Rock'n'Roll Noch immer allen ein VorbildSeite 3/3
Folgerichtig, dass der Abstieg in dem Moment begann, als der Glanz des Populären auf andere Helden zu fallen begann. In den frühen Sechzigern, mit den Beatles und Bob Dylan, brach eine neue Ära an, der Rock’n’Roll wurde mittelständisch, psychedelisch, sophisticated – Eigenschaften, die Elvis trotz seiner vielen Pillen im Koffer nie zu Gebote standen. Als König mit schwindendem Reich begann er sich nach Graceland zurückzuziehen, wo er sich auf sein riesiges rundes Bett legte, von dem er sich nur noch zu speziellen Gelegenheiten erhob. Die Kameras liebten ihn noch einmal 1968, im Jahr seiner Rückkehr als schon leicht anachronistischer Mann im schwarzen Lederanzug, und ein wenig noch 1973 für Aloha from Hawaii, das erste satellitenübertragene Konzert der Rockgeschichte. Danach strebte der historische Elvis Presley unaufhaltsam seinem Ende entgegen, um den Zeitgenossen fortan als Geist zu erscheinen – sämtliche Ironien und Schauerlichkeiten inbegriffen.
Ironisch nicht nur, dass der Junge aus dem Volke zuletzt das Leben eines Landedelmanns führte, umgeben von einer Horde Speichellecker, der berüchtigten Memphis-Mafia. Auch die praktisch mit seinem Tod einsetzenden Würdigungen lesen sich so emphatisch wie in sich widersprüchlich. Da sind die Versuche der Babyboomer-Generation, ihn heimzuholen ins Pantheon der amerikanischen Kultur, gleich neben Faulkner und Melville, und zugleich Bestrebungen, ihn als Punk avant la lettre zu adeln, Streitschriften, die ihn nachträglich zur Marionette der Kulturindustrie stempeln und Gespräche mit dem abwesenden Herrn P. im Himmel. Es finden sich Kannibalisierungen (»Kauft Elvis-Burger – rund wie der Leib Christi«!), Heroisierungen und Boulevardisierungen (»Elvis-Statue auf dem Mars entdeckt!«). Dazu das unablässige Gemurmel der Biografen. Elvis revisited, das ist eine Reise in die Volksfrömmigkeit.
An die 400 Bücher sind über ihn geschrieben worden, das vorläufig letzte ist Careless Love von Peter Guralnick, ein soeben auf Deutsch erschienener Mammutschinken, für den der Autor in jahrelanger Recherche noch einmal sämtliche noch lebenden Zeugen Elvis’ befragt hat – auf dass auch die letzten Lücken seines Wirkens auf Erden geschlossen werden. Man weiß inzwischen vieles über den King, kennt seine Vorliebe für Jungfrauen in weißer Baumwollunterwäsche und seine Schwäche für Schusswaffen, man weiß Bescheid über Dinge, die man gar nicht so genau wissen wollte, die exakte Menge der Drogen in seinem Körper beim Ableben zum Beispiel. Trotzdem haben gerade die Faktologien, die Tag für Tag den Aufstieg und Fall dokumentieren, die Neigung, zwischen den Zeilen ins Mysteriöse zu kippen. Lesend wird einem klar, dass man gerade in einer Heiligenvita blättert.
Ist Elvis also eine Art Religionsgründer, der Stifter der Church of Elvis Presley? Der Schriftsteller Jack Womack hat diesen interessanten Gedanken bereits 1994 durchgespielt. Elvissey. A Novel Of Elvis Past And Elvis Future spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, die von einer Organisation namens Dryco beherrscht wird. Isabel und John, ein frisch getrautes Pärchen, haben angesichts bürgerkriegsartiger Zustände auf den Straßen eine Mission zu erfüllen: Ihr Auftrag ist es, Elvis aus der Vergangenheit zu erlösen, wo er gerade seine Mutter umgebracht hat. Den bösen Geruch von Blut und Rache verströmend, nimmt The Big E die beiden in seinem Cadillac mit auf einen Himmel- und Höllentrip. Womacks Cyberpunk-Roman ist eine moderne Odyssee durch sämtliche Elvis-Verschwörungstheorien und mündet in der Vision eines Weltkults, von dem unklar bleibt, ob er die Rettung oder die endgültige Niederlage des Humanen darstellt.
So weit ist es bislang nicht gekommen, die Presley-Folklore unserer Tage wirkt so harmlos, dass die Sektenbeauftragten zu Hause bleiben können – befreit sind wir heute ohnehin alle. Jahrzehnte nach der sexuellen Revolution, die von Memphis aus ihren Lauf nahm, im Zeitalter des wahr gewordenen Zehnminutenruhms, ist der ursprüngliche Elvis-Schock nur noch zu erahnen: im ohrenbetäubenden Gekreisch des Publikums, in den Händen, die sich ihm auf alten Konzertmitschnitten entgegenrecken wie einem Erlöser. Elvis, die alte Betriebsnudel: Solange der Rock’n’Roll nicht endgültig im Mausoleum angelangt ist, kann er das Gebäude nicht verlassen.
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- Datum 15.08.2007 - 07:38 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 09.08.2007 Nr. 33
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Eine besondere Hommage stammt von The Residents, The King & Eye (1989). Ich nehme an, damals von Ralph records veroeffentlicht.
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