Rock'n'Roll Noch immer allen ein Vorbild
Vor 30 Jahren starb Elvis Presley. Aber der Kult um ihn wird größer, je ferner er uns rückt – weil die Stars von heute verzweifelt daran basteln, so zu wirken, wie er einfach war
Zur jüngsten Begegnung mit Elvis kam es vor nunmehr sechs Wochen am Strand von Travemünde. Da lag er plötzlich, die Gitarre in die Armbeuge geschmiegt, am hellen Nachmittag zwischen den Wochenendausflüglern und sah jung und schlank aus wie in den Anfangstagen. Kinder standen um ihn herum, zeigten mit dem Finger auf seine riesigen Füße in den elegant geformten Slippern – sie sollten wohl die Wildlederschuhe darstellen, auf die man niemals treten darf –, während der Künstler, ein eigens zum Wettbewerb »Sand World« angereister Spanier, gerade letzte Hand an die Tolle legte.
Elvis als Sandskulptur, flankiert von Beethoven und Marlene Dietrich – das ist nicht nur ein schönes Bild für den Glanz und die Vergänglichkeit der Welt, es zeigt auch, dass seine kulturelle Substanz mittlerweile in jeden beliebigen Aggregatzustand überführbar ist. Ob Schlüsselanhänger, Gedenktasse, Schmuckbox, ob ironisches Zitat im viel zu engen weißen Karateanzug oder (für unsere junggebliebenen Kunden) eine vom King handsignierte Elvis-Harley, alles ist aus seinem Geiste herstellbar. Insbesondere zu Gedenktagen kreißt die Elvis-Maschine und gebiert neue Attraktionen für Jung und Alt. Elvis Presley, der demokratischste Star auf Erden: 30 Jahre, nachdem er im Badezimmer seiner Graceland-Villa tot zusammenbrach, kann endlich jeder, der will, ein Stück von ihm kriegen.
Als Ikone mit universellem Einsatzgebiet gehört er gleichsam zur Inneneinrichtung der Gegenwart, ein Postermaskottchen wie Marilyn Monroe oder der Einstein mit der herausgestreckten Zunge, und er erfüllt diese Funktion je besser, je weiter sein Abbild sich von der historischen Figur, die er einmal war, entfernt. Elvis lebt? Ja, aber viele haben nur noch einen verschwommenen Begriff von seinem Wirken. Die Zahl der Frauen, die in einer Vollmondnacht auf einem Parkplatz in Mittel-Kentucky vom King geschwängert worden sein wollen, ist so rückläufig wie seine Sichtungen im Internet. Der Themenpark-Elvis dieser Tage erscheint uns wie ein Gruß aus einem verwehenden amerikanischen Jahrhundert, das der Welt fettiges Essen, Treibhausgase und eine Musik namens Rock’n’Roll hinterließ, ja man könnte denken, nie in elvisferneren Zeiten gelebt zu haben als heute, wo die letzten Hinterlassenschaften seiner Regentschaft in die Vitrinen gestellt werden.
Kein Wunder, dass die Kinder mit dem Finger auf ihn zeigen. Und doch beweist die Regelmäßigkeit, mit der er wiederkehrt, wie viel Unabgegoltenes noch immer um ihn ist. Elvis ist der Bi-Ba-Butzemann der Rockhistorie, er geht um zwischen den Lebenden, weil er für mehr steht als nur eine Person. Mit ihm hat alles angefangen, damals 1954, in einem kleinen Studio der am Mississippi gelegenen Stadt Memphis in Tennessee, eine ganze Generation war Zeuge. Elvis darf nicht sterben, weil der Mythos »Elvis« unter seinen ironischen Verkrustungen lebendig ist, er vererbt sich weiter in den Geschichten um seine Taten, der Summe der Metamorphosen, die er durchlaufen hat, von den ersten Versuchen als Sänger bis hin zu den Siebzigern, wo sein Body-Mass-Index nicht mehr so recht den Normen der Zeit zu entsprechen begann. Eine never ending story: Immer wenn sie auserzählt zu sein scheint, beginnt sie unter veränderten Vorzeichen von Neuem.
