Pop Krieg als Musik

Der somalische Rapper K’Naan verarbeitet seine schrecklichen Kindheitserfahrungen zu einem befreienden Sprechgesang

Um die Macht der Musik ranken sich viele Legenden. In den alten Zeiten soll sie Mauern zum Einsturz gebracht haben, heutzutage wird ihr immerhin vorgeworfen, Amokläufer auf die Spur zu setzen. Sie wird in der Tumortherapie eingesetzt, und die Werbewirtschaft steigert mit ihrer Hilfe die Umsätze. Die richtigen Rhythmen sollen sogar das Wachstum von Zimmerpflanzen befördern. Aber ob Musik auch einen Bürgerkrieg beenden kann? Etwas schaffen, was den Vereinten Nationen nicht gelungen ist?

K’Naan ist da nicht allzu optimistisch. Aber doch ein wenig hoffnungsvoll. Wäre er es nicht, bräuchte er gar nicht erst anzufangen, sagt er. Musik ist dem 29-jährigen Somali weder Broterwerb noch Unterhaltung, sondern in erster Linie Notwendigkeit. Kaynaan Warsame war 13, als seine Mutter mit ihren Kindern aus dem Land flüchtete. Die Diktatur von Siad Barre versank gerade endgültig im Chaos, die Familie Warsame nahm das letzte zivile Flugzeug aus Mogadischu, bevor Rebellen und Warlords das Land in einen Bürgerkrieg stürzten, der schon seit Jahren schwelte. Heute kann er nicht anders, als geradezu zwanghaft immer wieder davon zu berichten.

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K’Naan ist einer dieser Flüchtlinge, die ihr altes Leben in die neue Situation mitgeschleppt haben, und nun von dort aus zurückblicken. Er hat geschossen, ja, sagt K’Naan. Er hat nie jemanden getötet, erzählt er, er hatte Glück. Manchmal heftet sich der Blick auf einen Punkt an der Wand, während er seine Geschichte erzählt, die immer wieder beim Krieg landet. Der Krieg war Alltag, sagt er, so einfach war das damals. Die Gewalt war ziellos, sinnlos, war immer da. Kinder bauten Barrikaden aus brennenden Autoreifen, um zu verhindern, dass Panzer ins Viertel fuhren. Eigentlich nur ein Räuber-und-Gendarm-Spiel, aber eins mit fatalen Konsequenzen. Heute sind manche dieser Kinder tot, sagt er, andere sind noch am Leben. K’Naan lebt. Und macht Musik.

Die Musik auf seinem Album The Dusty Foot On The Road wirkt karg, wie bis auf die Knochen abgenagt. Raue, ungefilterte Wortkaskaden, die von archaischen Trommeln kommentiert werden. Es ist sein zweites musikalisches Lebenszeichen, live vor Publikum in London aufgenommen, in jedem der 13 Titel reduziert auf das Unabdingbare: Percussion, akustische Gitarre, Stimmen. Oft ist die Musik kaum mehr als Rhythmus, afrikanisch und polyphon, über dem K’Naan in einem von wenigen somalischen Sätzen durchzogenen Englisch rappt: von dem, was bis heute in seinem Land geschieht. Von Straßensperren, von Flüchtlingen in Booten, von Kindern mit Maschinengewehren über der Schulter, von nächtlichen Ausgangssperren.

Im Regal steht diese Musik unter »Rap«, auch wenn der Sprechgesang hier eine andere Funktion hat. Mit K’Naan kehrt der Rap dorthin zurück, wo er herkam: Afrika, der Kontinent, auf dem die Griots dereinst den kunstvollen Wettstreit der Reime erfanden. »I take it home«, verspricht K’Naan und schließt den Kreis. Denn nur Rap bietet die Wortdichte, die Textmenge, die mithalten kann mit seinem Anliegen. Nur Rap bietet im Vortrag die nötige Dringlichkeit. Die Stimme zählt atemlos Fakten auf, setzt einen vergessenen Krieg wieder auf die Landkarte. Kaum Zierrat, kein unnötiger Ballast, die Form folgt der Funktion. Und die Funktion folgt der Notwendigkeit, sich möglichst direkt miteilen zu müssen. Notfalls eben auch an einer Straßenecke.

Virtuos ist The Dusty Foot On The Road trotzdem. Elegant die Reime, flüssig in Vortrag und Rhythmus, mitunter befreiend melodisch wird dem Anliegen empathisch Nachdruck verliehen. Wie selbstverständlich fusioniert K’Naan alle musikalischen Einflüsse seines Lebens, verbindet die Folklore seines Hawiye Clans mit dem HipHop, den er als kleiner Junge auf Platten hörte: Sein Vater hatte sie ihm aus New York geschickt, nachdem er, wie die meisten somalischen Intellektuellen, bereits Jahre vor dem Rest der Familie dorthin geflüchtet war und als Taxifahrer jobbte. Schon damals bildete Musik die Brücke, die die Kommunikation zwischen den Welten aufrechterhielt. Das änderte sich auch nicht, als die wiedervereinte Familie weiter nach Rexdale zog, einem Vorort von Toronto mit einer großen somalischen Exilantengemeinde.

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