Biotechnologie Faible für Vampire
Vom Pionier zum Resteverwerter: Die Biotech-Branche lebt von alten Patenten der Pharmakonzerne – mit wechselndem Erfolg.
Auf diese Pille hat Bernd Seizinger seine ganze Hoffnung gesetzt. Der Chef des Münchner Biotech-Unternehmens GPC war sich seiner Sache so sicher, dass er als Marketing-Gag schon mal ein Modell anfertigen ließ: eine blau-gelbe Kapsel aus Hartplastik, groß wie ein Handy. So ähnlich, nur kleiner, soll das Mittel gegen Krebs einmal aussehen. Für nächste Woche hatte Seizinger die Zulassung der amerikanischen Arzneibehörde erwartet. Doch die Prüfer wollten mehr harte Fakten sehen. Die Studien, die die Münchner eingereicht hatten, genügten ihnen nicht. Um einer förmlichen Ablehnung zuvorzukommen, zog GPC den Antrag vergangene Woche zurück. Wenn überhaupt, wird die Arznei, der Analysten Bestsellerpotenzial prophezeit hatten, nicht vor 2008 auf den Markt kommen.
Der Aktienkurs brach binnen einer Woche um knapp 70 Prozent ein. US-Amt bremst deutsche Biotech titelte das Handelsblatt . Der Spiegel schrieb, der Absturz der Firma habe »die gesamte Branche ins Taumeln« gebracht. In diesem Urteil steckt ebenso viel Wahres wie Unwahres. Richtig ist, dass sich die deutsche Biotechnologie in einer schweren Krise befindet. Sieben Jahre nach dem Börsenboom um die Entschlüsselung des Genoms fehlt es der Branche dramatisch an Kapital. Die Anleger sind abgewandert, nachdem sie erkannten, wie lange es dauern würde, aus den Gendaten Medikamente zu machen. Mit jeder schlechten Nachricht sinken die Kurse und Finanzierungschancen weiter.
»Ein trojanisches Pferd, um in den Markt zu kommen«
Es ist allerdings verfrüht, das Ende der deutschen Biotechnologie auszurufen. Tatsächlich hat die junge Branche noch gar nicht angefangen, ihr Können zu beweisen. Ihre eigenen Arzneien sind weit von der Marktreife entfernt. Wenn Biotech-Unternehmen bisher Schlagzeilen machten, dann stets mit Produkten, die sie einlizensiert hatten, um die Anleger bei Laune zu halten.
Das ging oft schief. So landete das Aachener Start-up Paion Ende Mai einen schweren Flop – mit einer von Schering übernommenen Schlaganfallarznei. Und die Krebspille, die nun auf Wunsch der US-Arzneimittelprüfer eine Ehrenrunde dreht, wurde nicht in den Laboren von GPC erfunden. Es handelt sich nicht einmal um ein gentechnisch hergestelltes Medikament, sondern um ein klassisches Chemotherapeutikum – ein Patent des Pharmariesen Bristol-Myers Squibb, das die Münchner gekauft und zur Marktreife entwickelt haben, weil bis zum Vertrieb des eigenen Krebsmittels noch mindestens fünf Jahre vergehen.
Aus dem Trick hat der GPC-Chef nie einen Hehl gemacht. Satraplatin sei ein »trojanisches Pferd, um in den Markt zu kommen«, bekannte Seizinger, wenn man ihn fragte. Es fragte ihn bloß kaum einer, dazu war die Geschichte vom ersten deutschen Biotech-Bestseller einfach zu schön.
Ähnlich bei Medigene. Die Nachbarn von GPC im Münchner Biotech-Vorort Martinsried, erfreuten die Investoren sogar schon zweimal mit kleineren Medikamenten. Diese wurden als die ersten deutschen Biotech-Arzneien gefeiert – dass sie woanders erforscht worden waren, ging im Jubel völlig unter. Anleger, Analysten und Journalisten hungerten nach guten Nachrichten.
Das Schauspiel könnte sich bald wiederholen. Denn das Berliner Unternehmen Jerini will noch in diesem Jahr ein Mittel gegen eine Erbkrankheit namens Angioödem zur Zulassung vorlegen. Bei dem Leiden handelt es sich um eine seltene Gewebeschwellung – und bei der Arznei um ein Patent der alten Hoechst AG.
Eigentlich war das alles einmal genau andersherum gedacht. Die Pharmaindustrie hatte sich Impulse von der Genforschung erhofft. Die Erfindungen der Biotech-Start-ups sollten den Konzernen als Frischzellenkur dienen.
In einem Fall klappte das. So verdankt der Schweizer Pharmariese Roche fast alle wichtigen Produkte in seinem Pillen-Sortiment dem US-Biotech-Unternehmen Genentech. In Amerika hatte die Gründerwelle früher eingesetzt. Und die Schweizer kauften sich schon Anfang der neunziger Jahre bei den Kaliforniern ein.
- Datum 14.08.2007 - 13:59 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 09.08.2007 Nr. 33
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kam in Deutschland ein bemerkenswertes Buch auf den Markt: "Der Pharma-Bluff" von Marcia Angell. Obwohl es sich hauptsächlich dem US-Markt widmet, lassen sich zahlreiche Erkenntnisse eins zu eins auf die hiesige Pharmandustrie übertragen. Eine der wichtigsten (auch wen Angell sie in einem Nebensatz versteckt) lautet: Die Pharmafirmen agieren unter dem Druck des Kapitalmarktes mehr und mehr wie Banken statt wie forschende Unternehmen. Zu letzteren gehören zwingend hohe laufende Kosten für Forschung und Entwicklung in Verbindung mit einer großen Unsicherheit, ob sich diese Investitionen für ein bestimmtes Produkt auch auszahlen. Um diese Risiken zu minimieren, verfallen die Unternehmen auf solche abstrusen Gedanken, wie Produkte in einem späten Entwicklungsstand zu kaufen und solche in einem frühen abzustoßen. Erst wenn die Vorstände begreifen, dass diess Strategie vielleicht in den Hirnen von Wirtschaftswissenschaftlern und Unternehmensberatern, aber nicht an der Laborbank funktioniert, werden sich solche Probleme nicht mehr ergeben.
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