Schilfdächer Oben modert'sSeite 3/3
Beides kommt offenbar vor. Und mancher Reetdachdecker sieht gern auch einmal gnädig darüber hinweg, wenn ein Dach gänzlich ungeeignet für den Naturbelag ist. Mindestens 45 Grad Dachschräge und eine höchstens um 15 Grad geringere Neigung der einzelnen Halme – so verlangen es die Fachregeln für Reetdachdeckungen, eine neunseitige Richtschnur, die der Zentralverband des deutschen Dachdeckerhandwerks herausgegeben hat. Je kürzer die Halme und je dicker der Belag, desto flacher – und damit feuchter – wird das Reet. Selbst auf dem Hof Heidenreich, einem erst vor drei Jahren neu eingedeckten Vorzeigedach im schleswig-holsteinischen Freilichtmuseum Molfsee, wurde die Mindestneigung unterschritten. Das sieht jedenfalls Henk Horlings als Ursache für erste pilzbefallene Flecken. Gedeckt wurde es ausgerechnet von Manfred Arp, dem Landesinnungsmeister. Und der wehrt sich entschieden gegen die Unterstellung, er habe unfachmännisch gearbeitet: »Wie groß die Halmneigung ist, kann ich Ihnen nicht sagen, aber das ist eindeutig kein Grund für eine mögliche Schädigung.« Museumsdirektor Hermann Heidrich hat das Dach reklamiert, das Mängelrüge-Verfahren läuft noch.
Haftungsfragen sind ein Hauptgrund dafür, dass Dachdecker mögliche Schäden nur sehr zögerlich melden. Normalerweise hält ein anständig gedecktes Reetdach 30 bis 50 Jahre. Knapp 100 Fälle hat die Innung inzwischen registriert, in denen schon sehr viel früher deutliche Schäden aufgetreten sind. Feuchtigkeit ist allerdings auch bei Neubauten aus Stein und Ziegel in ein bis zwei Prozent der Fälle ein gängiges Problem. Ob die Quote bei Reetdächern tatsächlich höher liegt, weiß niemand. Die Versicherungen haben zwar eine vollständige Übersicht aller Reetdächer, rücken sie bisher aber nicht heraus. Und auf die Idee, die Eigner aller 2000 in den letzten zehn Jahren vom schleswig-holsteinischen Umweltministerium zur »Pflege des Landschaftsbildes« geförderten Reetdächer anzuschreiben und nach Schäden zu fragen, ist noch niemand gekommen.
Auch ein Forschungsprojekt, für das die Dachdeckerinnung insgesamt 290.000 Euro bei der Bundesstiftung Umwelt, den Ländern Schleswig-Holstein und Niedersachsen, bei Dachdeckern, Reethändlern und Versicherungen eingeworben hat, wird keine statistische Schadensbilanz erheben. Stattdessen untersuchen die Bundesanstalt für Materialprüfung und die Universität Kiel geschädigte Reetproben auf ungewöhnliche Pilze, Algen, Flechten und Bakterien und nehmen auch das Reet selbst unter die Lupe. Die ersten Ergebnisse der Rasterfahndung werden demnächst vorgestellt, große Überraschungen sind jedoch nicht zu erwarten. »Bisher hatten wir keine ungewöhnlichen Funde«, sagt der Kieler Molekularbiologe Frank Kempken.
Die Bremer Materialprüfanstalt hat auf Initiative eines einzelnen Dachdeckers verschiedene Reetquerschnitte mikroskopisch untersucht und dabei deutliche Unterschiede im sogenannten Stützgewebe festgestellt, die für unterschiedliche Haltbarkeit verantwortlich sein könnten. Dass manche Reetsorten mehr Wasser aufnehmen und damit eine bessere Grundlage für Pilze und Algen bieten als andere, zeigt sich auch schon, wenn die Halme für ein paar Stunden nebeneinander in einen Wassereimer gestellt werden. Die Dachdeckerinnung möchte aus den Untersuchungen gern leicht messbare Qualitätskriterien – und damit auch eine Produkthaftung – ableiten. Ob ein naturbelassener Rohstoff wie Reet zertifiziert werden kann, ist unter Juristen allerdings noch umstritten.
»Schilf ist wie Wein«, sagt ein Reethändler, der nicht namentlich in der Zeitung auftauchen möchte, »je nach Wetter und Lage wächst es mal besser und mal schlechter.« Grundsätzliche Qualitätsunterschiede zwischen verschiedenen Herkunftsländern gebe es nicht. Aus heimischem Anbau stammt nur noch ein Bruchteil des Reets auf deutschen Dächern. Fast die Hälfte wird aus Rumänien importiert, die Ukraine und Ungarn sind weitere Hauptlieferanten. Die Türkei und China steuern dagegen zusammengerechnet nur zehn Prozent bei. »Wegen der anderen Erntezeiten verbessert das asiatische Reet unsere Verhandlungsposition in Osteuropa«, meint der Händler, »so sind wir am Ende der Saison nicht mehr gezwungen, auch die letzten Reste aufzukaufen.«
»Reet ist ein äußerst sensibles Bauteil«, sagt der Architekt Georg Conradi, der an der Fachhochschule Lübeck an einem Versuchsdach forscht, »in Zeiten von Kunststofffenstern und Laminatfußböden vergisst man das leicht.« Wenn von »zehn bis zwölf Kriterien für ein gutes Reetdach« weniger als zehn erfüllt seien, gebe es Probleme. Und das war schon immer so. »Auch aus den zwanziger, den fünfziger und den siebziger Jahren gibt es Berichte über ein Reetdachsterben«, sagt Steffen Slama, ein Mitarbeiter von Conradi, »dauerhaft war das Thema nie.«
Sollte es diesmal tatsächlich anders kommen, bleibt ein letztes Mittel zur Bewahrung der norddeutschen Kulturlandschaft: Kunstreet. Das wird von einer niederländischen Firma in 30 mal 50 Zentimeter großen Segmenten hergestellt, ist feuer- und sturmfest, hält mindestens 30 Jahre lang, sieht echtem Reet täuschend ähnlich und hat nur einen entscheidenden Nachteil: Es kostet noch wesentlich mehr als ein Dach aus natürlichem Schilfrohr.
Weiterführende Links:
www.reetdachdeckung.de
– Offizielle Informationen der Reetdachdeckerinnungen
Vakfederatie Rietdekkers (Niederlande)
Kunstreet
- Datum 02.08.2007 - 04:38 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 02.08.2007 Nr. 32
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Das wurde aber auch Zeit! Der erste ausführliche Artikel zum angeblichen Reetdachsterben: Differenziert gut recherchiert und kein Blatt vor den Mund genommen. Bravo. das hätte schon vor einem Jahr gewaltig geholfen. Da lob ich mir doch die Gelassenheit meiner älteren Kollegen auf dem Reetdach, die der ganzen Pilzparanoia ganz gelassen gegenüber standen. Ich als junger Reetdachdecker muß aber forschen, was nun dran ist. Mittlerweile kann ich meinen Kunden sagen, Lies mal die Zeit und lass alle Verschwörungstheorien im Keller.
Euer Journalist Dirk Asendorf hat sich in Sachen Reetdach so qualifiziert, daß ich ihn sofort mit aufs Dach nehme. Der Innungsmeister sollte lieber noch mal Handlangern und den Alten auf die Finger schauen und nicht die ganze Branche mit seinem fehlerhaften Dach in den Dreck ziehen oder die Verantwortung bei anderen suchen.
Ein Reetdach braucht Zeit.
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