: die zwischen hohen Felsen und dichten Pinienwäldern versteckte Bucht Portals Vells, am Reißbrett entworfene Ferienorte mit künstlich aufgeschütteten Sandstränden und Bettenburgen sowie den schicken Hafen Port Portals. Dort wurde vor Kurzem, als einer der Höhepunkte des Sommers, die Breitling Regatta ausgetragen. Prominentester Gast: König Juan Carlos. Am Pier liegen noble Jachten mit Namen wie Jade Mary, Amore, Euphoria oder Vogue vor Anker, während sich die Schönen und Reichen im Ritzi oder Tristán mit Champagner zuprosten. Quallen würden sie wohl nur interessieren, wenn der Koch in der Tahini Sushi Bar daraus eine ausgefallene Köstlichkeit zaubern würde. Das könnte sich ändern.

Ortstermin im Dorf Calvià, dem Verwaltungssitz der Gemeinde. Mit dem Auto fährt man wenige Minuten von der Küste ins Hinterland, in die sanften Ausläufer des Tramuntana-Gebirges. In dem kleinen Dorf leben die einheimischen Mallorquiner, Gäste verirren sich selten in die schmalen Gassen und kleinen Kaffeebars Calviàs. Nur das etwas zu groß geratene Rathaus zeigt, dass hier die Touristenmassen von der Küste verwaltet werden. Die Lage sei »sehr ernst«, sagt Bürgermeister Carlos Delgado. »Es gibt Tage, an denen man nicht mehr ins Meer gehen kann.« Delgado ist ein drahtiger, energischer Mann mit Sommersprossen und Igelfrisur. Ständig in Bewegung. »Calvià sin Medusas« – Calvià ohne Quallen – war sein Thema im Kommunalwahlkampf im vergangenen Mai. Ein Volltreffer. Delgado wurde wiedergewählt, als einziger Vertreter der auf der Insel wegen verschiedener Bauskandale verschrienen konservativen Partido Popular.

Etwa alle zehn Jahre, das hat sich Delgado von Forschern erklären lassen, tauchen Quallen in zwei bis drei aufeinanderfolgenden Jahren vermehrt im Mittelmeer auf. Die Überfischung ist eine Ursache. Weil die kleinen Fische, die sich wie Quallen von Plankton ernähren, immer weniger werden, finden Quallen mehr Nahrung und können sich entsprechend stärker vermehren. Außerdem nimmt die Zahl ihrer natürlichen Feinde ab: Thunfische und Schildkröten. Thunfische werden ebenfalls gefischt, Schildkröten verwechseln den im Meer schwimmenden Plastikmüll mit Quallen und verenden qualvoll.

Dass die Quallen immer näher an den Strand kommen, ist relativ neu und eine Folge des Klimawandels, der laut einer Studie im Auftrag der spanischen Umweltministerin Cristina Narbona keine Region in Europa so stark treffen wird wie die Iberische Halbinsel. Die Flüsse spülen nicht mehr genug kühles Süßwasser ins Meer, und die Quallen, für die Süßwasser Gift ist, erkennen im Uferbereich keine natürliche Barriere mehr. Nach regenarmen Wintern und trockenen Frühjahren findet man sie deshalb besonders oft am Strand.

Delgado ließ ein Logo malen: die Karikatur einer Qualle mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen hinter einem Parkverbotsschild. Der Zivilschutz wurde aufgefordert, während der Kontrollfahrten an der Küste auch auf Quallen zu achten. Acht Studenten klappern acht Stunden am Tag jeden Strand und jede Bucht der Gemeinde ab, mit Keschern bewaffnet wie der kleine Nik in Portals Vells. Rettungsschwimmer und Rotes Kreuz bekamen für ihre Notköfferchen eine extra Ladung Wundsalbe und Ammoniak; Strandbudenbesitzer und Liegestuhlvermieter müssen jeden Tag eine Handynummer anwählen, um den aktuellen Lagebericht durchzugeben. Eine Null für »keine Quallen«, eine Drei für »Plage«.

Antonio Sánchez steuert das orangefarbene Schlauchboot des Zivilschutzes von der Mole in Port Adriano hinaus in die Bucht der Playa del Toro. Es ist ein strahlender Morgen, kaum eine Wolke am Himmel. Im feuchten Sand walken die ersten Strandgänger, andere sichern sich schon einen Platz für ihr Handtuch, während Traktoren mit angehängten Rechen noch den Sand für den erwarteten Ansturm präparieren. »Normalerweise prüfen wir, ob Müll im Wasser liegt oder sich Schwimmer in Gefahr begeben«, sagt Sánchez. Das Boot schaukelt sacht über die Wellen. »Jetzt halten wir auch nach Quallenbänken Ausschau.«

Finden sie welche, sind Sánchez und die Kollegen von den beiden anderen Patrouillenschiffen angehalten, sie gleich abzufischen, in Container zu werfen, mit Süßwasser zu übergießen und der Sonne auszusetzen. Binnen 48 Stunden sind sie ausgetrocknet. Heute bleiben die Container leer. Das Wasser ist so klar, dass man noch mehrere Meter vom Ufer entfernt auf den Grund sehen kann.

