Wann hat es eigentlich angefangen, dass Zahnbürsten aussehen wie Sportgeräte? Mit bulligen Körpern, als kämen sie gerade aus dem Fitnessstudio. Mit rutschfesten Griffen, als ginge es darum, die Eigernordwand zu besteigen. Mit einer Federung, wie man sie vielleicht für die Rallye ParisDakar braucht. Aber nicht für das, was ich mit meiner Zahnbürste so mache. Eine Weile lang, in den späten achtziger oder frühen neunziger Jahren, in der Zeit also, als sich die Leute bunt bedruckte Boxershorts zum Geburtstag schenkten, damals also gab es auch Zahnbürsten, die diesem Designerjahrzehnt zum Opfer gefallen waren, aus durchsichtigem Plexiglas, mit Tigermuster, in allen möglichen Varianten der Lustigkeit. Es gab auch den Versuch, die Zahnbürste, wie so vieles im Alltag, zu veredeln, die Firma Paul Smith etwa verkaufte Zahnbürsten in schönen Farbkombinationen neben ihren engen und teuren Anzügen. Damals waren das Ausnahmen vom paradontosen Mainstream - heute aber findet man in keinem Supermarkt mehr eine Zahnbürste, die einfach nur für das da ist, was man in den fünfziger Jahren wohl in guter deutscher Tradition Mundhygiene genannt hätte.

Wenn so eine Zahnbürste also schon nicht mehr nur dafür gut ist, die Zähne zu bürsten, dann kann man damit immerhin ein wenig Zeitdiagnose spielen. Sie erzählt etwas vom Gesundheitskult unserer Tage und davon, mit welchem Aufwand wir uns gegen das Alter stemmen. Sie erzählt etwas von der Verspoilerung des Alltags, wo das Design den gleichen Eindruck erzeugen muss wie ein aufgemotzter Golf auf der Autobahn. Und sie erzählt etwas von der latenten Sexualisierung, die uns umgibt, und die wir gerne bereit sind als solche aufzufassen, wenn wir den leicht anzüglichen Namen Oral B lesen. Außerdem, und das ist im Grunde das, was am meisten stört: Die Zeit ist eigentlich schon wieder ein wenig weiter, weg von all dem Testosteron und dem Dopingdesign, hin zur neuen Schlichtheit, zur schönen Strenge so wie das zum Beispiel Hedi Slimane feiert, nicht etwa mit Zahnbürsten, sondern in seiner ersten Möbelkollektion. Der frühere Chef der Männerlinie von Dior hat dunkles Holz und Metall zu solch kargen, klaren Tischen und Stühlen verschlungen, dass: ja dass man sich fast an den frühen Bob Wilson mit seinen Stuhlskulpturen erinnert fühlt, späte siebziger, frühe achtziger Jahre. Die Gegenwart atmet also mal wieder tief durch.

Hauptsache, wir haben uns vorher die Zähne geputzt.

Nächste Woche: Susanne Wiborgs Gartenkolumne Im Grünen Bereich