Zur jüngsten Begegnung mit Elvis kam es vor nunmehr sechs Wochen am Strand von Travemünde. Da lag er plötzlich, die Gitarre in die Armbeuge geschmiegt, am hellen Nachmittag zwischen den Wochenendausflüglern und sah jung und schlank aus wie in den Anfangstagen. Kinder standen um ihn herum, zeigten mit dem Finger auf seine riesigen Füße in den elegant geformten Slippern – sie sollten wohl die Wildlederschuhe darstellen, auf die man niemals treten darf –, während der Künstler, ein eigens zum Wettbewerb "Sand World" angereister Spanier, gerade letzte Hand an die Tolle legte.

Elvis als Sandskulptur, flankiert von Beethoven und Marlene Dietrich – das ist nicht nur ein schönes Bild für den Glanz und die Vergänglichkeit der Welt, es zeigt auch, dass seine kulturelle Substanz mittlerweile in jeden beliebigen Aggregatzustand überführbar ist. Ob Schlüsselanhänger, Gedenktasse, Schmuckbox, ob ironisches Zitat im viel zu engen weißen Karateanzug oder (für unsere junggebliebenen Kunden) eine vom King handsignierte Elvis-Harley, alles ist aus seinem Geiste herstellbar. Insbesondere zu Gedenktagen kreißt die Elvis-Maschine und gebiert neue Attraktionen für Jung und Alt. Elvis Presley, der demokratischste Star auf Erden: 30 Jahre, nachdem er im Badezimmer seiner Graceland-Villa tot zusammenbrach, kann endlich jeder, der will, ein Stück von ihm kriegen.

Als Ikone mit universellem Einsatzgebiet gehört er gleichsam zur Inneneinrichtung der Gegenwart, ein Postermaskottchen wie Marilyn Monroe oder der Einstein mit der herausgestreckten Zunge, und er erfüllt diese Funktion je besser, je weiter sein Abbild sich von der historischen Figur, die er einmal war, entfernt. Elvis lebt? Ja, aber viele haben nur noch einen verschwommenen Begriff von seinem Wirken. Die Zahl der Frauen, die in einer Vollmondnacht auf einem Parkplatz in Mittel-Kentucky vom King geschwängert worden sein wollen, ist so rückläufig wie seine Sichtungen im Internet. Der Themenpark-Elvis dieser Tage erscheint uns wie ein Gruß aus einem verwehenden amerikanischen Jahrhundert, das der Welt fettiges Essen, Treibhausgase und eine Musik namens Rock’n’Roll hinterließ, ja man könnte denken, nie in elvisferneren Zeiten gelebt zu haben als heute, wo die letzten Hinterlassenschaften seiner Regentschaft in die Vitrinen gestellt werden.

Kein Wunder, dass die Kinder mit dem Finger auf ihn zeigen. Und doch beweist die Regelmäßigkeit, mit der er wiederkehrt, wie viel Unabgegoltenes noch immer um ihn ist. Elvis ist der Bi-Ba-Butzemann der Rockhistorie, er geht um zwischen den Lebenden, weil er für mehr steht als nur eine Person. Mit ihm hat alles angefangen, damals 1954, in einem kleinen Studio der am Mississippi gelegenen Stadt Memphis in Tennessee, eine ganze Generation war Zeuge. Elvis darf nicht sterben, weil der Mythos "Elvis" unter seinen ironischen Verkrustungen lebendig ist, er vererbt sich weiter in den Geschichten um seine Taten, der Summe der Metamorphosen, die er durchlaufen hat, von den ersten Versuchen als Sänger bis hin zu den Siebzigern, wo sein Body-Mass-Index nicht mehr so recht den Normen der Zeit zu entsprechen begann. Eine never ending story: Immer wenn sie auserzählt zu sein scheint, beginnt sie unter veränderten Vorzeichen von Neuem.

Es war ja auch nicht abzusehen, was da vom Süden der Vereinigten Staaten aus über die Welt kommen sollte, am wenigsten von den beteiligten Personen selbst. "Guter Balladensänger. Dranbleiben", notierte Marion Keisker, die Assistentin des Studiobesitzers Sam Phillips, nachdem der picklige Junge aus dem Schwarzbrennermilieu seine ersten Aufnahmen eingesungen hatte, angeblich, um seine eigene Stimme zu hören, in anderen Überlieferungen, um seiner Mutter ein Geschenk zu machen – bescheidene Träume, genährt von der Erinnerung an die große Depression und der Hoffnung auf Besseres. Mit einem Weißen, der wie ein Schwarzer singen könne, ließe sich eine Million machen, soll Phillips gesagt haben. Um dem Ruch des Rassistischen zu entgehen, hat er seinen Spruch später bestritten, aber er passt zu gut zur Erzählung vom jungen Wilden und seinem gewieften Entdecker, als dass er nicht immer wieder aufgegriffen worden wäre. Am Anfang aller Geschichten steht die vom Erfolg, der über Nacht kam, und wie so oft ist ihr Wahrheitsgehalt begrenzt.