Der Spiegel macht viel Aufhebens um die Stammheimer Tonband-Mitschnitte, die ein findiger Journalist in den Katakomben der Justiz aufgestöbert hat. Dabei war der Inhalt längst vertraut, und man wüsste nicht, was das bloße Hören dem Bekannten noch hinzufügen könnte. Aber so ist es nicht, denn die stimmliche Modulation bleibt dem Inhalt der Sätze nicht äußerlich. Andreas Baader, aber nicht nur er, spricht im Stammheim-Prozess 1975 mit sonorer Lakonie, aus der dann seine Drohungen, etwa gegen den Richter, umso brutaler hervorschießen: »Wir sind sicher, Prinzing, dass Sie hier auch an Ihrem eigenen Urteil arbeiten.« Überhaupt scheint die sachliche Tonlage die akustische Kulisse zu bilden, vor der die Kampfbegriffe umso machtvoller ihren Auftritt haben. An ihnen hing für die RAF alles, und vielleicht beruhte ihre tödliche Selbsttäuschung in dem Aberglauben, die Realität sei mit ihren Begriffen und Definitionen identisch. Andreas Baader: »Juristische Kategorisierungen sind nur kodifizierter Ausdruck realer Machtverhältnisse.« Oder: Der Stammheim-Prozess ist »die totale Kontrolle dieses Staates nach innen und außen für die Weltinnenpolitik, des hegemonialen, des USKapitals«.

Die Springer-Presse hat in solchen Sätzen scharfsinnig die Komplizenschaft zwischen der RAF und der Linken, genauer: der Frankfurter Schule erkennen wollen. Richtig ist, dass Theodor W.

Adorno, der beim Anblick eines protestierenden Studenten unverzüglich nach dem Schutzmann verlangte, in seiner Negativen Dialektik (1966) längst mit jenen abgerechnet hatte, die die Welt mit ihren viereckigen Definitionen verwechseln. Viel aufschlussreicher ist die geistige Schnittmenge zwischen der RAF und den Rechtsintellektuellen. Dass Deutschland das »Subzentrum des amerikanischen Imperialismus« ist (Baader), das war nicht nur ein linker Refrain die alte und neue Rechte sang es genauso. Amerika, so tönte sie, sei die Quelle der Weltverfinsterung und zerre Deutschland am »Nasenring« durch die Geschichte. Für beide, für die Rechte wie für die Linke, war die Stafette des Weltfeindes an die USA übergegangen, denn Vietnam war wie Auschwitz, aber eigentlich schlimmer. So waren alle entlastet. » USA SA SS« hieß die Parole, und so skandierten es auch die Studenten. Und ihre Väter summten vielleicht leise mit.