Kinderarmut Verlierer von Geburt an
In Deutschland leben rund drei Millionen Kinder in Armut. Ihre Zahl wächst beständig. Das kommt die Volkswirtschaft teuer zu stehen.
Was genau geschehen ist, mag Jenny* nicht verraten. Es ist ihr peinlich. Bis vor Kurzem hat sie bei ihrem Vater gewohnt. Jetzt nicht mehr. »Ich hab Scheiße gebaut«, sagt sie. »Da hat er mich rausgeschmissen.« Jenny ist zwölf Jahre alt, ein freundliches, noch sehr kindliches Mädchen. Immerhin kam sie nicht, wie zuvor schon ihre drei Geschwister, in eine Pflegefamilie. Stattdessen durfte sie zu ihrer Mutter und deren neuem Freund ziehen. Einen eigenen Bereich hat sie dort, in der Zweizimmerwohnung, nicht. »Aber das macht nichts. Tagsüber sitzen meine Mutter und ihr Freund sowieso immer im Wohnzimmer. Da kann ich im Schlafzimmer in Mamas Bett spielen.«
Kein Raum zum Spielen und Lernen, Kleidung aus dem Secondhandshop und womöglich kein regelmäßiges Essen: Im reichen Deutschland wächst die Kinderarmut. Mehr als jedes fünfte Kind lebe bereits auf Sozialhilfeniveau, hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung berechnet. Verschiedene Initiativen bieten inzwischen Mahlzeiten für die Jüngsten an, und der Andrang ist groß.
Oft geht es gar nicht allein um materielle Armut. Zusätzlich erleben Kinder wie Jenny chaotische Familienstrukturen, die ihnen keine Sicherheit bieten. Sie sind mit psychischen Problemen ihrer Eltern konfrontiert und wachsen in einem Milieu fern jeder Bildung auf. Experten unterscheiden deshalb zwischen finanzieller, sozialer und kultureller Armut – die sich allerdings oft gegenseitig bedingen. »Für die betroffenen Kinder bedeutet Armut eine dramatische Minderung ihrer Chancen auf einen guten Schulabschluss«, sagt Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes. So vererbt sich die Armut von einer Generation zur nächsten. Sie schmälert die Zukunftschancen der Kinder, indem sie den Zugang zu Bildung und Beruf behindert – und wird zur Belastung auch für Deutschlands Zukunft. Denn das Land braucht gut ausgebildeten Nachwuchs.
Jenny geht jetzt immer zum Mittagessen ins Löwenhaus. Vor einem Jahr hat der Arbeiter-Samariter-Bund das Projekt gestartet. Damals las ASB-Mitarbeiter Rainer Micha einen Artikel in einem Anzeigenblatt, der ihn aufgerüttelt hat. Es ging um eine Woche unter dem Motto »Gesunde Ernährung« im örtlichen Einkaufszentrum. Jeden Tag, so war dort zu lesen, sei eine Gruppe von Kindern vorbeigekommen, um sich an den Probierhappen satt zu essen. Anschließend waren sämtliche Platten leer geräumt, selbst vom Tofu blieb kein Krümel übrig. »Wenn Kinder freiwillig Tofu essen, ist klar: Sie haben Hunger«, erkannte Micha. Also schuf er, zusammen mit der nahe gelegenen Schule Bunatwiete, einen Treffpunkt mit kostenlosem Mittagstisch. Zudem machen die Kinder dort Hausaufgaben, sie spielen und unternehmen Ausflüge.
