Es wäre schwierig, jemanden, der gerade geht, um die Erklärung zu bitten, wie er das macht: Gehen. Er könnte es wohl kaum erklären. Natürlich könnte er in der Fachliteratur nachlesen, warum der Mensch geht und wie das geht. Aber da hätte er viel zu tun, und am Ende könnte er wahrscheinlich nicht mehr gehen.

Mit der Frage, was sprechen bedeutet, verhält es sich nur insofern anders, als sie noch komplizierter ist. Wer sprechen kann, denkt nicht darüber nach (was zuweilen ein Fehler ist). Insofern ist Nikolaus Nützels Buch über die Sprache ein echter Nussknacker. Es knackt eine Nuss, von der wir spontan nicht gedacht hätten, dass man sie knacken sollte. Am Ende des ebenso amüsanten wie lehrreichen Buches sind wir ein ganzes Stück schlauer geworden, und dass wir danach immer noch sprechen können, ist dann doch alles in allem ein Vorteil. Und der größte Vorteil ist: All das, was unseren Alltag zutiefst bestimmt und organisiert, die Sprache, die Schrift, erscheint uns nach der Lektüre wie ein großes Wunder, das wir nun ein bisschen besser verstehen.

Nützel fängt mit den schwierigsten Fragen an, und deshalb ist es nicht überraschend, dass er mehr Fragezeichen als Antworten erntet. Wann die Sprache entstanden ist, wissen wir nicht. Es ist ungefähr hunderttausend Jahre her. Die Zahl klingt wie erfunden, aber Nützel zeigt, was alles dazu nötig war, unter anderem eine bestimmte Entwicklung der Organe und der Atemtechnik, vor allem aber die Fähigkeit zur Begriffsbildung. Sie setzt eine Trennung voraus: die zwischen dem Wort für eine Sache und der Sache selber. Man kann das auch Denken nennen, Bewusstsein.

Daran knüpft sich die berühmte Frage, ob Tiere sprechen können. In gewisser Weise können sie es, und Nützel erzählt von der bahnbrechenden Entdeckung des Biologen Karl von Frisch, der die tanzenden Flugbewegungen der Biene als Informationen über Futterplätze aufschlüsselte. Und dann gibt es die berühmten sprechenden Affen, aber Nützel macht klar, dass die menschliche Sprache sich wesentlich von den äußerst feinen tierischen Verständigungsformen unterscheidet. Der Mensch könnte zum Beispiel sagen: »Ich weiß, wo es was zu essen gibt«, während er in Wahrheit keine Ahnung hat. Das kann die Biene nicht (und das macht sie übrigens auch, im Unterschied zum Menschen, zur Sünde unfähig).

Man sieht an diesen Beispielen, welch bodenloses Gelände Nützel betritt, und man ist dann doch ein bisschen erleichtert, wenn er sich den nicht ganz so schwierigen Fragen zuwendet, etwa, wann die ersten Schriften entstanden sind, wie die Hieroglyphen entziffert wurden und worin der wesentliche Unterschied zwischen etwa der chinesischen und der lateinischen Schrift besteht. Mit der Schrift ist ja erst die Möglichkeit der Überlieferung entstanden, wie Nützel zeigt. Im Grunde gibt es erst seitdem Geschichte.

Welche sind die am meisten gesprochenen Sprachen? (Übrigens steht Deutsch im oberen Feld der Liste.) Man schätzt, dass es noch etwa 4000 bis 6000 Sprachen gibt und dass in 100 Jahren 90 Prozent davon verschwunden sein werden. Müssen wir deswegen traurig sein? Je weniger Sprachen, könnte man sagen, desto größer die Chancen globaler Kommunikation. Andererseits bedeutet jeder Tod einer Sprache auch den Tod einer Kultur, das Ende einer bestimmten Wahrnehmung der Welt. Warum verändern sich Sprachen, und weshalb gibt es nicht eine einzige? Hierzu findet man schöne Betrachtungen zum Esperanto und zu anderen Kunstsprachen – ein Traum, den jeder vom Vokabeltest geplagte Schüler immer von Neuem träumt. Kurz: Nützel beantwortet Fragen, die wir uns nie gestellt haben, auf derart unterhaltsame und sachkundige Weise, dass wir uns fragen, warum wir uns die nicht schon früher gefragt haben. (ab 12 Jahren) Ulrich Greiner

Luchs 246 wurde ausgewählt von Gabi Bauer, Marion Gerhard, Franz Lettner, Hilde Elisabeth Menzel und Konrad Heidkamp. Am 9. August, 16.40 Uhr, stellt Radio Bremen-Funkhaus Europa das Buch vor (Redaktion: Libuse Cerna). Das Gespräch zum Buch ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de oder als www.radiobremen.de/podcast/luchs