Es war ja auch nicht abzusehen, was da vom Süden der Vereinigten Staaten aus über die Welt kommen sollte, am wenigsten von den beteiligten Personen selbst. »Guter Balladensänger. Dranbleiben«, notierte Marion Keisker, die Assistentin des Studiobesitzers Sam Phillips, nachdem der picklige Junge aus dem Schwarzbrennermilieu seine ersten Aufnahmen eingesungen hatte, angeblich, um seine eigene Stimme zu hören, in anderen Überlieferungen, um seiner Mutter ein Geschenk zu machen – bescheidene Träume, genährt von der Erinnerung an die große Depression und der Hoffnung auf Besseres. Mit einem Weißen, der wie ein Schwarzer singen könne, ließe sich eine Million machen, soll Phillips gesagt haben. Um dem Ruch des Rassistischen zu entgehen, hat er seinen Spruch später bestritten, aber er passt zu gut zur Erzählung vom jungen Wilden und seinem gewieften Entdecker, als dass er nicht immer wieder aufgegriffen worden wäre. Am Anfang aller Geschichten steht die vom Erfolg, der über Nacht kam, und wie so oft ist ihr Wahrheitsgehalt begrenzt.
Nüchtern betrachtet, ist der Mythos Elvis Presley eine Studiogeburt. Vor Sam Phillips’ Mikrofonen erst stellte sich heraus, welches Potenzial in dem Titel eines Bluessängers namens Arthur Crudup steckte, den der Junge mit der Tolle mitgebracht hatte. »That’s all right, mama, that’s all right for you«, ein schlichtes kleines Lied nur, mit Schluckaufgeräuschen vorgetragen, buchstäblich von der Straße geklaubt, doch der Rhythmus rattert dazu wie ein Güterzug, und der Bass heizt den Mitspielern zusätzlich ein. Die Sun Sessions, nach dem Label benannt, auf dem sie erschienen, erreichten die Hörerschaft erst posthum, es gibt Leute, die darin punktgenau die Geburt des Rock’n’Roll nachvollziehen wie die Niederkunft des heiligen Geistes. Richtig ist, dass die winzigen rhythmischen Verschiebungen, vereint mit den anfeuernden Zurufen der Musiker in der Aufnahme durch Phillips etwas nie Dagewesenes ergeben. Als er noch etwas Echo zumischte, klang das Ergebnis so überzeugend, dass schon die ersten Zuhörer im Lokalsender von Memphis nach mehr verlangten.
Mit Elvis’ gespenstisch klingender Stimme fand die Musik des ländlichen Südens schlagartig ein Massenpublikum – als würde der Vorhang vor einer verborgenen Welt weggerissen. So alt und zugleich radikal der Zukunft zugewandt, so gottesfürchtig und im selben Atemzug ketzerisch, so naiv und doch seiner Sache sicher hat vor ihm kein Sänger geklungen. Erst der Rausch allerdings, der diesen Akt der Enthüllung begleitete, ergibt die Basis für alle späteren Formen des Elvis-Kults. Elvis überschritt die wie auf alle Ewigkeit gezogene Demarkationslinie zwischen Schwarz und Weiß, und er tat dies auf traumwandlerisch souveräne, ja tänzelnde Weise. Elvis the Pelvis, der hüftschwingende weiße Neger, umgekehrt: Elvis, der Jugendverderber und leibhaftige Teufel – die längst zur Rock-’n’-Roll-Folklore gehörenden Floskeln sind dem Versuch geschuldet, Begriffe für einen Schock des Erkennens zu finden, der die Fünfziger heimsuchte wie ein Erdbeben. Der Songwriter Butch Hancock, fassungslos: »Das war der Tanz, der so stark war, dass man eine ganze Zivilisation brauchte, um ihn zu vergessen… und zehn Sekunden, um sich wieder daran zu erinnern.«
Der Zauber dieser Ankunft liegt bis heute darin, dass all das, was die aufgeklärte Popmusik später in zunehmend verzweifelter werdenden Versuchen der Imagebastelei herbeiinszenieren musste, hier scheinbar zwanglos und organisch einfach da ist. Elvis war nicht nur der Erste, der den Slang der schwarzen Blueskneipen zum Idiom der Coolness erhob, er war auch der Erste, der im pinkfarbenen Hemd die Bühne enterte, der Erste, der sich die Wimpern tuschte, und der Erste, der ohne große Heimlichtuerei mit chemischen Substanzen experimentierte. Ohne sein Auftauchen in der gediegenen Atmosphäre des Nachkriegsentertainments kein Glamrock, kein Volksdandyismus, keine Männer, die das Weibliche in sich suchen, keine in der Öffentlichkeit der Hitlisten stattfindende Politik der Verausgabung. Die spätere Geschichte scheint so perfekt in ihm vorweggenommen, dass er im Rückblick wie der Erfinder des Jungseins selbst wirkt. Eines Jungseins allerdings ohne die Last des Bewusstseins. Für alle Zeiten finden wir es eingekapselt in seiner Musik.