Im Löwenhaus, das in einer Ladenwohnung mitten im problematischen Phoenix-Viertel von Hamburg-Harburg eingerichtet wurde, versammeln sich rund zwei Dutzend Jungen und Mädchen um den u-förmigen Esstisch. Die Armut sieht man ihnen an: Nirgends leuchtet ein frisches Rot oder ein kräftiges Orange, statt dessen dominiert ausgewaschenes Graublau die Kleidung. Jennys Freundin Jaquelin* ist zusammen mit ihrem Bruder Chris* gekommen. Die beiden sind die Jüngsten von vier Geschwistern. »Meine älteste Schwester ist schon 18, sie hat auch schon ein Kind«, sagt Jaquelin, ein zierliches, ernsthaftes Mädchen. Ihr Vater sei früher »Seefahrer« gewesen, doch heute sei er blind. »Wir kriegen Hartz IV«, erzählt die Neunjährige selbstbewusst. Hartz IV? »Ja, das ist gut. Da bekommt man Geld.«
1,9 Millionen Kinder unter 15 Jahren lebten Ende 2006 in Hartz-IV-Haushalten. Das sind gut zehn Prozent mehr als ein Jahr zuvor, obwohl die Zahl der unterstützten Menschen insgesamt sank. Die Eltern bekommen für ihre Kinder 208 Euro Sozialgeld im Monat – und kein Kindergeld. Also 6,80 Euro am Tag für Essen, Kleidung, Schulbücher, für Klassenausflüge, das Geschenk zum Kindergeburtstag der Freundin und möglichst auch mal einen Besuch im Zoo. »Bei der Kalkulation des Betrags ist man von 2,57 Euro pro Tag für Ernährung und Getränke ausgegangen«, sagt Gerda Holz, die am Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik zur Kinderarmut forscht. »Dabei kostet allein das Mittagessen in manchen Kitas und Schulen bereits 2,50 bis 3,50 Euro.« Deshalb können arme Kinder oft nicht am Schulessen teilnehmen.
Zudem hat der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers festgestellt, »dass Eltern offenbar darauf verzichten, ihre Kinder in einer Ganztagsschule anzumelden, weil sie die Kosten für das Mittagessen scheuen. Sie vergeben dann aus finanzieller Not eine große Bildungschance für ihre Kinder«. Das schrieb er jetzt an die Bürgermeister in NRW und kündigte, nach dem Vorbild von Rheinland-Pfalz, die Gründung des Fonds Kein Kind ohne Mahlzeit an, um den Kinder das Schulessen für einen Euro zu ermöglichen.
Zu den fast zwei Millionen armen Kindern aus den Statistiken zum Arbeitslosengeld II kämen eine weitere Million, denen es sogar noch schlechter gehe, schätzt Irene Becker, Expertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Denn zum einen werden die Kinder von Flüchtlingsfamilien offiziell nicht mitgezählt; sie erhalten je nach Bundesland sogar bis zu dreißig Prozent weniger Unterstützung als deutsche Kinder. Zum anderen kommen naturgemäß die Kinder von illegal Eingewanderten nicht vor. Vor allem aber stellt Becker in ihrer Studie fest, dass viele Familien von Geringverdienern zwar Anspruch auf zusätzliche Unterstützung hätten – das aber nicht wissen.
Anders als der Lohn für einen Job bemisst sich Hartz IV nach der Größe der Familie. Je mehr Kinder, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass der Lohn geringer ausfällt als das Arbeitslosengeld II. Vor allem kinderreiche Familien könnten deshalb oft zusätzlich Hartz IV bekommen. Doch laut Becker nehmen zwei Drittel der potenziellen Aufstocker ihre Ansprüche nicht wahr. Dabei handle es sich fast nur um Menschen mit Kindern.
Ob auch ihre Familie Hartz IV bekommt? Maroua ist verblüfft über die Frage, in ihrer Stimme schwingt ein wenig Empörung mit. »Wieso, mein Vater hat doch Arbeit«, sagt die 17-Jährige in perfektem Deutsch; ihre Eltern stammen aus Tunesien und haben fünf Kinder. »Mein Vater ist Lagerarbeiter bei Blume 2000.« Ob der Job für eine siebenköpfige Familie reicht, ist fraglich. Aber man lebt halt äußerst sparsam: Maroua teilt sich das Zimmer mit ihren beiden Schwestern, das findet sie ganz normal. Ohnehin verbringt sie einen Großteil ihrer Zeit im Löwenhaus. Dort kocht sie für die Kleinen und hilft ihnen bei den Hausaufgaben. Denn die kombinierte Haupt- und Realschule Bunatwiete bietet das Engagement dort als Wahlpflichtfach an. Auf diese Weise lernen die Schüler schon, was Kinder brauchen. »Die Mitarbeit der Jugendlichen ist mir besonders wichtig«, sagt Löwenhaus-Gründer Micha. »Denn in drei, vier Jahren werden sie selber Eltern sein.«
Über ein Viertel der Familien mit drei und mehr Kindern hat maximal den Hartz-IV-Satz zum Leben. Noch schwieriger ist die Lage für Alleinerziehende, von denen jeder Zweite in diese Kategorie fällt. Ihre Zahl steigt seit Jahren – und parallel dazu die Zahl der armen Kinder. 60 Prozent der deutschen Kinder, die von Sozialgeld leben, wohnten mit nur einem Elternteil zusammen, heißt es im Armuts- und Reichtumsbericht 2005 der Bundesregierung. »Die Problematik der Alleinerziehenden wird in Deutschland nicht ausreichend angegangen«, sagt die Frankfurter Forscherin Gerda Holz und verweist darauf, dass bereits jedes zweite Kind in Ostdeutschland außerhalb der Ehe geboren wird. »Das Ehegattensplitting hat vielleicht anno 1960 die gesellschaftliche Realität getroffen. Heute tut es das nicht mehr. Der Großteil der armen Kinder hat Eltern, die von dieser staatlichen Förderung nicht profitieren.« An ihre Stelle müsse ein Splitting treten, das sich ausschließlich auf die Zahl der Kinder im Haushalt beziehe.
