Lichte Buchenwäldchen, von Hecken umsäumte Getreidefelder und zwischen den grünen Hügeln der Endmoränenlandschaft ein goldbraunes Reetdach mit sanft gerundeten Gauben. Das ist die Ausstattung norddeutscher Kulturlandschaft in ihrer idyllischsten Form. Und genau diese Landschaft scheint jetzt akut gefährdet. In den Zeitungsartikeln, Fernseh- und Hörfunksendungen, die seit einem guten halben Jahr von der Katastrophe künden, überwiegt zwar noch der Konjunktiv, doch die markigen Überschriften beschwören bereits das Ende der schmucken Dächer aus dicht gepacktem Schilfrohr. »Killer-Pilz frisst Reetdächer auf« (Hamburger Morgenpost), »Naturdächer in Gefahr« (Welt am Sonntag), »Rätselhaftes Dächersterben« (Spiegel). Die Angst geht um unter Reetdachhausbesitzern zwischen Sylt und Usedom, der Uckermark und Ostfriesland. Behörden raten, Neueindeckungen vorerst zurückzustellen. Reethändler beklagen Umsatzeinbrüche. Reetdachdecker zittern um die Existenz. Und Wissenschaftler versuchen ihre Ratlosigkeit in Forschungsprojekten zu bekämpfen.

Die öffentliche Aufregung steht im krassen Gegensatz zum Erkenntnisstand. Noch hat niemand ermitteln können, ob es sich bei den faulig stinkenden und matschigen Dächern, von denen in den Medien berichtet wird, um Einzelfälle oder um einen Trend handelt. Wie viele Reetdächer gibt es überhaupt in Deutschland? Nicht einmal Fachleute kennen auf diese Frage eine hinreichend präzise Antwort. Ihre Schätzungen schwanken zwischen 30.000 und 100.000. Ob davon jedes Dreißigste, jedes Hundertste oder jedes Tausendste von vorzeitigem Verfall betroffen ist, hat noch niemand versucht herauszufinden. Wie groß die Bedrohung für die norddeutschen Reetdächer durch die geheimnisvollen Pilze tatsächlich ist, weiß man also nicht. Das Unwissen ficht die Medien mit ihren aufgebauschten Berichten nicht an. Zu schön lässt sich der bedrohte Heimat- und Wohlfühlfaktor Reet vermarkten.

Wer nach Quellen für die Panikmache sucht, stößt immer wieder auf den Namen Ulrich Schaefer. Der 64-jährige Unternehmensberater lebt selbst unter einem erst vor zweieinhalb Jahren neu eingedeckten Reetdach in Quern, im Nordosten Schleswig-Holsteins. Aus diesem dünn besiedelten und höchst beschaulichen Landstrich zwischen Schlei und Flensburger Förde dringen die meisten Meldungen über Schäden am Schilfrohr. »Ich habe in den vergangenen neun Monaten über tausend Dächer gesehen, keines davon war ohne Befall«, behauptet Schaefer. Darunter sei auch sein eigenes. Von außen sehe es zwar einwandfrei aus, doch unter der schmucken Oberfläche habe er befallene Stellen gefunden. Einzelne herausgezupfte Halme zeigen einen weißen Schimmelbelag. »Wenn man hineingreift, fühlt es sich an wie Haferflockensuppe.« Diesen Artikel können Sie auch als mp3 hören, klicken Sie auf das Bild. Weitere ZEIT-Artikel zum Hören finden Sie unter www.zeit.de/hoeren BILD

Auf seiner Website www.reetdach-sterben.de verbreitet Schaefer die in den Medien gern aufgegriffene Theorie, neuartige, Zellulose zersetzende Pilze aus der osteuropäischen Papierindustrie seien für die matschigen Dächer verantwortlich. »Reet wächst in Feuchtgebieten, in denen die ganze Industriesoße zusammenläuft«, erklärt er den vermeintlichen Zusammenhang und macht besorgten Hausbesitzern gleichzeitig Hoffnung. »Wie bei einer Krebserkrankung« könne jede befallene Stelle zunächst in einer »Radikal-OP« entfernt und das Dach anschließend permanent überwacht und behandelt werden. Die nötigen Chemikalien nebst Wartungsvertrag bietet Schaefer dann auch gleich selbst an. Das ist praktisch, und so mangelt es ihm offenbar nicht an Kundschaft.

Noch vor 50 Jahren war Reet ein Dachbelag für arme Bauern, die sich nichts Besseres leisten konnten. Heute ist es – mit Ausnahme von einigen denkmalgeschützten Gebäuden – vor allem ein Statussymbol für die naturverbundene Oberschicht. Schon die Herstellung, vor allem aber die Feuer- und Sturmversicherung eines Reetdachs gehen ins Geld. Wer darunter wohnt, ist überdurchschnittlich kaufkräftig – und meinungsstark. In den Mitgliederverzeichnissen der Bürgerinitiativen zur Reetdach-Rettung, die in den letzten Monaten überall in Norddeutschland aus dem Boden geschossen sind, wimmelt es von Doktoren und Professoren. Keine Theorie über den Dachschaden ist abwegig genug, um dort nicht ausufernd diskutiert zu werden.

Der Klimawandel sei schuld, heißt es da zum Beispiel. Reet werde heute nicht mehr bei knackigem Frost quasi »gefriergetrocknet« geerntet, sondern bei fünf Grad und Nieselregen. Immer mehr Reet werde aus China und der Türkei importiert, sei von schlechterer Qualität und verbreite exotische Pilze. Früher habe der saure Regen den schädlichen Dachbewuchs abgetötet, jetzt gedeihe er ungestört.

Überhaupt wird der Umweltschutz gern für die Schäden verantwortlich gemacht. Abgedecktes Reet sei früher gleich vor Ort verbrannt worden, jetzt sei das verboten. Beim Abtransport auf offenen Lkw werde es durchgerüttelt und verteile seine Pilzsporen in der Landschaft. Seit Einführung der Wärmeschutzverordnung würden Reetdächer aus Energiespargründen nicht mehr ausreichend durchlüftet und begännen deshalb zu schimmeln. Der Grundwasserschutz verbiete den Einsatz ausreichender Mengen von Fungiziden zum Abtöten der Dachpilze.