Peter Bieri "Bildung beginnt mit Neugierde"Seite 3/3

Das hat zur Folge, dass auch seine Beziehungen zu den Anderen differenzierter und reicher werden. Das gilt vor allem für die Fähigkeit, die wir Einfühlungsvermögen nennen. Sie ist ein Gradmesser für Bildung: Je gebildeter jemand ist, desto besser kann er sich ausmalen, wie es wäre, in der Lage Anderer zu sein, und dadurch vermag er, ihr Leid zu erkennen. Bildung macht präzise soziale Phantasie möglich, und in dieser Form ist Bildung tatsächlich ein Bollwerk gegen Grausamkeit.

Ausbildung ist stets an einem Nutzen orientiert: Man erwirbt ein Know-how, um etwas machen, etwas erreichen zu können. Mit Bildung ist es anders: Zwar bringt sie Fähigkeiten mit sich, und einige von ihnen sind auch nützlich. Aber das ist nicht das Entscheidende. Bildung, wie sie hier verstanden wird, ist ein zweckfreier Wert, ein Wert in sich. Es wäre falsch zu sagen, sie sei ein Mittel, um glücklich zu werden, denn Glück kann man nicht planvoll ansteuern. Und natürlich ist es auch nicht so, dass es ohne Bildung kein Glück gibt; das zu behaupten wäre eine Anmaßung gegenüber denjenigen, für die Bildung unerreichbar bleibt.

Anzeige

Aber es gibt Erfahrungen des Glücks, die aufs engste mit Facetten der Bildung verknüpft sind, wie ich sie besprochen habe: die Freude, an der Welt etwas besser zu verstehen; die befreiende Erfahrung, einen Aberglauben abzuschütteln; das Glück beim Lesen eines Buchs, das einen historischen Korridor öffnet; die Faszination durch einen Film, der zeigt, wie es anderswo ist, ein menschliches Leben zu führen; die beglückende Erfahrung, eine neue Sprache für das eigene Erleben zu lernen; die überraschende Erfahrung, dass sich mit dem Anwachsen der sozialen Phantasie der eigene innere Radius vergrößert.

Und Bildung schließt noch eine andere Dimension von Glück auf: die gesteigerte Erfahrung von Gegenwart beim Lesen von Poesie, beim Betrachten von Gemälden, beim Hören von Musik. Die Leuchtkraft von Worten, Bildern und Melodien erschließt sich nur demjenigen ganz, der ihren Ort in dem vielschichtigen Gewebe aus menschlicher Aktivität kennt, die wir Kultur nennen.

Weltorientierung, Aufklärung, Toleranz durch Einsicht in kulturelle Zufälligkeit, Lesen als innere Veränderung, soziale Phantasie als Bollwerk gegen Grausamkeit, das Glück gesteigerter Gegenwart: Es geht um viel. In letzter Zeit ist oft von Bildung die Rede. In Wirklichkeit wird von Ausbildung gesprochen. Wir sollten uns gegen diese Begriffsverwirrung und ihre gesellschaftlichen Folgen zur Wehr setzen. Denn wie gesagt: Es geht um viel.

Peter Bieri ist Philosophie-Professor an der FU Berlin. Dieses Jahr wurde der 62-Jährige mit der Lichtenberg-Medaille der Göttinger Akademie der Wissenschaften ausgezeichnet. Unter dem Namen Pascal Mercier hat er die Bestseller "Nachtzug nach Lissabon" und "Lea" veröffentlicht.

 
Leser-Kommentare
    • dash0
    • 14.08.2007 um 22:44 Uhr

    Schon interessant wen die Zeit-Redaktion so alles ausgräbt. Dieses Mal also den Philosophie-Schreck Bieri, alias Pascal Mercier, [...]

    [Der Rest wurde entfernt. Bitte verzichten Sie auf Aussagen, die Ihnen als Verleumdung ausgelegt werden könnten. Danke. /Die Redaktion pt.]

  1. Ein Auszug aus diesem Artikel ist übrigens im Abitur 09 in Baden-Württemberg zu erörtern

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service