Eine Antwort muss her, doch wie sie aussieht, ist strittig. Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner ifo Instituts, entgegnet: »Das würde die falschen Anreize schaffen. Wenn die Ehe nicht steuerlich begünstigt wäre, würde es noch mehr Alleinerziehende geben.« Er will das Ehegatten- um ein Kindersplitting erweitern und so alle Familienmitglieder berücksichtigen.
Um der Armut entgegenzuwirken, plädiert der Kinderschutzbund dafür, zunächst die Hartz-IV-Pauschalen für die Kleinen zu erhöhen. Andere wollen gleich das System umstellen, damit der Staat dafür sorgt, dass Kinder als eigenständige Personen abgesichert werden. Um die Hartz-IV-Pauschalen zu ermitteln, wurde einfach der Grundbedarf für Erwachsene ermittelt, Kinder erhalten nun 60 Prozent davon. Stattdessen soll die Politik, so eine Vorstellung, die Summe definieren, die einem Kind eine Zukunft ermöglicht. 208 Euro reichten da nicht, sagt eine Studie des Forschungsinstituts für Kinderernährung an der Universität Bonn. »Für Empfänger von Arbeitslosengeld II ist es kaum möglich, ihre Kinder ausgewogen und gesund zu ernähren«, fasst die Vizechefin Mathilde Kersting zusammen. Selbst wer ausschließlich bei Discountern einkaufe, könne mit den jetzigen Sätzen allenfalls einen Vier- bis Sechsjährigen, aber keinesfalls einen Teenager versorgen. Zwar wurde die Pauschale für die Jüngsten Anfang Juli um einen Euro pro Monat angehoben. Doch dass die Lebensmittelpreise kräftig steigen, insbesondere für Milchprodukte, wird dadurch nicht ausgeglichen.
So ernst man Kinder auch nimmt – sie können das Geld für sich nicht selbst verwalten. Der Ökonom und Verteilungsforscher Richard Hauser bestätigt: »Kinderarmut zu beseitigen ist nicht einfach, weil Kinder Bestandteil von Familien sind. Bei einem Grundeinkommen für Kinder wäre nicht auszuschließen, dass die Eltern einen Teil davon für sich selbst abzwacken.« Und doch sieht Hauser in der »großzügigen Handhabung von Transfers« das einzige Mittel, um die gegenwärtige Kinderarmut zu bekämpfen: »Die meisten Eltern lassen ihren Kindern ja möglichst viel zukommen und darben lieber selbst.« Das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik schätzt den Anteil der Eltern, die einen Teil der Kinderpauschale für sich behalten, auf maximal zehn Prozent, und seine Expertin fragt: »Sollen deshalb 90 Prozent der armen Kinder leiden?«
Um mit den derzeitigen Sätzen sein Kind auch nur einigermaßen zu ernähren, muss man besonders gut haushalten können. So strukturiert ist Jennys Mutter nicht. Deshalb kamen die Geschwister in Pflegefamilien. »Mama schafft es nicht, sich um alle Kinder zu kümmern«, sagt die Zwölfjährige voller Verständnis. »Sie ist krank, etwas, was man nicht sieht und was nie wieder weggeht.« Der neue Freund der Mutter sei früher Alkoholiker gewesen, gerade ist er erneut in der Klinik. »Wenn man Alkoholiker war, muss man immer wieder ins Krankenhaus, damit das nicht wiederkommt«, glaubt Jenny zu wissen. »Das ist doch nicht schlimm, Alkoholiker zu sein«, wirft ihre Freundin Jaquelin ein. »Doch, ist es. Da kommt man immer besoffen nach Haus.« Jenny kennt sich aus.
