Religion : Tödliche Gebote

Wir brauchen eine Aids-Theologie für Afrika. Ein klares Wort des Papstes könnte Millionen Leben retten.

Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet in dieser gottfernen Zeit, in der viele Menschen den Glauben und das kirchliche Leben hinter sich gelassen haben, die Diskussion über die Bedeutung der Religionen so intensiv geführt wird wie seit Langem nicht mehr. Das hat mit dem vermeintlichen clash of civilizations zu tun, mit Samuel Huntingtons umstrittener These vom Zusammenprall der Kulturen, der sich in den vielfältigen Konflikten und Überempfindlichkeiten zwischen der islamischen und christlichen Welt äußere. Und es hängt auch mit dem Tod von Papst Johannes Paul II. und der Wahl seines Nachfolgers Benedikt XVI. zusammen.

Seither wird nämlich in den Medien intensiv über die katholische Morallehre gestritten, und auch die alte Debatte über die Kondomfrage flammt wieder auf, vor allem unter Journalisten, die normalerweise mit der Kirche recht wenig am Hut haben. Das bleibt nicht ohne Rückwirkung auf den Vatikan: Hinter den hohen Mauern des päpstlichen Reiches hat man zumindest begonnen, über das Präservativ als möglichen HIV-Schutz innerhalb der Ehe nachzudenken.

Als der neue Papst erstmals eine Delegation von Bischöfen aus dem südlichen Afrika empfing, teilte er deren »tiefe Sorge über die durch Aids verursachte Zerstörung«. Aber die Tragweite der Tragödie wird offenbar immer noch unterschätzt. Denn der Pontifex bekräftigte bei diesem Treffen, dass Keuschheit und Treue den »einzig sicheren Weg« weisen, um der Ausbreitung der Seuche vorzubeugen.

Während in der Zentrale uneingestandene Ratlosigkeit herrscht, müssen wir an der Peripherie erkennen, dass die Gebote der kirchlichen Sexualmoral für jene Menschen, die sie strikt befolgen, einem Todesurteil gleichkommen können. Das gilt hier in Afrika vor allem für Ehefrauen, deren Männer untreu sind. Dieser Kontinent hat Tausende solcher Einzelschicksale zu erzählen, aber keiner hört zu, nicht einmal die Kirche, die eigentlich das Leben unter allen Umständen schützen will. Wir lassen unsere Leute im Stich – mit guten Intentionen, aber einem vernichtenden Resultat. Denn Millionen von Aids-Toten in Afrika, das sind auch Millionen von toten Katholiken. Aber die meisten Kirchenführer haben gelernt, zu schweigen und fragend nach Rom zu blicken. Welchen Weg sollen wir gehen?

Die katholische Kirche ist eine Gemeinschaft der Heiligen und der Sünder, und wir haben Sorge zu tragen für beide. Das Zweite Vatikanische Konzil weist uns auf unsere Schwesterkirchen und ihre reichen Traditionen hin. Mit Freude habe ich vernommen, dass Papst Benedikt XVI. die Tradition dieses Konzils weiterentwickeln will. Vielleicht öffnet sich da ein kleines Fenster der Hoffnung? Vielleicht folgen den vielen Worten endlich Taten? Vielleicht lernen wir von unseren Schwesterkirchen?

Die orthodoxe Kirche kennt zum Beispiel das Prinzip der oikonomia. Das Wort kommt aus dem Griechischen; es bedeutet Haushaltung, Vorsorge und beschreibt die Verwirklichung des Mysteriums der göttlichen Liebe, die von Jesus Christus verkündet und vorgelebt wurde und in den Handlungen der Kirche fortwirkt. Dieses Prinzip respektiert die geltenden Regeln der Kirche, aber unter außergewöhnlichen Umständen können sie ausgesetzt werden – nicht, um Präzedenzfälle zu schaffen, sondern um der Menschen und ihrer Nöte willen.

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