Auch die studentischen Quallenjäger am Strand langweilen sich. In ihren Keschern angeln sie ein paar vom Ufer ins Meer gewehte Blätter oder die Holzstäbchen von Eis am Stiel. »Bisher gab es praktisch nichts zu tun«, sagt Marta Terrasa. 24 Jahre ist sie alt, in einem Dorf der Gemeinde Calvià aufgewachsen. Sie studiert Ingenieurwissenschaften und Industriedesign in Valencia. Die Idee, während der Semesterferien zu Hause am Strand zu jobben, zusammen mit anderen jungen Leuten, »das hörte sich gut an«. 1000 Euro im Monat bekommt sie dafür. Mangels Plage kann sie während der Arbeitszeit öfter als gehofft mal eine Runde schwimmen.

»Im Augenblick gibt es sicher mehr Nachrichten über Quallen als Quallen selbst«, sagt Toni Muñoz. Dennoch hält der Meeresbiologe beim mallorquinischen Umweltschutzverband Grup Balear d’Ornitologia i Defensa de la Naturalesa (GOB) den Umgang mit dem Quallenthema keineswegs für übertrieben. »Die Saison ist noch nicht zu Ende. Im August können noch eine ganze Menge Probleme auftauchen.« Das Rathaus von Calvià und die Hoteliers der Gemeinde müssten sich vorbereiten. »Dann kann hinterher niemand sagen, sie hätten nichts getan.« Andere Küstengemeinden auf dem spanischen Festland haben das Modell kopiert. Fischer und Strandbudenbesitzer wurden angehalten, im Ernstfall gleich Alarm zu schlagen.

Die Studie prophezeit überflutete Strände

Beflügelt von seinem Wahlerfolg, schaffte Bürgermeister Delgado inzwischen in Calvià auch ein eigenes kleines Klimawandeldezernat und besetzte es mit einem Umweltingenieur. Die sozialdemokratische Zentralregierung in Madrid und ihre Vorgaben seien ihm einfach zu wenig ambitioniert, sagt der Rathauschef. Zwar prophezeit die von Umweltministerin Narbona in Auftrag gegebene Studie für Spanien einen ökologischen Super-GAU mit überfluteten Stränden und Temperaturen bis zu 50 Grad, der viele Touristen in die Flucht schlagen könnte. Doch ihr Nationaler Plan gegen den Klimawandel enthält fast keine Vorschläge für Gegenmaßnahmen. Dem Fremdenverkehr widmet der Plan wenig mehr als eine Seite. In dem Grundlagenpapier des Tourismusministeriums von Madrid, das sich mit der Zukunft des Wirtschaftszweiges beschäftigt, der mit 58 Millionen Urlaubern im Jahr elf Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, wird der Klimawandel mit keinem Wort erwähnt.

Auch in Calvià wird man sich erst einmal ein Jahr lang mit Verbänden und interessierten Privatpersonen beraten, was zu tun sei. Anschließend soll das Klimawandelressort mit einem eigenen Haushalt ausgestattet werden. Wenn ihm nicht eine Quallenplage einen Strich durch die Rechnung macht, wird es dafür genug Geld geben.

In Portals Vells hat Nik aus Köln inzwischen eine dritte Qualle in seinen Eimer bugsiert. Und langsam werden auch ihm die Tiere etwas unheimlich. Morgen fährt die Familie an einen anderen Strand. Mit Brandzeichen soll ihr Sohn nicht zur Einschulung müssen.

Klimawandel und überfischte Meere: Kein Problem für die Feuerqualle

Information

Quallen bevölkern seit mehr als einer halben Milliarde Jahre die Weltmeere. Sie gehören zur Gattung der Nesseltiere, bestehen zu 99 Prozent aus Wasser und ernähren sich von Plankton und kleinen Fischen. Ihre langen Fangarme sind mit Nesselzellen ausgestattet, die bei Berührung ein giftiges Sekret absondern, das die Beute lähmt.

Die häufig im Atlantik, der Nord- und der Ostsee anzutreffende weißlich-gelbe, meist tellergroße Ohrenqualle ist für den Menschen ungefährlich. Auch von der in der Ostsee beheimateten Rippenqualle die streng genommen keine Quallenart, sondern ein eigener Tierstamm ist, geht keine Gefahr aus. Ihre zum Teil meterlangen Fangarme haben keine Nesselzellen.

Auf der Hut sein sollte man vor der rötlich-braunen Feuerqualle . Sie kommt im Mittelmeer und in der Nordsee vor, seit Neuestem gelegentlich auch in der Ostsee. Auf der Haut von Badenden hinterlässt das Gift bei Berührung einen brennenden Schmerz sowie Rötungen, die mehrere Monate anhalten können.

Damit keine Narben zurückbleiben, sollte die Stelle nach dem Kontakt mit viel Salzwasser (keinesfalls Süßwasser oder Alkohol) abgespült und mit Sand bedeckt werden. Um zu verhindern, dass die noch nicht geöffneten Nesselzellen platzen, empfiehlt das Giftinformationszentrum Göttingen, die Wunde mit Rasierschaum einzusprühen und vorsichtig mit einer Scheckkarte auszukratzen. Sollte es am Strand eine Erste-Hilfe-Station geben, ist es ratsam, diese gleich aufzusuchen. Bei Allergikern kann das Nesselgift der Feuerqualle zu Kreislaufbeschwerden, Übelkeit und Erbrechen führen.

Auskunft: Giftinformationszentrum Nord, Tel. 0551/383180

 
Leser-Kommentare
  1. Notruf der Giftzentrale, der unten angegeben ist, ist für Fachpersonal angegeben (homepage Giftzentrale Nord). Patienten wählen besser: 0551/ 19240.

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