Die Zahl der Menschen mit psychischer Erkrankung, wozu auch die Sucht zählt, nimmt in Deutschland seit Jahren zu. Der Krankenkassenverband BKK macht als Ursache dafür nicht bloß private Ereignisse wie eine Trennung aus, sondern »vor allem belastende Situationen am Arbeitsplatz, Arbeitslosigkeit und Armut«. Die Anforderungen in Jobs nehmen genauso zu wie die Forderungen der Behörden, die mehr Engagement von den Arbeitslosen einklagen. Und das Haushaltsbudget ist äußerst knapp. »Für die betroffenen Familien entstehen daraus ökonomische, soziale und psychologische Belastungen«, sagt der Armutsforscher Christoph Butterwegge von der Kölner Universität. »Das gefährdet die Kinder in ihrer kognitiven Entwicklung, in der schulischen Leistungsfähigkeit, der psychischen Stabilität und der physischen Konstitution.« Mit anderen Worten: Den Eltern fehlt die Kraft für die Kleinen.
Allein mit höheren Kinderpauschalen ist solchen Familien tatsächlich nicht geholfen. Sie brauchen Unterstützung bei der Bewältigung des Alltags und der Erziehung ihrer Kinder. Denn die Grenzen zwischen Kinderarmut und Kindesvernachlässigung sind oft fließend, das belegt die wachsende Zahl derjenigen, die ohne Frühstück in die Schule gehen. Ifo-Chef Sinn plädiert deshalb entschieden für mehr Sachleistungen, etwa für kostenloses Schulessen und freien Kindergartenbesuch. Das Bundesfamilienministerium schätzt, dass fünf bis zehn Prozent aller Kinder unter sechs Jahren vernachlässigt werden, das seien bis zu 500000 Jungen und Mädchen. Doch nur 40000 Familien bekommen sozialpädagogische Hilfe bei der Betreuung ihrer Kinder.
Je länger eine Familie in Armut lebt, desto deutlicher werden die Schäden, die bei den Kindern zu beobachten sind. Gerda Holz hat untersucht, wie sich Armut auf Kinder allein bis zum Ende der Grundschulzeit auswirkt. Das Ergebnis: Schon in der Grundschule haben arme Kinder deutlich schlechtere Noten und bleiben öfter sitzen als ihre Klassenkameraden aus bessergestellten Familien. Nur zwölf Prozent wechseln anschließend auf das Gymnasium – bei Kindern, die niemals Armut erlebten, sind es dreimal so viele. Dabei spielen die schlechteren häuslichen Bedingungen ebenso mit wie mögliche Vorurteile der Lehrer: »Selbst bei gleichen oder sogar besseren Noten bekommen sie seltener eine Empfehlung für das Gymnasium.«
Das entspricht den Erkenntnissen des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. »Es gibt die Vermutung, dass die Lehrer eher eine Empfehlung für die weiterführende Schule aussprechen, wenn sie wissen: Zur Not können die Eltern auch mal Nachhilfeunterricht bezahlen«, sagt dessen Experte Ulrich Trautwein. »Das ist durchaus eine rationale Überlegung, die jedoch aus sozialer Sicht unerwünschte Konsequenzen hat.« Begabte, aber sozial schwache Kinder landeten also oft auf Schulen, wo sie nicht ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert würden. Folglich geht die Bildungsschere weiter auf.
Tatsächlich hängt der Schulerfolg in kaum einem OECD-Land so stark vom Status der Eltern ab wie in Deutschland, das hat die Pisa-Studie belegt. »Das dreigliedrige Schulsystem stammt aus dem 19. Jahrhundert. Es spiegelt die Unterteilung der Gesellschaft in Ober-, Mittel- und Unterschicht wider – und perpetuiert die Klassenunterschiede«, sagt auch ifo-Chef Hans-Werner Sinn. »Die frühe Aufspaltung der Schüler im Alter von nur zehn Jahren ist absolut abwegig und gefährlich für die Gesellschaft.« Trennte man die Kinder später, würden die Chancen für den Nachwuchs bildungsferner Familien steigen.
Die neunjährige Jaquelin möchte später Tierpflegerin werden und sich im Tierheim um verstoßene Hunde und Katzen kümmern. Die drei Jahre ältere Jenny hat näherliegende Ziele. Gegenwärtig besucht sie eine Sonderschule, das tun mehr als sieben Prozent der armen Kinder – und nur zwei Prozent der nichtarmen. »Aber im Sommer mache ich einen Test. Und wenn ich den bestehe, komme ich auf eine normale Schule«, sagt sie.
