Kinderarmut Verlierer von Geburt anSeite 3/3
Die neunjährige Jaquelin möchte später Tierpflegerin werden und sich im Tierheim um verstoßene Hunde und Katzen kümmern. Die drei Jahre ältere Jenny hat näherliegende Ziele. Gegenwärtig besucht sie eine Sonderschule, das tun mehr als sieben Prozent der armen Kinder – und nur zwei Prozent der nichtarmen. »Aber im Sommer mache ich einen Test. Und wenn ich den bestehe, komme ich auf eine normale Schule«, sagt sie.
Selbst wenn ihr der Wechsel gelingen sollte, ist es fraglich, ob sie jemals den Hauptschulabschluss erlangt. Und noch fraglicher, ob sie später einen Ausbildungsplatz ergattern wird. Womöglich wird sie einen Weg wählen, den viele Mädchen aus armen Familien gehen, so wie auch Jaquelins Schwester: Auf der Suche nach einem Sinn im Leben werden sie oft früh Mutter – und ihr Kind hat dann wiederum besonders schwierige Startbedingungen.
Für die Betroffenen ist das deprimierend – und für die Gesellschaft fatal. Die Gesellschaft altert, im Konjunkturaufschwung fehlen schon erste Fachkräfte. Doch Deutschland leistet es sich, das Potenzial einer wachsenden Schar von Kindern zu verschmähen. »In Deutschland sind Zertifikate ganz besonders wichtig«, sagt Stephan Leibfried vom Zentrum für Sozialpolitik an der Universität Bremen. »In einer solchen Gesellschaft ist es untragbar, dass jedes Jahr zehn Prozent der Jugendlichen die Schule ohne jeden Abschluss beenden. Sie stehen dann strukturell ihr ganzes Leben im Abseits.« Sie würden über das Armsein hinaus stigmatisiert. Wenn es gelänge, das zu ändern, ginge künftig auch die Kinderarmut zurück.
Um die gegenwärtige Kinderarmut zu mildern, wäre mehr Hartz-Geld also wirklich nur ein erster Schritt. Andere müssten folgen, mal in Form von Geld, mal in Form von besseren Betreuungsangeboten. Geschieht das nicht, wird Armut wie bisher zehntausendfach von einer Generation an die nächste weitergegeben. Die Belege dafür sind erdrückend.
Kinderreichen Familien würde oft schon mehr Kindergeld helfen, damit sie gar nicht erst in das Hartz-System rutschen. Deshalb hat Familienministerin Ursula von der Leyen jetzt vorgeschlagen, es ab dem zweiten Kind zu erhöhen. Noch sinnvoller wäre es, das Kindergeld erst ab dem dritten Kind aufzustocken – und dafür energisch. Denn die Bedürftigkeitsquote von Paaren mit bis zu zwei Kindern ist sehr gering.
Arme Alleinerziehende und ihre Kinder würden am meisten profitieren, wenn die Mütter früher wieder arbeiten könnten: In Deutschland sei das Armutsrisiko von Kindern rund dreimal so hoch wie in Schweden, besagt eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Dort werden viele Betreuungsmöglichkeiten angeboten, und die Arbeitgeber sind vergleichsweise offen gegenüber den Bedürfnissen der Mütter. »Die schwedische Familienpolitik bietet im internationalen Vergleich den besten Schutz gegen Kinderarmut«, heißt es in der Studie. »Die Erwerbstätigkeit der Mütter ist die beste Option zur Armutsprävention von Kindern.«
Auch damit ist der Teufelskreis noch nicht durchbrochen, der armen Kindern weniger Bildung beschert und ihnen somit die Zukunft verbaut. Auf den Wartelisten von Kindergärten müssen Kinder von Arbeitslosen heute oft zurückstehen. Der Nachwuchs bessergestellter Familien, in denen beide Eltern arbeiten, geht vor. So ist schon ihre erste Chance zum Lernen vergeben. Grundschulklassen mit bis zu 32 Sechsjährigen machen es dann den Lehrern unmöglich, familiär vorbelastete Kinder zu fördern. Und im Alter von zehn Jahren ist das Schicksal dann eventuell schon besiegelt, wenn Kinder auf einer schlecht ausgestatteten Hauptschule landen.
All das zu ändern kostet Geld. Aber es wäre gut angelegt.
Schon heute bedeuten sinkende Schülerzahlen oft nicht, dass die Klassen kleiner werden, es werden nur weniger. Bis zum Jahr 2020 wird der Staat dann 13 Milliarden Euro pro Jahr weniger für die Schulbildung ausgeben müssen – wenn er alles beim Alten belässt. »Mehr in die Schulbildung zu investieren würde sich entschieden lohnen«, sagt Richard Hauser. »Es erhöht die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft und verringert gleichzeitig die Kosten dafür, die Menschen mit einem Existenzminimum zu versorgen.« Es könnte die deutsche Formel auflösen, die da lautet: Einmal arm, immer arm.
* Name von der Redaktion geändert
- Datum 10.08.2007 - 13:06 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 09.08.2007 Nr. 33
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