Man höre noch einmal die Aufnahmen der ersten Tage, das mächtig voranpreschende Hound Dog, All Shook Up mit seinen Schlagzeugwirbeln, das unheimliche Mystery Train, das traumverlorene, in seiner Teenage-Schmerzensmetaphorik seltsam unergründliche Heartbreak Hotel, man höre vor allem Elvis’ an Blues und Gospel geschulte Stimme, um diesen Gründungsakt des Populären zu würdigen. Es sind Aufnahmen, deren Perfektion und Drive noch immer nachempfinden lässt, warum die Besten der späteren Großartisten des Genres sich in Sackgassen ihrer Karrieren auf ihn zurückbesonnen haben wie auf eine Urszene: John Cale etwa, der das Heartbreak Hotel zu einem Ort existenzieller Verzweiflung ausgestaltete. Oder John Lennon, für den Elvis Presley eine »Ein-Mann-Revolution« darstellte. In den Siebzigern brachte Lennon, enttäuscht vom Rockzirkus um ihn herum, ein Album mit dem schlichten Titel Rock’n’Roll heraus – ohne die Unschuld der Frühe zu erreichen. Wir würden uns nie wieder über etwas so einig sein wie über Elvis, schrieb der Kritiker Lester Bangs.
Nicht dass da nicht andere Sänger gewesen wären. Jerry Lee Lewis war wilder, Little Richard inbrünstiger, Johnny Cash erscheint im Rückblick traditionsverbundener, manche, wie Carl Perkins, schrieben sogar ihre Hits selbst, während der King zeit seines Lebens ein Interpret fremden Liedguts blieb. Die meisten von ihnen sind sich irgendwann einmal in Phillips’ bescheidenen Räumlichkeiten an der Union Avenue begegnet, dieser Zukunftswerkstatt der populären Musik, in der, anders als die Legenden es wollen, hart am Sound gearbeitet wurde. Elvis allerdings stieg zum ersten und größten Star einer noch namenlosen Musik auf, gerade weil seine eigentlichen Qualitäten im Performerischen lagen. Mit ihm ging die klinische Starre der Aufnahmesituation zu Ende – Männer und Frauen, die ihr Material »einsangen«. Er machte Bewegung hörbar, er füllte den ganzen Raum. Alles, was er zu Hause vor dem Spiegel geübt hatte, erwies sich vor den Spiegeln der Technik plötzlich als nützlich. Elvis, das Medium: Erst vor großem Publikum fand seine Synthese aus alt und neu zu wahrer Form.
Überhaupt das Mediale: Ohne die Verbindung mit den neuen Übertragungswegen, dem aufstrebenden Fernsehen und später dem Film, wäre der Rock’n’Roll eine eindimensionale Angelegenheit geblieben. Elvis bei Ed Sullivan, dem Jay Leno der Fünfziger: ein Mann ohne Unterleib, aus Gründen des Anstands von der Hüfte an aufwärts gefilmt, und doch ein Skandal sondergleichen. Elvis in den vielen Elvis-Filmen, die schon bald in den Studios von Hollywood entstanden: ein oft etwas hölzerner Akteur, der trotzdem mehr Sex ausstrahlt als Frank Sinatra in all seinen Rollen als Gentleman-Charmeur zuvor. 50000000 Elvis Fans Can’t Be Wrong, dieser sprichtwörtlich gewordene LP-Titel hat seine Wahrheit in einem multimedial gewobenen Band zwischen dem Star und seinen Publikum. Gewiss, als Schauspieler bleibt der »Brando mit der Gitarre« weit hinter den rebellischen Vorbildern zurück, deren Gestik er intensiv studiert hatte – James Deans Rebel Without A Cause war einer seiner Favoriten –, doch noch in seinen schlechtesten Filmen bewegt er sich in überraschendem Einklang mit dem Medium. Die Kameras lieben ihn, pflegten die Beleuchter zu sagen.
Folgerichtig, dass der Abstieg in dem Moment begann, als der Glanz des Populären auf andere Helden zu fallen begann. In den frühen Sechzigern, mit den Beatles und Bob Dylan, brach eine neue Ära an, der Rock’n’Roll wurde mittelständisch, psychedelisch, sophisticated – Eigenschaften, die Elvis trotz seiner vielen Pillen im Koffer nie zu Gebote standen. Als König mit schwindendem Reich begann er sich nach Graceland zurückzuziehen, wo er sich auf sein riesiges rundes Bett legte, von dem er sich nur noch zu speziellen Gelegenheiten erhob. Die Kameras liebten ihn noch einmal 1968, im Jahr seiner Rückkehr als schon leicht anachronistischer Mann im schwarzen Lederanzug, und ein wenig noch 1973 für Aloha from Hawaii, das erste satellitenübertragene Konzert der Rockgeschichte. Danach strebte der historische Elvis Presley unaufhaltsam seinem Ende entgegen, um den Zeitgenossen fortan als Geist zu erscheinen – sämtliche Ironien und Schauerlichkeiten inbegriffen.