Selbst wenn ihr der Wechsel gelingen sollte, ist es fraglich, ob sie jemals den Hauptschulabschluss erlangt. Und noch fraglicher, ob sie später einen Ausbildungsplatz ergattern wird. Womöglich wird sie einen Weg wählen, den viele Mädchen aus armen Familien gehen, so wie auch Jaquelins Schwester: Auf der Suche nach einem Sinn im Leben werden sie oft früh Mutter – und ihr Kind hat dann wiederum besonders schwierige Startbedingungen.
Für die Betroffenen ist das deprimierend – und für die Gesellschaft fatal. Die Gesellschaft altert, im Konjunkturaufschwung fehlen schon erste Fachkräfte. Doch Deutschland leistet es sich, das Potenzial einer wachsenden Schar von Kindern zu verschmähen. »In Deutschland sind Zertifikate ganz besonders wichtig«, sagt Stephan Leibfried vom Zentrum für Sozialpolitik an der Universität Bremen. »In einer solchen Gesellschaft ist es untragbar, dass jedes Jahr zehn Prozent der Jugendlichen die Schule ohne jeden Abschluss beenden. Sie stehen dann strukturell ihr ganzes Leben im Abseits.« Sie würden über das Armsein hinaus stigmatisiert. Wenn es gelänge, das zu ändern, ginge künftig auch die Kinderarmut zurück.
Um die gegenwärtige Kinderarmut zu mildern, wäre mehr Hartz-Geld also wirklich nur ein erster Schritt. Andere müssten folgen, mal in Form von Geld, mal in Form von besseren Betreuungsangeboten. Geschieht das nicht, wird Armut wie bisher zehntausendfach von einer Generation an die nächste weitergegeben. Die Belege dafür sind erdrückend.
Kinderreichen Familien würde oft schon mehr Kindergeld helfen, damit sie gar nicht erst in das Hartz-System rutschen. Deshalb hat Familienministerin Ursula von der Leyen jetzt vorgeschlagen, es ab dem zweiten Kind zu erhöhen. Noch sinnvoller wäre es, das Kindergeld erst ab dem dritten Kind aufzustocken – und dafür energisch. Denn die Bedürftigkeitsquote von Paaren mit bis zu zwei Kindern ist sehr gering.
Arme Alleinerziehende und ihre Kinder würden am meisten profitieren, wenn die Mütter früher wieder arbeiten könnten: In Deutschland sei das Armutsrisiko von Kindern rund dreimal so hoch wie in Schweden, besagt eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Dort werden viele Betreuungsmöglichkeiten angeboten, und die Arbeitgeber sind vergleichsweise offen gegenüber den Bedürfnissen der Mütter. »Die schwedische Familienpolitik bietet im internationalen Vergleich den besten Schutz gegen Kinderarmut«, heißt es in der Studie. »Die Erwerbstätigkeit der Mütter ist die beste Option zur Armutsprävention von Kindern.«
Auch damit ist der Teufelskreis noch nicht durchbrochen, der armen Kindern weniger Bildung beschert und ihnen somit die Zukunft verbaut. Auf den Wartelisten von Kindergärten müssen Kinder von Arbeitslosen heute oft zurückstehen. Der Nachwuchs bessergestellter Familien, in denen beide Eltern arbeiten, geht vor. So ist schon ihre erste Chance zum Lernen vergeben. Grundschulklassen mit bis zu 32 Sechsjährigen machen es dann den Lehrern unmöglich, familiär vorbelastete Kinder zu fördern. Und im Alter von zehn Jahren ist das Schicksal dann eventuell schon besiegelt, wenn Kinder auf einer schlecht ausgestatteten Hauptschule landen.
All das zu ändern kostet Geld. Aber es wäre gut angelegt.
Schon heute bedeuten sinkende Schülerzahlen oft nicht, dass die Klassen kleiner werden, es werden nur weniger. Bis zum Jahr 2020 wird der Staat dann 13 Milliarden Euro pro Jahr weniger für die Schulbildung ausgeben müssen – wenn er alles beim Alten belässt. »Mehr in die Schulbildung zu investieren würde sich entschieden lohnen«, sagt Richard Hauser. »Es erhöht die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft und verringert gleichzeitig die Kosten dafür, die Menschen mit einem Existenzminimum zu versorgen.« Es könnte die deutsche Formel auflösen, die da lautet: Einmal arm, immer arm.
* Name von der Redaktion geändert
- Datum 10.08.2007 - 13:06 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 09.08.2007 Nr. 33
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