Ironisch nicht nur, dass der Junge aus dem Volke zuletzt das Leben eines Landedelmanns führte, umgeben von einer Horde Speichellecker, der berüchtigten Memphis-Mafia. Auch die praktisch mit seinem Tod einsetzenden Würdigungen lesen sich so emphatisch wie in sich widersprüchlich. Da sind die Versuche der Babyboomer-Generation, ihn heimzuholen ins Pantheon der amerikanischen Kultur, gleich neben Faulkner und Melville, und zugleich Bestrebungen, ihn als Punk avant la lettre zu adeln, Streitschriften, die ihn nachträglich zur Marionette der Kulturindustrie stempeln und Gespräche mit dem abwesenden Herrn P. im Himmel. Es finden sich Kannibalisierungen (»Kauft Elvis-Burger – rund wie der Leib Christi«!), Heroisierungen und Boulevardisierungen (»Elvis-Statue auf dem Mars entdeckt!«). Dazu das unablässige Gemurmel der Biografen. Elvis revisited, das ist eine Reise in die Volksfrömmigkeit.
An die 400 Bücher sind über ihn geschrieben worden, das vorläufig letzte ist Careless Love von Peter Guralnick, ein soeben auf Deutsch erschienener Mammutschinken, für den der Autor in jahrelanger Recherche noch einmal sämtliche noch lebenden Zeugen Elvis’ befragt hat – auf dass auch die letzten Lücken seines Wirkens auf Erden geschlossen werden. Man weiß inzwischen vieles über den King, kennt seine Vorliebe für Jungfrauen in weißer Baumwollunterwäsche und seine Schwäche für Schusswaffen, man weiß Bescheid über Dinge, die man gar nicht so genau wissen wollte, die exakte Menge der Drogen in seinem Körper beim Ableben zum Beispiel. Trotzdem haben gerade die Faktologien, die Tag für Tag den Aufstieg und Fall dokumentieren, die Neigung, zwischen den Zeilen ins Mysteriöse zu kippen. Lesend wird einem klar, dass man gerade in einer Heiligenvita blättert.
Ist Elvis also eine Art Religionsgründer, der Stifter der Church of Elvis Presley? Der Schriftsteller Jack Womack hat diesen interessanten Gedanken bereits 1994 durchgespielt. Elvissey. A Novel Of Elvis Past And Elvis Future spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, die von einer Organisation namens Dryco beherrscht wird. Isabel und John, ein frisch getrautes Pärchen, haben angesichts bürgerkriegsartiger Zustände auf den Straßen eine Mission zu erfüllen: Ihr Auftrag ist es, Elvis aus der Vergangenheit zu erlösen, wo er gerade seine Mutter umgebracht hat. Den bösen Geruch von Blut und Rache verströmend, nimmt The Big E die beiden in seinem Cadillac mit auf einen Himmel- und Höllentrip. Womacks Cyberpunk-Roman ist eine moderne Odyssee durch sämtliche Elvis-Verschwörungstheorien und mündet in der Vision eines Weltkults, von dem unklar bleibt, ob er die Rettung oder die endgültige Niederlage des Humanen darstellt.
So weit ist es bislang nicht gekommen, die Presley-Folklore unserer Tage wirkt so harmlos, dass die Sektenbeauftragten zu Hause bleiben können – befreit sind wir heute ohnehin alle. Jahrzehnte nach der sexuellen Revolution, die von Memphis aus ihren Lauf nahm, im Zeitalter des wahr gewordenen Zehnminutenruhms, ist der ursprüngliche Elvis-Schock nur noch zu erahnen: im ohrenbetäubenden Gekreisch des Publikums, in den Händen, die sich ihm auf alten Konzertmitschnitten entgegenrecken wie einem Erlöser. Elvis, die alte Betriebsnudel: Solange der Rock’n’Roll nicht endgültig im Mausoleum angelangt ist, kann er das Gebäude nicht verlassen.
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- Datum 15.08.2007 - 07:38 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 09.08.2007 Nr. 33
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Eine besondere Hommage stammt von The Residents, The King & Eye (1989). Ich nehme an, damals von Ralph records veroeffentlicht.
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